Ratsmusiker

Die wahren Stadtmusikanten verdienten gut

So sonderlich übel erging es den echten Stadtmusikanten in Bremen nicht. Laut Musikwissenschaftler Oliver Rosteck zahlte der Senat den Ratsmusikanten im 17. Jahrhundert das Doppelte des Üblichen.
02.04.2019, 13:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Die vor 200 Jahre niedergeschriebene Geschichte der Brüder Grimm um tierische Bremer Stadtmusikanten ist in aller Munde, doch wer weiß etwas über die ersten Bremer Stadtmusiker? Im Focke-Museum sind die Spuren der Ratsmusiker zu entdecken. Ein Gemälde von 1618, ein ähnliches desselben Alters und eine originale Zugposaune, hergestellt in Leipzig, erklungen in Bremens Stadtmauern um 1740, zeugen von Bremer Stadtmusikern, wie es sie wirklich gab. Oliver Rosteck, Wissenschaftler mit Schwerpunkt Musik, hat sich mit den Exponaten des Focke-Museums beschäftigt.

Ratsmusiker waren Bläser

„Altes Geld ist für Spielleute gut genug“, zitiert Oliver Rosteck einen alten Bremer Ausspruch. Auf einem Gemälde erkennt er die Familie Knopp in Trachten von 1618. Familie Knopp, das waren Bremer Ratsmusiker und damit frühe Vorläufer der Bremer Philharmonie. Ihr Gehalt betrug 150 Reichstaler jährlich, wofür sie zu offiziellen Anlässen musizierten und im Städtchen Bremen vor allen anderen Musizierenden gefragt werden mussten, wenn Musik zu offiziellen Anlässen wie Hochzeiten erklingen sollte. Aus vier Bläsern bestanden die Bremer Ratsmusikanten. Drei spielten Posaunen, einer die Zink. Die Zink ist ein Holzblasinstrument, das heute als chromatische Grifflochtrompete eingeordnet wird. Zu hören ist sie im Focke-Museum über die elektronischen Begleiter.

Eines der Gemälde im Focke-Museum zeigt detailreich eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Bremer Rathausplatz mit dem Roland, einem Pranger und vorweg die Familie Knopp als Ratsmusikanten. Das zweite Gemälde ist eine freie Komposition und zeigt eine Gesellschaft mit den Stadtmusikern auf ländlichem Gelände vor dem Weserlauf mit der Bremer Altstadt-Silhouette als Hintergrund.

Die Zugposaune von 1723 stammt aus der Musikalienwerkstatt von Johann Sommer in Leipzig. Dort kauften redliche Bremer Ratsmusiker ihre Instrumente. Neben den städtischen Ratsmusikern gab es in Bremen Kirchenmusiker, also Organisten und Bläser, die von den Kirchtürmen, vor allem St. Stephani, bliesen oder signalisierten, wenn ein Brand ausgebrochen war. Die Garnisonsmusiker blieben stets dem Militär verbunden. In Bremen lebten 1744 innerhalb von Stadtmauern und Stadtwall 22 000 Einwohner. 6000 Menschen in der heutigen Neustadt zählten sich auch dazu. Bremen hatte als aufstrebende Stadt sechsmal so viele Einwohner wie nach der Pest von 1350. „Etwas Besseres als der Tod findet sich überall“, heißt es im grimmschen Märchen, und etwas Besseres wollte Bremen schon 200 Jahre vor Niederschrift des Märchens von den Bremer Stadtmusikanten, weiß Oliver Rosteck. Bremen bot Musikern, die gut angesehen waren, sich einen Ruf erarbeitet hatten und dadurch oft schon älter waren, das Doppelte des üblichen Gehalts. Bremen wollte sich so mit guter Musik und angesehenen Musikern schmücken. Vielleicht ist das ein wahrer Kern der Geschichte, die 200 Jahre später, nach vielen mündlichen Überlieferungen, von den Grimms aufgeschrieben wurde.

Das Focke-Museum bietet neben den Ratsmusiker-Exponaten im Haupthaus mit dem Kindermuseum „Die Bremer Stadtmusikanten“ im Haus Riensberg weitere musikalische Reminiszenzen. Hier findet sich vieles zum Märchen der Gebrüder Grimm. Da sind Handpuppen der Stadtmusikanten, ehemals aus dem Besitz der Familie Koschnick, zu sehen.

Eine italienische Variante

Oder auch ganz besondere Gesellschaftsspiele wie eine Art „Mensch ärgere dich nicht“ – mit dem Unterschied allerdings, dass die Figuren Esel, Hund, Katze und Hahn im Spielverlauf gestapelt werden können und gemeinsam weiterziehen. Dazu kommen Jede Bilderbücher, Ausmalbücher, Lesebücher oder Bücher anderer Länder. Eine italienische Variante der Bremer Stadtmusikanten zeigt, wie jedem Tier ein Instrument zugeordnet ist, auf denen sie zusammen musizieren. Bastelbögen, nach einem Original von 1885, können von kleinen Besuchern zusammengebaut und bemalt werden.

Gerne ist das Focke-Museum zu Kooperationen mit Schulklassen zum Thema Bremer Stadtmusikanten bereit.

Weitere Informationen

Die Exponate im Focke-Museum zu den original Bremer Stadtmusikern und die Ausstellung für Kinder im Haus Riensberg sind bis 30. September zu sehen. Eintritt: sechs Euro, ermäßigt vier Euro. Focke-Museum, Schwachhauser Heerstraße 240, Telefon 6 99 60 00, E-Mail: post@focke-museum.de.

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