Schätze des Focke-Museums: Ein Fernsprechapparat der Deutschen Volkspartei Aus der Geschichte des Telefons in Bremen

Schwachhausen. Die an dem alten Telefon angebrachten Namen "Dr. Stahlknecht" und "Dr. Dietz" verraten: Dieser Apparat stand früher im Dienste der Deutschen Volkspartei. Aber wurde er im DVP-Landesbüro am Bahnhofsplatz benutzt? Oder in der Neuen Börse am Markt, wo die Bürgerschaft bis 1933 tagte? Das wird wohl nicht mehr zu klären sein.
11.04.2011, 05:00
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Von erika thies

Schwachhausen. Die an dem alten Telefon angebrachten Namen "Dr. Stahlknecht" und "Dr. Dietz" verraten: Dieser Apparat stand früher im Dienste der Deutschen Volkspartei. Aber wurde er im DVP-Landesbüro am Bahnhofsplatz benutzt? Oder in der Neuen Börse am Markt, wo die Bürgerschaft bis 1933 tagte? Das wird wohl nicht mehr zu klären sein.

Im Magazinturm des Focke-Museum stehen unter "E" wie "Erfinden" nebeneinander auch zwei Telefonapparate, beide mit Holzgehäuse und mit Schaltern für Nebenstellen, beide aus den 1920er-Jahren und nicht zum An-die-Wand-hängen, sondern für den Schreibtisch. Eines davon hat eine politische Vergangenheit.

Die nationalliberale DVP - mit Gustav Stresemann als ihrem prominentesten Vertreter - war in der Weimarer Republik eine starke Kraft. Stahlknecht und Dietz vertraten sie in der Bremischen Bürgerschaft. Der Jurist Detmar Stahlknecht (1870-1946) war von 1925 bis 1928 Senator. Carl Dietz (1870-1943) legte sich als DVP-Fraktionsführer mit den Nationalsozialisten öfters an und musste 1933 als Direktor der Oberrealschule an der Dechanatstraße gehen.

Philipp Reis als Wegbereiter

Wie das Telefon vom bestaunten technischen Wunder zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand wurde, hatte die Generation von Stahlknecht und Dietz von Anfang an miterlebt. Wegbereiter war der Lehrer Philipp Reis (1834-1874) aus Gelnhausen gewesen. Ihm gelang die Entwicklung des ersten funktionierenden Gerätes zur Übertragung von Tönen, und er gab seinem Apparat 1861 auch den Namen, der sich dann international durchsetzen würde: aus altgriechisch "tele" - fern und "phone" - Laut, Ton, Stimme, Sprache wurde "Telephon".

Auf der Basis der Reisschen Erfindung stellte 1875 der Amerikaner Graham Bell, ein gebürtiger Schotte, die ersten, praktisch brauchbaren Apparate her. Damit ließ der deutsche Generalpostdirektor Heinrich Stephan Versuche anstellen und holte die Firma Siemens & Halske mit ins Boot. Sie produzierte schon bald täglich 200 Apparate, die - ein besonderer Fortschritt! - durch Pfeiftöne auch wissen ließen, wann wieder jemand angerufen hatte. In Berlin, wo im Januar 1881 versuchsweise mit elf Teilnehmern begonnen worden war, gab es 1882 bereits 1069 Anschlüsse, und auch andernorts war der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten, zumal die ursprünglich 8,2 Kilo (Wand) und 5,3 Kilo (Tisch) schweren Apparate schon bald leichter wurden.

Zum Jubiläum "100 Jahre Leben und Arbeiten mit Elektrizität" erschien 1993 der Band "Bremen wird hell". Darin hat Alfred Löhr in seinem Beitrag über "Elektrische Nachrichtentechnik" die Bremer Anfänge des Telefons beschrieben. Mit dem dezenten Hinweis, dass in Hamburg bereits "500 Personen den Anschluß an die Centralleitung beantragt haben", war die hiesige Bremer Handelskammer schon 1881 bemüht, eine Liste von Interessenten zusammenzustellen. Am 16. Oktober 1882 wurde im neuen Postgebäude an der Domsheide die erste Vermittlungsstelle eröffnet. Wer sich einen der 103 Anschlüsse gönnte, zahlte dafür pauschal 200 Mark im Jahr. Diese Summe entsprach etwa 15 bis 20 Wochenlöhnen eines Arbeiters. Lag die Sprechstelle mehr als zwei Kilometer vom Vermittlungsamt entfernt, wurde es sogar noch teurer. Dringende Ferngespräche kosteten ab 1888 die dreifache Gebühr.

Zunächst gönnten sich vor allem Kaufleute, Banken, große Hotels und Zeitungsredaktionen einen Apparat. Jedes Gespräch musste einzeln vermittelt werden. Da sich die helleren Frauenstimmen gegen Nebengeräusche besser behaupteten, entstand mit dem "Fräulein vom Amt" ein neuer Frauenberuf. Manche der jungen Damen soll, weil noch so wenig telefoniert wurde, während der Dienstzeit an ihrer Aussteuer gearbeitet haben. Vor den Klappenschränken, an denen die Verbindungen hergestellt wurden, hatte zunächst stehend gearbeitet werden müssen, bald schon aber wurde das Sitzen erlaubt. Erste Gespräche von einer Stadt zur anderen waren in Deutschland ab 1883 möglich. "Sie sprechen jetzt direkt mit Lübeck und Bremen", sagte - der 1885 geadelte - Generalpostdirektor von Stephan am 5. Februar 1887 in Hamburg.

"Ich sehe die Zeit kommen, wo Sie sich mit den Geschäftsfreunden in Berlin, Kopenhagen und Amsterdam freundschaftlich unterhalten werden, was ja unter anderem den Vorteil bietet, dass man bei der großen Entfernung nicht gleich tätlich aneinander geraten kann." Statt vom "Telephon" sprach von Stephan lieber von einem "Fernsprecher". In Deutschland blieben beide Bezeichnungen üblich. Wie rasant sich nach den eher zögernden Anfängen hier die Entwicklung vollzogen hatte, zeigen drei Vergleichszahlen aus Meyers altem Großen Konversationslexikon. Demnach entfiel 1891 eine Fernsprechstelle noch auf 675, 1901 dann aber schon auf 165 und 1902 auf 142 Einwohner des deutschen Kaiserreichs.

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