Nachwirkungen der Corona-Pandemie

Bürgerparkdirektor zieht Bilanz: Besucherströme und Kastaniensterben

Viele Menschen zog es in den Bürgerpark als das öffentliche Leben zum Erliegen kam. Doch auch die Spenden-Tombola wurde unterbrochen, und das ist nicht das einzige Problem von Parkdirektor Tim Großmann.
15.06.2020, 08:37
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Mit den wirtschaftlichen Nachwirkungen der Corona-Pandemie wird man auch im Bürgerpark wohl noch lange zu tun haben. Dabei gibt es noch eine weitere Krise, die dem Park zu schaffen macht: Die Hitzesommer der vergangenen Jahre haben die Vegetation schwer geschädigt. Sollten solche Sommer für Bremen normal werden, müsste sich der Park massiv verändern. Und das würde schmerzhaft und teuer, prophezeit Direktor Tim Großmann.

Der Findorffer Bauausschuss hatte den Bürgerparkdirektor eingeladen, Bericht zu erstatten – weil sich gerade auf besonders eindrucksvolle Weise gezeigt habe, wie wichtig öffentliche Grünflächen für die Gesundheit der Stadtbewohner sind. Ausschusssprecher Ulf Jacob (Grüne) konnte diese Behauptung mit Zahlen untermauern: Laut aktueller Google-Bewegungsdaten habe die Aufenthaltsdauer in Bremer Parks und Grünanlagen in den Wochen der Kontaktbeschränkungen um 76 Prozent zugenommen. Sein Schluss: Die öffentlichen grünen Freiräume machten es den Bürgern erheblich leichter, die Ausgangsbeschränkungen zu akzeptieren.

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„Vom ersten Tag des Lockdowns war der Park voll, und so blieb es dann Tag für Tag. So etwas habe ich in meinen acht Jahren im Bürgerpark noch nicht erlebt“, bestätigte Großmann. Die überwiegende Mehrheit der Parkbesucher habe sich an die Abstandsregeln gehalten, die Streifen von Polizei und Ordnungsamt wirkten motivationsfördernd. Positive Begleiterscheinung: Die vielen Menschen fungierten tagsüber als effektive „soziale Kontrolle”, erklärte Großmann: „Mit Vandalismus, Sachbeschädigung und Graffiti hatten wir ein paar Wochen lang nichts zu tun. Stattdessen gab es viel Zuspruch von den Besuchern, und nachts war der Park leer.

Für uns war das alles sehr angenehm.” Inzwischen habe sich die Situation wieder normalisiert, doch dafür erhalte die Verwaltung täglich mehrere Anfragen von Sportgruppen, die einen Trainingsplatz im Freien suchen. „Wir sind zurzeit das größte Fitnessstudio in Bremen”, so der Parkdirektor. „Zunehmend melden sich auch Musikgruppen und Chöre. Für viele Besucher ist es nicht die Vorstellung von Ruhe und Erholung, wenn an jeder Ecke eine Combo steht. Aber wir lassen uns etwas einfallen.”

Bürgerparktombola mit deutlichen Einbußen

Unterm Strich, so der Bürgerparkdirektor, könne man dennoch „nicht noch ein solches Jahr gebrauchen”. Die Bürgerparktombola, die normalerweise zehn Prozent des Jahreshaushalts einbringe, verzeichne wegen der temporären Schließung deutliche Einbußen. Weil die Akquise von Spenden und Gewinnen bereits im Juli starte, befürchte er, dass sich diese Krise ins kommende Jahr hinziehen könnte. „Wir gehen davon aus, dass auch 2021 kein normales Tombolajahr sein wird.” Verluste in der Jahresendabrechnung erwarte der Bürgerparkverein zudem wegen des wochenlangen Stillstands in der Park-Gastronomie und bei Angeboten wie dem Bootsverleih und der Minigolfanlage.

Normalbetrieb herrschte dagegen bei den 35 festen Bürgerparkkräften, so der Direktor auf Nachfrage. „Die Natur geht weiter. Wir haben so viel zu tun, dass wir zusätzliche Gärtner gut gebrauchen können.” Zu den Sorgenkindern im Park gehören die Rosskastanien, bei denen bereits Fälle einer bundesweit grassierenden Komplexerkrankung aufträten, die von einem Bakterium und holzzersetzenden Pilzen ausgelöst werde. „Pessimisten sagen ein Kastaniensterben voraus. Wir können nur warten und hoffen.”

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Aktuell haben viele Bäume aus der Gründergeneration ihr Höchstalter erreicht, seien krank und nicht mehr standsicher, erklärte der Landschaftsarchitekt. „Natürlich ist es um jeden alten Baum schade. Aber wir haben eine Verkehrssicherungspflicht und haften, wenn jemand zu Schaden kommt.” Oftmals ließen die Mitarbeiter die gefällten Stämme bewusst eine Weile liegen, damit Besucher die Krankheitssymptome sähen, sagte Großmann.

Während der Generationswechsel ein völlig normales Phänomen sei, litten viele andere Bäume unter den Spätfolgen der Extremsommer in den beiden vergangenen Jahren. So zum Beispiel viele Buchen, deren Laubkronen geradezu verbrannt seien. Fichten seien inzwischen eine aussterbende Art: Als Sekundärschaden der Trockenheit seien die geschwächten Bäume vom Borkenkäfer befallen. Auch viele andere Pflanzen wiesen Hitzeschäden oder Schädlingsbefall auf. Die Alternative sei, mehr künstliche Bewässerung einzusetzen – oder sich von Arten zu trennen, die mit der Trockenheit nicht zurecht kämen.

Klimawandel im Bürgerpark längst angekommen

„Es soll ja Leute geben, die immer noch nicht an den Klimawandel glauben”, so Großmann. „Im Bürgerpark ist er schon längst angekommen.” Sollten die klimatischen Verhältnisse der vergangenen Jahre zur Normalität werden, stünde dem Bürgerpark eine große Veränderung bevor. Während die Parkbäume vergleichsweise ideale Wachstumsbedingungen genössen, sei der Stressfaktor der Straßenbäume mit ihrem viel geringeren Wurzelraum um ein Vielfaches höher, so Großmann: „Das ist kein norddeutscher Standort mehr.” Von vielen traditionellen einheimischen Baumarten werde man sich daher auf Dauer verabschieden müssen.

Laut Ausschusssprecher Jacob besagten aktuelle Daten des Umweltbetriebs Bremen, dass mehr als 80 Prozent aller Bäume in Bremen geschädigt oder geschwächt seien. Gleichzeitig litten Bremer Parks und Grünanlagen unter einer dramatischen Unterfinanzierung und könnten ihre Funktionen nur noch eingeschränkt erfüllen, so Jacob: „Hier gilt es jetzt dringend gegenzusteuern und den Sanierungsstau abzubauen.”

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