Erziehungsanstalt in der Nazi-Zeit

„Zöglinge ungeklärt verschwunden“

Die Schicksale von Jugendlichen der Erziehungsanstalt Ellener Hof in Bremen-Osterholz während der Nazi-Zeit sind noch immer nicht restlos aufgeklärt. Teil 1 einer Serie über die Geschichte der Einrichtung.
03.10.2018, 17:50
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„Zöglinge ungeklärt verschwunden“
Von Christian Hasemann
„Zöglinge ungeklärt verschwunden“

Es wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch gespielt auf dem Ellener Hof. Hier um 1930 bevor das Heim zu einer reinen Verwahranstalt gemacht wurde.

Staatsarchiv Bremen

Eine Institution des starken Gemeinsinns der Bremer Bürger – so beschrieb Oberregierungsrat Dr. Lürmann 1947 die Jungen-Erziehungsanstalt Ellener Hof. Mitten in die schwierigen Nachkriegsjahre fiel das 100-Jährige-Jubiläum des Vereins Ellener Hof. Dunkel lastete allerdings das ungewisse Schicksal von „ungeheilt“ entlassenen Jungen während der Nazi-Terrorherrschaft über der Feier.

„Während des nationalsozialistischen Regimes mussten wir feststellen, dass Zöglinge von besonders schwieriger Veranlagung, die wir als ungeheilt entließen, auf ungeklärte Weise verschwanden“, wird damals die Frau des Anstaltsleiters Georg Rehse in einem Zeitungsartikel zitiert. Inwieweit dieses „Entsetzen“ echt war, sei allerdings zweifelhaft, meint der Sozialpädagoge Rodolfo Bohnenberger in einem Aufsatz. Georg Rehse sei Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund gewesen und an Überweisungen in KZ-Lager beteiligt gewesen. Tatsächlich lässt sich in Akten nachlesen, wie Georg Rehse dem Bremer Jugendamtsleiter drei Jungen zur „anderweitigen“ Verbringung vorschlägt. Damit können Jugend-KZ gemeint sein.

Verwahranstalt für „Unerziehbare“

Über die Stellung des Ellener Hofes und seiner Bewohner in der nationalsozialistischen Jugendhilfe in Bremen gibt eine Verfügung der Bremer Wohlfahrtsbehörde Auskunft: „Der Ellener Hof erhält grundsätzlich alles Minderwertige und die nichtarischen Kinder.“ Mehr als 70 Jugendliche kamen von der Einrichtung St. Petri in den Ellener Hof. Sie galten als unerziehbar, ihr Erbgut als schädlich. Über einen Neunjährigen steht in seiner Akte: „Ein wenig erfreuliches Blutgemisch. Ein Bastard, in dem sich die negativen Erbanlagen der Mutter mit den negativen Erbanlagen des Vaters mischen. Die Volksmasse muss vor ihm geschützt werden.“ Die Erziehungsanstalt war zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Verwahranstalt ohne finanzielle Zuwendung und mit viel zu wenig Personal, eine pädagogische Erziehungsarbeit, die einst an das Rauhe Haus in Hamburg angelehnt war, fand nicht mehr statt. Der mörderische Zynismus des Regimes zeigte sich auch darin, dass die Kinder des Ellener Hofes keinen Zugang zu Luftschutzbunkern hatten.

In Akten des Staatsarchivs Bremen ist der Selbstmord des achtzehnjährigen Willy D. dokumentiert. Dieser hatte sich mit Salzsäure das Leben genommen. Der mutmaßliche Grund: sadistische Quälereien durch einen Erzieher. Georg Rehses Einschätzung zu dem Jugendlichen: „Zusammenfassend kann nach wie vor gesagt werden, dass D. ein vollkommen haltloser, verlogener und durchtriebener Junge ist, der schwerlich seinen Weg auch bei der Wehrmacht finden wird.“

Die Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht forscht im Auftrag der Diakonischen Werke zum Thema Heimerziehung während der Nazizeit. Sie hat herausgefunden, dass mindestens zehn Kinder aus Bremer Heimen entweder in KZ gestorben oder dem Euthanasie-Programm zum Opfer gefallen sind. „Viele andere sind nach Freistatt gekommen oder an die Front.“ Freistatt ist ein Erziehungslager im Landkreis Diepholz gewesen, in dem bis in die 70er-Jahre Kinder misshandelt wurden. Einzelne Kinder seien ins KZ Moringen verlegt worden. Insgesamt könne aber nicht davon gesprochen werden, dass aus Bremer Heimen massenhaft überstellt worden sei. Mehr Aufschluss über das Schicksal Bremer Heimkinder könnten die Fürsorge-Akten geben, die bis 2000 erhalten gewesen seien. „Aber die sind nicht mehr auffindbar“, bedauert Engelbracht, die Ende Oktober ein Buch über die Heimerziehung im Dritten Reich veröffentlicht. Das genaue Schicksal verlegter Kinder aus Bremer Heimen – in der Neustadt gab es mit dem Marthasheim eine Einrichtung für Mädchen – ist also noch nicht restlos aufgeklärt.

Aus Mittätern wurden Mildtäter

1944 meldeten Angehörige und Anwohner am Hallacker Misshandlungen durch einen Erzieher an einem anderen Jungen. Georg Rehse antwortete im Sprachduktus der Nazis: „Ist es nun wirklich etwas so Schlimmes, wenn eine solche Kreatur als Unterbolschewist oder Gangster bezeichnet wird? Einem solchen Jugendlichen gehörte eigentlich eine derartige Tracht Prügel, dass er vier Wochen nicht sitzen könnte.“ Im Dezember 1944 empfahl er für den Jungen die Verlegung in ein „Jugendschutzlager“ – eine Beschönigung für das Jugend-KZ Moringen. 1400 Jungen im Alter von 13 bis 22 Jahren waren dort bis zur Befreiung eingesperrt. Mindestens 89 Häftlinge wurden ermordet. Trotz des brutalen Sprachgebrauchs: Überstellungen aus dem Ellener Hof seien eher selten gewesen, sagt Gerda Engelbracht. „Man kann nicht sagen, dass Rehse reihenweise überwiesen hätte.“

Drei Jahre später ist der Sprachgebrauch ein anderer. Um Kinder vor dem „schrecklichen Schicksal“ zu bewahren, wird die Ehefrau Rehses in dem Zeitungsartikel weiter zitiert, seien „hoffnungslose Fälle“ als „geheilt“ entlassen worden. „Wir sind sehr froh, dass wir nun von diesem furchtbaren Alpdruck erlöst sind und in voller Freiheit unseren verantwortungsschweren Aufgaben nachgehen können“, stellten sich die Eheleute selbst als Opfer und Retter dar. Aus Mittätern werden Mildtäter.

Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau auch auf dem Ellener Hof. 1947 zur 100-Jahrfeier gab es eine Schulklasse für alle 90 Kinder, in einem Kessel wurde die Wäsche zum Kochen gebracht, den die Kinder, die auf den Reporter „äußerlich nicht gerade den besten Eindruck“ machten, anheizten. Die amerikanischen Militärgerichte schickten in der Nachkriegszeit vor allem jugendliche Straftäter in den Ellener Hof. Untergebracht waren sie in den Häusern in einem „Familiensystem“, das heißt in Kleingruppen. Die Pädagogik bestand vor allem aus Arbeit: auf dem Acker oder im Garten. Möglich waren nach dem Krieg aber auch Handwerks- oder Landwirtschaftslehren. Der Erziehungsstil blieb zunächst autoritär. Die Aufarbeitung des Schicksals der Heimkinder begann erst in den späten 90er-Jahren.

Weitere Informationen

Lesen Sie im zweiten Teil zur Geschichte des „Ellener Hofes“, wie ein Junge aus der Erziehungsanstalt nach Shanghai kam und von nächtlichen Ausflügen in das Filmkunsttheater Lüers-Tivoli. Am 21. Oktober eröffnet die Ausstellung „Denn bin ich unter das Jugendamt gekommen – Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933-1945“ um 15 Uhr im Haus im Park, Züricher Straße 40. Die Ausstellung rekonstruiert den Heimalltag der bremischen Einrichtungen der evangelischen Jugendfürsorge zwischen 1933 und 1945.

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