Maik Basel hat den Wehrdienst verweigert und kümmert sich seit September um Senioren in Schwachhausen Der letzte Zivi im Pflegeheim

Schwachhausen. Philosophie und Journalistik wollte er studieren, bevor die Absolventen des Doppeljahrgangs zu den Unis strömen. Doch Maik Basel ist einer der letzten jungen Männer, die nach dem Schulabschluss noch eine Pflicht erfüllen müssen: Sechs Monate zur Bundeswehr - oder Zivildienst. Maik hat verweigert. Er ist der letzte Zivi im Altenpflegeheim St. Franziskus in Schwachhausen. Mittlerweile gefällt ihm die Arbeit mit den Senioren. Er lerne hier durchaus etwas fürs Leben, sagt er.
20.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexander Klay

Schwachhausen. Philosophie und Journalistik wollte er studieren, bevor die Absolventen des Doppeljahrgangs zu den Unis strömen. Doch Maik Basel ist einer der letzten jungen Männer, die nach dem Schulabschluss noch eine Pflicht erfüllen müssen: Sechs Monate zur Bundeswehr - oder Zivildienst. Maik hat verweigert. Er ist der letzte Zivi im Altenpflegeheim St. Franziskus in Schwachhausen. Mittlerweile gefällt ihm die Arbeit mit den Senioren. Er lerne hier durchaus etwas fürs Leben, sagt er.

Nach dem Abi zur Bundeswehr gehen? Das kam für Maik überhaupt nicht in Frage. "Ich halte nicht viel von Krieg", sagt er. Er habe seine Verweigerung selbst formuliert und nicht vorgefertigten Satzbausteine aus dem Internet dafür verwendet. "Mit Gewalt kann man keine Konflikte lösen", ist er überzeugt. Und: Er könne keine Befehle ausführen, die er aus menschlicher Sicht nicht für richtig halte.

Also musste sich Mike einen Zivildienstplatz suchen - fast schon etwas zu spät, wie er zugibt. "Als erstes dachte ich daran, Menschen zu helfen", sagt er, "etwas anderes wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen." Am liebsten hätte er Bluttransporte gefahren, doch wenige Monate vor dem Start in den Zivildienst waren schon alle Plätze vergeben. So hat er bei den Bremer Wohlfahrtsorganisationen angefragt und ist bei der Caritas fündig geworden. Sie suchten noch einen Zivi für das Seniorenheim St. Franziskus.

Distanz zu Senioren abgebaut

Obwohl das Pflegeheim also nicht sein Wunschziel war, hat er sich dort schnell eingelebt. Morgens verteilt Maik die Post und Zeitungen an die Bewohner, fährt sie zu Arztterminen, hört ihren Erinnerungen und Geschichten zu oder tauscht schnell eine defekte Glühbirne aus.

Nach fast fünf Monaten im Seniorenheim ist Maik überzeugt, dass ihn der Zivildienst persönlich weitergebracht hat. "Es hat mir doch viel genützt", sagt er. Wenn er am Telefon einen Arzttermin für einen Heimbewohner vereinbare, sei er mittlerweile viel selbstbewusster geworden. Auch die anfängliche Distanz gegenüber alten Leuten, nicht selten mit schweren Krankheiten, sei gewichen. "Hier lerne ich, damit umzugehen. Das wird mir alles später sehr viel helfen." Und dann sind da noch "die netten Kollegen" des Caritas-Heims, mit denen verstehe er sich auch sehr gut.

Ob Maik nach dem Schulabschluss auch freiwillig den Dienst im Altenheim angetreten hätte? Nein, "das hätte ich wahrscheinlich nicht gemacht",gibt er zu, "dann hätte ich wohl schon studiert." Sollte nach dem Aussetzen der Wehrpflicht allerdings ein freiwilliger Zivildienst Vorteile mit sich bringen, etwa Pluspunkte bei der Bewerbung auf einen Studienplatz, dann sei das eine gute Sache.

Heimleitung möchte nicht verzichten

Was der Zivildienstleistende Maik im Gespräch ganz offen zugibt, ist das, was Annette Schwiebert seit Monaten Kopfzerbrechen bereitet. Denn die Leiterin des St.-Franziskus-Seniorenheims möchte nicht auf die Hilfe eines jungen Mannes im Haus verzichten. Bislang gab es in der 2005 eröffneten Einrichtung in Schwachhausen immer einen Wehrdienstverweigerer, der für die 76 Bewohner da war. Durch das Erfüllen von kleinen Bedürfnissen der älteren Menschen würden sie eine spürbar höhere Lebensqualität erfahren.

Gerade weil die Zivildienstleistenden keine alltäglichen Pflegeaufgaben übernehmen dürften, würden sie eine wichtige Rolle im Seniorenheim spielen: Sie können sich für all das Zeit nehmen, was die Pflegekräfte nicht können. All das, was Maik derzeit erledigt, sei "eine unheimliche Erleichterung", im Alltag. Außerdem sieht die Heimleiterin den sozialen Aspekt, der Vorteile im täglichen Miteinander bringe: "Die Bewohner freuen sich einfach, wenn auch mal ein junger Mann da ist." Zu jungen Frauen hätten die Senioren oft durch junge Pflegerinnen Kontakt, da sei ein wenig Abwechslung nicht schlecht.

Und dass die Zivis bei den älteren Mitmenschen gern gesehen sind, würden nach einer Zeit auch merken, sagt sie. "Für Kleinigkeiten kommt den jungen Männern eine enorme Dankbarkeit der Senioren entgegen, mit der sie manchmal erst mal gar nicht umgehen können."

Aber Annette Schwiebert weiß auch: Mit Dankbarkeit allein werden sich künftig wohl nicht mehr ausreichend Freiwillige finden lassen. Der Bedarf in den sozialen Einrichtungen wird größer sein, als das Angebot an Schulabgängern, die sich sozial Engagieren wollen. Zwar hat die Heimleiterin beim Caritasverband für die Diözese Osnabrück zwei Stellen für Freiwillige beantragt, aber große Hoffnungen macht sie sich offenbar nicht. "Die Vergabestelle sitzt weit weg, wir können nur hoffen, dass sich jemand aus Bremen für den Freiwilligendienst findet, der auch gerne in der Hansestadt bleiben möchte."

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