Puppentheater in Osterholz Von Goethes Faust zum Kinderprogramm

Das Familienunternehmen Lauenburger pflegt seit 1829 die Tradition des Puppentheaters und konnte sich dem Wandel der Zeit bislang anpassen. Doch langsam verschwinden die freien Plätze für ihre Zelte und Wagen.
14.04.2019, 10:01
Lesedauer: 4 Min
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Von Edwin Platt

Sie sind wieder da. Alle zwei Jahre machen sich die Puppenspieler der Familie Lauenburger auf den Weg nach Bremen. Dieses Jahr machen sie kurz nach ihrem jährlichen Winterquartier in Bad Segeberg auf der Wiese an der Osterholzer Heerstraße halt und spielen dort die Geschichte von Kasper und dem Räuber Schwarzbart.

Familie Lauenburger, das sind die Großmutter Ilse, mit 92 Jahren ältestes Familienmitglied, Sohn und Seniorchef Hubertus, 70 Jahre alt, mit seiner Frau Manuela und ihren Kindern Jasmin, Ivonne und David. Hubertus unterstreicht: „Wir sind Deutschlands größtes Puppentheater im Zelt und Norddeutschlands ältestes“. Rund 20 Theaterstücke hat das Familien- und Traditionsunternehmen im Repertoire. Gespielt werden bei „Schwarzbart“ zehn Figuren von zwei Spielern. Eine eher kleine Ausstattung für das Puppentheater, denn immer reist das Puppenmuseum der Lauenburgers mit, in dem Puppen aus zweihundert Jahren Spielzeit zu sehen sind. Gespielt werden heute noch Handpuppen, während die Puppen am Band das Museum füllen.

Noch vor 60 Jahren abendfüllende Programme

Wenn Theaterdirektor Hubertus Lauenburger sich an früher erinnert, beginnt er schnell von seiner Kindheit zu erzählen: „Da fuhren wir über Land, ich saß auf dem Kutschbock und abends spielten wir in den Gasthöfen. Die Wirte freuten sich, denn wir brachten Kundschaft und Umsatz. Gespielt wurde immer um acht“. Damals vor über 60 Jahren wurden „Dr. Faust“, „Die Räuber“ oder „Die Heilige Genoveva“, Bühnenstücke für Erwachsene mit meterhohen Marionetten am Band, gegeben.

Gegründet hat das Familienunternehmen Julius Lauenburger im Jahr 1829. Hubertus erlebte in frühen Jahren mit, wie der Fernseher das Puppenspiel aus den Landgasthöfen verdrängte. Abends um acht wurde nun ferngesehen. Die Wirte drängten die Puppenspieler, nachmittags aufzutreten. Damit veränderte sich das Repertoire zum Kinderprogramm, zum Kasperle auf hoher Bühne und zu Handpuppen. Fein und ordentlich malten die Lauenburgers neue Kulissen, neue Bühnenbilder, schnitzten neue Figuren, nähten ihnen Gewänder und ließen die traditionellen Puppen, zum Teil zweihundert Jahre alt, in einen Museumswagen für Marionetten einziehen. In dem dürfen die Puppen nach Vorführungen noch heute bestaunt werden.

Theaterdirektor mit Platzsorgen

Der Museumswagen ist einer von zehn, mit denen die Familie von April bis Ende Oktober durch Norddeutschland von Spielstätte zu Spielstätte reist. Mit drei eigenen Zugmaschinen sind immer mehrere Fahrten nötig, bevor der zweitägige Aufbau erfolgen kann. Oma Ilse Lauenburger wohnt im 60 Jahre alten Holzwagen mit elegant gewölbtem Dach. Überhaupt ist der Pflegezustand ihrer Wagen, aller Requisiten und des Zeltes exzellent. Alles wirkt bestens erhalten oder zumindest frisch gestrichen. War das erste Zelt der Lauenburgers vor über 50 Jahren noch aus robustem Baumwollstoff, ist heute das Vierte aus Kunststoff, LKW-Planen gleich, und wird für Vorstellungen beheizt. Es gibt Kaffee, Kaltgetränke, Kuchen, Würstchen, Popcorn, Slush Eis und wahre Fans des historischen Puppenspiels können Plakate des Theaters kaufen.

Hat Hubertus als Kind den gesellschaftlichen Wandel durch den Fernseher als Bedrohung für sein Dasein als Puppenspieler erlebt, macht ihm heute die immer dichtere Bebauung in den Städten Sorgen. „Das schränkt unsere Möglichkeiten ein.“ Auch in Osterholz konnten Lauenburgers ihr Zelt nicht in voller Größe aufbauen. Dann könnte es 400 Personen fassen. Dazu kommen Museumswagen, ihre fahrenden Wohnstätten, Transporter für Zelt und Masten, für Zäune und Prunkeingang, für Schränke sowie die Eis-, Popcornmaschinen. Und nicht zuletzt die Zugmaschine selbst. Das alles braucht Platz, der nicht mehr allerorts vorhanden ist, an denen Lauenburgers ihr Publikum suchen.

Eine Stunde analoge Unterhaltung

Es ist so weit. Stuhlreihen und Bänke lassen noch Platz, aber die ersten 70 Bremer haben im warmen Zelt vor der hohen Bühne Platz genommen, meist Omas und Opas mit ihren Enkeln. Kronleuchter spenden warmes Licht. Der rote Vorhang zieht mittig auf. Der Zirkusdirektor, die erste Handpuppe, mit hohem roten Zylinder und Mantel mit goldenen Knöpfen begrüßt vor der Kulisse eines Marktplatzes die verehrten Gäste. Nur Wuschel, eine Hundepuppe, wagt es die wohlgewählte Ansprache und Begrüßung des Theaterdirektors zu Unterbrechen. Hier wohnt Kasper, der vom Gesandten des Königs gerufen wird, weil er schlau und mutig genug ist, um Räuber Schwarzbart den Sack Gold und Juwelen wieder abzujagen, den er dem König geklaut hat.

Eine Stunde dauert die Unterhaltung, die kein bisschen digital ist, und die zwischendurch eine Pause für Kaffee und Kinder lässt, die nicht mehr still sitzen wollen. Sieben Euro kostet diese analoge Unterhaltung und Attraktion für ein Kind, acht für einen Erwachsenen. Die Preise erscheinen gering, angesichts des enormen Aufwandes, den sich Lauenburgers mit Zugmaschinen und Zeltwagen immer wieder machen. Sie sind günstiger als viele Kinos, sorgen aber immer wieder für Diskussionen. Dass ein Erwachsener mehr bezahlen soll, wollen viele verhandeln. An Kindergärten und Schulen verteilen Lauenburgers Ermäßigungen.

Weitere Informationen

Die Spielzeiten in Bremen: Osterholz, Osterholzer Heerstraße 149, Mittwoch, 17. bis Sonntag 21. April, wochentags 16 Uhr, Sonntag 11 Uhr. Habenhausen, Habenhauser Brückenstraße (bei MC Donald) von Freitag 26. April, bis Sonntag 5. Mai, wochentags 16 Uhr, sonntags 11 Uhr, Montag, Dienstag vorstellungsfrei. Schwachhausen, Emmaplatz, H.-H.-Meier-Allee, von Mittwoch 8. bis Sonntag, 19. Mai, wochentags 16 Uhr, Sonntag 11 Uhr, Montag, Dienstag vorstellungsfrei.

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