Die letzte Adresse vor Theresienstadt

Schwachhausen. Ihre letzte Adresse war ein sogenanntes 'Judenhaus': Legion-Condor-Straße 1 (vor und nach der NS-Zeit Parkstraße 1/Schwachhauser Heerstraße 18). In dem Eckhaus, das die Bombenangriffe auf Bremen nicht überstehen sollte, waren in den ersten Kriegsjahren 41 Menschen gemeldet. Seit Kurzem erinnern Stolpersteine an 25 der jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die von den Nazis in den Tod geschickt worden sind.
25.10.2010, 05:00
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Die letzte Adresse vor Theresienstadt
Von Monika Felsing

Schwachhausen. Ihre letzte Adresse war ein sogenanntes 'Judenhaus': Legion-Condor-Straße 1 (vor und nach der NS-Zeit Parkstraße 1/Schwachhauser Heerstraße 18). In dem Eckhaus, das die Bombenangriffe auf Bremen nicht überstehen sollte, waren in den ersten Kriegsjahren 41 Menschen gemeldet. Seit Kurzem erinnern Stolpersteine an 25 der jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die von den Nazis in den Tod geschickt worden sind.

Unter der Leitung der Ingenieurin Regina Rauch haben angehende Steinsetzer aus dem Grambker Schulzentrum Alwin-Lonke-Straße die 25 Gedenksteine in den Bürgersteig eingelassen. Es ist ein trauriger Rekord: 'So viele Gedenksteine liegen sonst in Bremen nirgendwo', sagt Barbara Johr von der Zentralstelle für politische Bildung, die das Stolpersteinprojekt betreut. An der Nordstraße waren es 24 Steine.

Ab 1939 konnten 'arische' Vermieter in Deutschland Mietern jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung ohne weiteres kündigen. In Bremen gab es danach offiziell 40 'Judenhäuser', in denen die aus der 'Volksgemeinschaft' Ausgegrenzten, darunter auch zahlreiche Familien und Einzelpersonen aus anderen Städten und Gemeinden, eine Bleibe fanden. Schutz boten diese Häuser nicht.

'Viele Juden lebten nur kurze Zeit dort, bis sie den Deportationsbefehl erhielten', weiß die Historikerin Barbara Johr. Dass nicht für alle Bewohner des Hauses Parkstraße 1 Stolpersteine verlegt worden sind, hat seinen Grund. An jeden Toten soll nur an einem Ort mit einem Stolperstein erinnert werden, und einiger Opfer wird schon andernorts gedacht. Für Holocaust-Überlebende gibt es nach dem Konzept von Gunter Demnig keine Gedenksteine, also auch nicht für drei Bewohner des 'Judenhauses': Adele Ostro, Richard Frank und seinen Sohn Hans.

Eltern des Werder-Präsidenten

An den Kaufmann Eduard Ries ist noch nirgendwo anders erinnert worden. Der Bremer arbeitete auch noch im Rentenalter als Geschäftsführer der Viehmarktsbank im Bremer Schlachthof. Er war verheiratet mit Rosa Stern. Ihre drei erwachsenen Söhne hatten Karriere gemacht, bevor die Nazis an die Macht kamen: Walter Dagobert Ries-Eberhard, Jahrgang 1892, war Schauspieler, Theater- und Konzertdirektor. 1938 wurde er aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Adolf Ries, Jahrgang 1899, der sich später Rowland nannte, arbeitete als Kursmakler. Auch Alfred Louis Ries, geboren 1897, hatte es weit gebracht. Der Werbeleiter bei Kaffee Hag war in den 1920er-Jahren - und von 1947 bis 1951 und ab 1963 wieder - Präsident des SV Werder. Als Jude und als Direktor der als 'entartet' eingestuften Böttcherstraße war Alfred Ries stark angefeindet worden, vor allem auch in der gleichgeschalteten NS-Presse. Die Nazis erkannten ihm 1935 die deutsche

Staatsbürgerschaft ab. Alfred Ries emigrierte, wie seine beiden Brüder, floh zunächst in die Schweiz und dann nach Zagreb. 'Ein Freund, ein Pathologe, versteckte ihn im Eisschrank, als die SS eine Razzia machte', hat Barbara Johr gehört. Die Eltern, Eduard und Rosa Ries, waren in Bremen geblieben. Am 23. Juli 1942 wurden die beiden alten Leute gezwungen, in den Zug nach Theresienstadt zu steigen. Es war eine Fahrt in den Tod.

'Wilhelm Kaisen hat Alfred Ries 1945 zurück nach Bremen geholt', sagt Barbara Johr, beeindruckt von der Persönlichkeit dieses Mannes. Der Bremer ging in den diplomatischen Dienst. Er vertrat die Bundesrepublik von 1953 bis 1963, zunächst als Legationsrat 1. Klasse in Belgrad, dann als Konsul in Kalkutta und später als Botschafter in Liberia. Alfred Ries starb 1967 in Bremen und ist auf dem jüdischen Friedhof in Hastedt beigesetzt. Auf die Frage, wie er nach der Ermordung seiner Eltern durch die Nazis als Botschafter für Deutschland tätig sein könne, soll er geantwortet haben: 'Wer Versöhnung will, muss sie praktizieren.'

Familie Frank fast ausgelöscht

Erinnert wird mit Stolpersteinen an der Parkstraße nun auch an die Familie Frank aus Rahden in Westfalen. Else Frank, Jahrgang 1902, war mit dem drei Jahre älteren Viehkaufmann Richard Frank verheiratet. Das Ehepaar hatte drei Kinder: den 1926 geborenen Günther, den ein Jahr jüngeren Hans und das Nesthäkchen Rolf, geboren 1935. Rolf war gerade erst vier Jahre alt, als die Familie nach Bremen zog. In der Legion-Condor-Straße 1 wohnten bereits Verwandte: der 74-jährige Bernhard Frank und Elses 29-jähriger Bruder Karl Heimbach.

Der 13-jährige Günther Frank war ab Ende 1939 bis November 1941 immer wieder übergangsweise an dieser Adresse gemeldet - die Stolperstein-Rechercheure vermuten, dass er seine Schlosserlehre beenden wollte und deshalb nicht ständig in Bremen war. Doch der Junge hatte nicht mehr lange zu leben. 'Am 18. November 1941 wurde Familie Frank in das Ghetto Minsk deportiert', hat das Team von Barbara Johr in Erfahrung gebracht. 'Die Shoah überlebten wie durch ein Wunder Richard Frank sowie der Sohn Hans Frank.'

Else Frank und ihre Söhne Rolf und Günther wurden 1948 für tot erklärt. Während Richard Frank im Sommer 1945 über Bremen nach Rahden zurückkehrte, wanderte sein damals 18-jähriger Sohn Hans nach Israel aus. Die Klassen 7.3, 7.4 und 7.5 der Gesamtschule Mitte (GSM) sind Paten der Steine für Else, Rolf und Günther Frank und recherchieren in Archiven. Die Siebtklässler waren bei der Stolpersteinverlegung dabei und wollen am Jahrestag des Pogroms eine Gedenkfeier abhalten - eigentlich gemeinsam mit Hans Frank, der Bremen 1993 erstmals wieder besucht hatte. 'Er hat seine Rede schon geschrieben. Aber im Moment ist es fraglich, ob er im November kommen kann, weil er erkrankt ist', sagt Barbara Johr.

Der Delmenhorster Georg Frank, Jahrgang 1897, war wie viele andere jüdische Patrioten für sein Vaterland in den Ersten Weltkrieg gezogen. An der Ostfront hatte der junge Soldat ein Auge verloren. Nach seiner Rückkehr wurde er Landwirt und selbstständiger Viehkaufmann. Als sein Vater Moritz Frank 1926 starb, übernahm der 29-Jährige den Betrieb, zu dem unter anderem sieben Hektar Weideland gehörten. Er pachtete weitere Flächen dazu, hielt Milchkühe und züchtete Rinder. Sein Wohnhaus und die Ställe standen in der Rosenstraße 33 in Delmenhorst. In der Pogromnacht 1938 wurde Georg Frank verhaftet. Sechs Wochen lang war er im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. 1940 zog er mit seiner 74 Jahre alten Mutter Regine in die Legion-Condor-Straße 1. Mutter und Sohn wurden ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo menschenunwürdige Zustände herrschten. Die Mutter starb im Mai 1943, der knapp 46 Jahre alte Sohn im Februar 1944. Auch an die beiden erinnern nun Stolpersteine vor dem

ehemaligen 'Judenhaus' an der Parkstraße. Georg Franks Geschwister, die Schwester Helene und der Bruder Emil, überlebten die Nazizeit im amerikanischen Exil.

Ein weiterer Gedenkstein ist zur Erinnerung an Siegfried Meyer verlegt worden, einen Verwandten von Regine Frank. Der Viehhändler war 1872 im Kreis Bersenbrück zur Welt gekommen und hatte sich im Alter von 22 Jahren selbstständig gemacht. Er war alleiniger Inhaber seiner Viehhandlung. 'Ausdruck seines Erfolges als Geschäftsmann war der Umfang seiner Handelsware, nämlich durchschnittlich 30 bis 40 Stück Großvieh', gibt Barbara Johr die Rechercheergebnisse wieder. Die Nazis drängten Siegfried Meyer aus dem Geschäft. Der 67-Jährige zog 1939 nach Bremen und wurde im Juli 1942 über Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt.

Malermeister ten Bosch

Auch der Malermeister Abraham ten Bosch, Jahrgang 1881, hatte einen eigenen Betrieb. Mit seiner sechs Jahre jüngeren Frau Fanny, geborene Katz, und der erwachsenen Tochter Helene, Jahrgang 1920, war er ab 1937 in Bremen gemeldet. Die Eheleute wurden gemeinsam mit anderen Bremern am 18. November 1941 nach Minsk deportiert. Die Söhne Karl Alfred und Ernst hatten rechtzeitig aus Deutschland fliehen können.

Adele Ostro, Jahrgang 1869, eine geborene Seelenfreund, und ihr Mann Osias hatten vier Kinder: die Tochter Henriette, die nach Palästina ausgewandert war, und die Söhne Emil, Hermann und Adolf. Der Sohn Emil, ein Handlungsgehilfe, hatte 1933 nach dem Tod des Vaters die Firma der Familie übernommen, seine Mutter war Inhaberin des Geschäftes. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der 40-Jährige gemeinsam mit anderen jüdischen Männern verhaftet. Die Nazis zwangen ihn dazu, das Geschäft und das Grundstück zu verkaufen. Die Jüdische Gemeinde stellte den nunmehr mittellosen Mann als Sachbearbeiter in der Wohlfahrtspflege und im Kultuswesen ein. Gemeinsam mit seiner verwitweten Mutter und seiner Frau Ruth, einer Bremerhavenerin, wohnte er in der Legion-Condor-Straße 1. Die Eheleute wurden 1941 mit einem Transport nach Minsk geschickt. Adele Ostro kam nach Theresienstadt und überlebte die Nazizeit: Im Februar 1945 wurde die 76-Jährige in die Schweiz evakuiert - eine

abenteuerliche Geschichte, über die später noch berichtet werden soll. Die Schwerkranke zog zu ihrer Tochter Henriette.

Recherchen gehen weiter

Von einigen NS-Opfern aus dem Haus Parkstraße 1 hat das weitgehend ehrenamtlich arbeitende Stolperstein-Team fast ausschließlich Geburtsdaten und Berufe in Erfahrung bringen können. An der Parkstraße 1 wohnten demnach auch: Die Verkäuferin Hanna Fischbein, Jahrgang 1890, die Haushaltsschülerin Hannelore Ginsberg, Jahrgang 1923, und Johanna Horwitz, Jahrgang 1888, geborene Ginsberg. Der kaufmännische Angestellte Levi Herz, Jahrgang 1899, und seine Frau Margot, Jahrgang 1906. Die Witwe Johanna de Taube, Jahrgang 1859. Die Witwe Henni Wertheim, Jahrgang 1893, deren 1914 geborener Sohn und deren Tochter Lisa, Jahrgang 1921. Und Arbeiter Richard Anspacher, Jahrgang 1901, aus Achim.

'Vielleicht finden wir noch etwas über sie heraus', sagt Barbara Johr. Die Gruppe hat die Heimatgemeinden Auswärtiger angeschrieben, in der Hoffnung, noch Informationen oder Fotos zu bekommen. Auch die Siebtklässler der Gesamtschule Mitte recherchieren weiter. 'Sie wollten wissen, ob Hans Frank mit Anne Frank verwandt ist', sagt Barbara Johr. Auch wenn es unwahrscheinlich ist - man weiß ja nie. 'Sie wollen in Amsterdam anfragen. Sollen sie.'

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