Schätze aus dem Focke-Museum (80): Die Schreibtischgarnitur von Bürgermeister Wilhelm Kaisen Der Abschied vom Rathaus fiel dem 78-Jährigen schwer

Schwachhausen. Wie oft mag er diese Lampe wohl an- und ausgeknipst haben, wie häufig den Füllhalter in diese Ablage gelegt haben? Und ob er das Tintenfass tatsächlich noch benötigte? Die Schreibtischgarnitur, die Wilhelm Kaisen zwei Jahrzehnte lang als Bürgermeister im Rathaus benutzt hat, ist derzeit im Rahmen der Sonderausstellung "Bremen 1945-2010" im Focke-Museum zu sehen - als Leihgabe von der Wilhelm-und-Helene-Kaisen-Stiftung.
20.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von ERIKA THIES

Schwachhausen. Wie oft mag er diese Lampe wohl an- und ausgeknipst haben, wie häufig den Füllhalter in diese Ablage gelegt haben? Und ob er das Tintenfass tatsächlich noch benötigte? Die Schreibtischgarnitur, die Wilhelm Kaisen zwei Jahrzehnte lang als Bürgermeister im Rathaus benutzt hat, ist derzeit im Rahmen der Sonderausstellung "Bremen 1945-2010" im Focke-Museum zu sehen - als Leihgabe von der Wilhelm-und-Helene-Kaisen-Stiftung.

Der Bürgermeister-Schreibtisch blieb in Borgfeld. Er bildet dort das Herzstück der 2001 auf der einstigen Kaisenschen Siedlerstelle eröffneten Dokumentationsstätte. Als Wilhelm Kaisen diesen Schreibtisch im Juli 1965 leer räumte, empfing er einen prominenten bundesdeutschen Journalisten: Josef Müller-Marein von "DIE ZEIT".

Der hatte im ersten Stock des Bremer Rathauses an der dicken Holztür mit der Aufschrift "Präsident des Senats" erst "fortissimo mit der Faust zuhauen" müssen, bis er drinnen gehört wurde, und er fand sich dann in einem "sehr geräumigen Zimmer" wieder, mit "soliden, braven Möbeln, nicht alt, nicht neu, doch urgemütlich".

Vier, fünf Schritte vom "klobigen Schreibtisch" entfernt stand das unauffällige Schreibmaschinentischchen von Frau Baun, über die Kaisen nun erzählte: "Als ich Sozialsenator war - damals vor 1933 -, war sie ja schon meine Sekretärin. Und als ich dann 1945 wiederkam, saß sie immer noch da."

Nun aber nahte wieder ein Abschied. Kaisen räumte die Schubladen aus. Der Blick von Müller-Marein fiel auf eine Staffelei. Da stand "mit fast noch feuchten Farben" das vom Senat bei Professor Zimmermann georderte überlebensgroße Porträt. Der scheidende Bürgermeister, so würde ein Bremer Zeitungsmann schmeichelnd darüber schreiben, habe darauf "die Augen eines flotten Sechzigers".

Aber Kaisen war 78 Jahre, und an seinem Stuhl war schon seit längerem gesägt worden. "Wie haben Sie denn gemerkt, dass Sie alt geworden sind?", fragte ihn Müller-Marein. Daraufhin Kaisen: Manche hätten ihm gegenüber höflich nur von der Weisheit des Alters gesprochen, einer aus der Partei habe jedoch auch direkt gesagt: Wann geht der Kaisen endlich weg? Das werde, ergänzte Müller-Marein in seinem Artikel, wohl "der in Bremen starke, vorwärtsdrängende Parteifunktionär und ,Gewerkschaftsboß' Richard Boljahn" gewesen sein.

An sich selbst hatte Kaisen beobachtet: "Ich sitz' im Senat und denk' auf einmal: Über welchen Krimskrams regen sich die Leute auf? Obwohl ich weiß, dass der Krimskrams dazugehört."

Konrad Adenauer (1876-1967) trat 1963 als Bundeskanzler erst mit 87 Jahren ab. Auch Wilhelm Kaisen wäre wohl gern noch über 1965 hinaus im Amt geblieben. In Müller-Marein hätte er dafür sicherlich einen Fürsprecher gehabt - dieser "Präsident des Senats, der sovieles nicht" habe: keine Standarte am Dienstwagen keine Orden, keinen Frack, keinen Smoking, keine Villa, kein Vorzimmer, keinen Dünkel. Mit diesem Bürgermeister werde auch "das humorig Hausväterliche" aus dem Bremer Rathaus verschwinden, schwante dem Manne von der "ZEIT".

In "Wilhelm Kaisen. Eine politische Biographie" hat Karl-Ludwig Sommer eindrucksvoll beschrieben, wie das damals war. Nach fast 15-jähriger Amtsführung als Präsident des Senats hatte Kaisen bei der Bürgerschaftswahl 1959 den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreicht. Die von ihm geführte Drei-Parteien-Koalition, die laut dem erklärten Wahlziel auch weitergehen sollte, fuhr über drei Viertel aller Stimmen ein. Kurz darauf schon schien die Nachfolgefrage geklärt zu sein. Kaisens Wunschkandidat, Adolf Ehlers, erkrankte dann aber schwer und fiel sieben Monate vor der Bürgerschaftswahl 1963 als Spitzenkandidat aus. Mit Kaisen erzielte die SPD trotzdem 54,7 Prozent, nur 0,2 Prozent weniger als 1959. Als Nachfolger war inzwischen Willy Dehnkamp ausgeguckt. Doch Kaisen zögerte noch, gab dann aber im März 1964 bekannt, dass er am 17. Juli 1965 aufhören werde. Längst hatten sich im Senat die Fälle gehäuft, in denen ihm SPD-Senatskollegen die Gefolgschaft verweigerten.

Das Tintenfass, der Löschpapierhalter: Wozu sowas früher mal nötig war, werden Großeltern ihren Enkeln vor der Ausstellungsvitrine vermutlich erklären müssen, denn es sind typische Utensilien aus einer vergangenen Zeit. Die Schreibtischgarnitur kehrt bald in die Dokumentationsstätte nach Borgfeld zurück. Darunter, nämlich eine Glasplatte tiefer, liegen in der Vitrine zwei Leihgaben aus dem Staatsarchiv: ein dicker Band und eine dünne Broschüre.

Der Text in dem dicken Band ist auch nach über 60 Jahren noch hochaktuell. Es handelt sich hierbei nämlich um das "Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland", beschlossen vom Parlamentarischen Rat in Bonn am 8. Mai 1949. Die Broschüre über "Grundlagen und Organisation der Bundesrepublik Deutschland" aber war außer für Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltungen auch für andere Interessierte bestimmt, weil alle nun wissen mussten, sollten oder wollten: Wie funktioniert unser neuer Staat denn eigentlich?

In der nächsten Folge unserer Serie geht es am Donnerstag, 27. Januar, um Auguste Papendieck.

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