Schätze aus dem Focke-Museum (86): Das Plakat zu Peter Zadeks Film "Ich bin ein Elefant, Madame" Als Schüler Rull in Bremen den Aufstand probte

Schwachhausen. Erst "ab 18 Jahre" gab die freiwillige Selbstkontrolle ihn 1969 frei. Auf DVD wird er aktuell schon "ab 6 Jahre" empfohlen. Auch daran ist ablesbar, wie sich die Zeiten geändert haben, seit Peter Zadek den Film "Ich bin ein Elefant, Madame" in Bremen drehte. Ein Werbeplakat mit Wolfgang Schneider als aufmüpfigem Schüler Rull ist jetzt - als Leihgabe des Staatsarchivs - in der Sonderausstellung "Bremen 1945-2010" zu sehen.
24.02.2011, 05:00
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Von erika thies

Schwachhausen. Erst "ab 18 Jahre" gab die freiwillige Selbstkontrolle ihn 1969 frei. Auf DVD wird er aktuell schon "ab 6 Jahre" empfohlen. Auch daran ist ablesbar, wie sich die Zeiten geändert haben, seit Peter Zadek den Film "Ich bin ein Elefant, Madame" in Bremen drehte. Ein Werbeplakat mit Wolfgang Schneider als aufmüpfigem Schüler Rull ist jetzt - als Leihgabe des Staatsarchivs - in der Sonderausstellung "Bremen 1945-2010" zu sehen.

Links davon fordert ein anderes Plakat auf: "Alle zur zentralen Vietnam-Demonstration!" Rechts davon spielt eine Music-Box auf Verlangen unermüdlich Chubby Checkers "Let's twist again..." Da werden Erinnerungen wach. Vielleicht sogar an einen noch viel älteren Schlager? "Ich küsse Ihre Hand, Madame..." Richard Tauber sang es einst schmelzend, und diese Anfangszeile stand dann abgewandelt Pate beim Titel der Filmkomödie, die nun selbst schon ein Oldie ist.

In dem Film spielten außer Wolfgang Schneider als Rull beispielsweise noch mit: Günther Lüders und Heinz Baumann als Studienräte Hartmann und Nemitz, Margot Trooger als Frau Nemitz, Rolf Becker als Rohwedder, Ilja Richter als Schüler Haverkamp... Die Rolle als Hauptschauplatz fiel dem Alten Gymnasium zu, das sich damals noch im besonders fotogenen Gebäude an der Dechanatstraße befand. Unvergesslich die Balkonszene, statt mit Romeo und Julia mit Lehrpersonal besetzt.

Sei Juni 2010 gibt es in der Neustadt den Peter-Zadek-Platz, und schon im Januar 2008 hatte Bürgermeister Jens Böhrnsen bei der Einweihung des Kurt-Hübner-Platzes nahe der Jugendherberge das "streitbare Theater" der Hübner-Ära sehr gelobt. Es gelte als beispielhaft und habe "nicht nur in Bremen, sondern bundesweit" das Theater geprägt. Die heftigen Spannungen zwischen Rathaus und Goetheplatz, die 1973 zu Hübners Kündigung und zum Ende seines "Bremer Stils" führten - sie sind Geschichte.

Aus Ulm nach Bremen

In "Ich bin ein Elefant, Madame" taucht in einer kleinen Rolle auch Kurt Hübner (1916-2007) auf, der von 1962 bis 1973 Intendant am Bremer Theater war. Aus Ulm waren ihm außer Peter Zadek unter anderem der Regisseur Peter Palitzsch und der Bühnenbildner Wilfried Minks gefolgt. Peter Zadek (1926-2009) stammte ursprünglich aus Berlin, emigrierte 1933 mit den Eltern nach England, debütierte 1947 in London mit Oscar Wildes "Salome" als Regisseur.

Zu seinen herausragenden Bremer Inszenierungen gehörten Wedekinds "Frühlings Erwachen", Shakespeares "Maß für Maß" und - am spektakulärsten - Schillers "Räuber". Von Bremen ging er 1972 als Intendant ans Bochumer Schauspielhaus. Für die Regie in "Ich bin ein Elefant, Madame" erhielt er den Bundesfilmpreis in Gold; Hauptdarsteller Wolfgang Schneider wurde als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet.

Heynes Filmlexikon von 1996 nennt den Film locker "ein ebenso engagiertes wie formal reizvolles Filmpamphlet gegen die autoritäre Gesellschaft" von einem "ehemals wilden Theatermacher". Für die Zeitschrift "Filmdienst" hatte 1969 ein Kritiker genauer hingeguckt, er diagnostizierte eine "stilsicher gefaßte Zeitkritik", die "teils mit schockierenden Mitteln" die "Standpunktsuche zwischen den extremen Positionen von Autoritätsbeharren und sozialrevolutionärem Bewußtsein" zu spiegeln versuche.

Der Film basierte auf dem Roman "Die Unberatenen" von Thomas Valentin (1963). Für das Drehbuch zeichneten Peter Zadek, Robert Muller und Wolfgang Menge verantwortlich. Als gedreht wurde, gärte es an den deutschen Universitäten schon seit längerem, und in Bremen hatten die Schüler im Januar 1968 die Straßenbahnschienen besetzt. Für viele heutige Bremer ist "Ich bin ein Elefant, Madame" wohl vor allem ein Bremen-Film, den man immer wieder gern mal sieht. Er wurde auch gezeigt, als das inzwischen zur Kleinen Helle umgezogene Alte Gymnasium sein 475-jähriges Bestehen feierte.

Wolfgang Schneider, der Schüler Rull, gehörte damals zum Ensemble des Theaters am Goetheplatz. Er wirkte noch in anderen Filmen mit, so in "Liebelei", in "Gruppenbild mit Dame" und in "Die zwei Gesichter einer Frau". Wo mag er jetzt wohl sein? Das fragt im Internet eine "Liane". Sie sei, so ihre Erläuterung, in Bremen mit ihm befreundet gewesen, habe dann wegen eines einjährigen USA-Aufenthaltes aber den Kontakt zu ihm verloren. Sie wisse nur noch, dass er dann wohl nach Bochum gegangen sei. "Er war meine erste große Liebe", gesteht "Liane". Dazu der trockene Kommentar einer "Mary": "Da ging's wohl vielen ähnlich."

In unserer nächsten Folge am Donnerstag, 3. März, geht es um zwei Löwenköpfe vom Dom.

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