Schätze aus dem Focke-Museum (89): Ein großformatiges Bild der Bremer Woll-Kämmerei Einst weltweit modernste Fabrik ihrer Art

Schwachhausen. Sie prägte mehr als ein Jahrhundert die Struktur eines ganzen Stadtteils: die Bremer Woll-Kämmerei (BWK) in Blumenthal. In den 1950er-Jahren beschäftigte sie annähernd 5000 Menschen. Vor zwei Jahre gingen in der Produktion der BWK nach 125 Jahren endgültig die Lichter aus. Welche Dimensionen das Unternehmen auf einem 600000 Quadratmeter großen Areal direkt an der Weser bereits zur Anfangszeit hatte, zeigt ein großes Aquarell aus der Zeit um 1920, das in der Eingangshalle des Focke-Museums zu bewundern ist.
17.03.2011, 05:00
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Einst weltweit modernste Fabrik ihrer Art
Von Detlev Scheil

Schwachhausen. Sie prägte mehr als ein Jahrhundert die Struktur eines ganzen Stadtteils: die Bremer Woll-Kämmerei (BWK) in Blumenthal. In den 1950er-Jahren beschäftigte sie annähernd 5000 Menschen. Vor zwei Jahre gingen in der Produktion der BWK nach 125 Jahren endgültig die Lichter aus. Welche Dimensionen das Unternehmen auf einem 600000 Quadratmeter großen Areal direkt an der Weser bereits zur Anfangszeit hatte, zeigt ein großes Aquarell aus der Zeit um 1920, das in der Eingangshalle des Focke-Museums zu bewundern ist.

Das riesige, fein gearbeitete Aquarell hing lange in einer ehemaligen BWK-Kantine. Heute befindet es sich in der Dauerausstellung des Museums nahe den Exponaten zur Weser und aus anderen großen untergegangenen bremischen Unternehmen wie den Werften AG Weser und Vulkan oder der Autofabrik Borgward.

Wolle war lange Zeit ein Klassiker in der bremischen Wirtschaft - und die BWK zeitweise Deutschlands größte Wollwäscherei und -kämmerei. Selbst als zunehmende Rationalisierungen den Personalbestand auf zuletzt weniger als 200 Arbeitnehmer sinken ließen, so war die BWK doch die modernste Wollkämmerei der Welt.

Sieben Kapitalgeber

Rückblende: Im April 1883 wird im damals noch preußischen Blumenthal vor den Toren Bremens das Unternehmen gegründet. Sieben Kapitalgeber sind Mitglieder des Gründungskonsortium: George Albrecht, Vorstand der 1872/73 gegründeten Bremer Woll-Wäscherei in Burg-Lesum, Friedrich Weinlig, und Heinrich Claußen, Gründer ebendieser Woll-Wäscherei, der preußische Generalkonsul Friedrich Wilhelm Delius, der Wollhändler Johannes Fritze sowie die Kaufleute Caspar G. Kulenkampff und Joseph Hachez. Die im September 1884 in Betrieb gegangene Firma zieht vor allem aus Osteuropa, besonders Polen, Tausende von Arbeitern teilweise mit ihren Familien an, die in Blumenthal heimisch werden und das Leben dort prägen.

Bei Beginn der Produktion 1884 zählt die Belegschaft 150 Personen, 1898/99 sind es 2300, 1930 schon 3700 und Ende 1944 etwa 2650 Beschäftigte.

Viele Arbeitskräfte aus Osteuropa

Kein anderes Unternehmen betreibt die Anwerbung von ausländischen Kräften so konsequent wie die BWK. In Blumenthal baut die Fabrik für ihre Beschäftigten ganze Straßenzüge mit Wohnhäusern. Während des Zweiten Weltkriegs werden Teile des Werkes auch von anderen Firmen genutzt, etwa für die Produktion von U-Boot- und Flugzeugteilen sowie für die Kartoffeltrocknung.

Wie ist der Ablauf in der BWK? Die Kämmerei ist die erste industrielle Stufe in der Wollverarbeitung. Dort wird die vom Schaf geschorene Wolle gewaschen, gekämmt und in Bandform gebracht. Der so für die Weiterverarbeitung aufbereitete Rohstoff Wolle heißt in der Textilfachsprache Kammzug. Die Spinnereien erzeugen daraus Kammgarne, aus denen in weiteren Stufen der Verarbeitung - Weberei, Strickerei, Ausrüstung und schließlich Konfektion - hochwertige Bekleidung aus reiner Schurwolle oder wollhaltigen Mischungen entsteht. Ab 1960 wird die Produktion automatisiert. Die Zahl der Beschäftigten sinkt von fast 4000 (1962) auf etwa 1000 (1975). Ab 1968 wird auch die bereits in den 1930er-Jahren aufgenommene Chemiefaserverarbeitung modernisiert. Die Talfahrt der BWK setzt in den 1980er-Jahren ein, als die Textilproduktion radikal von Westeuropa nach Asien verlagert wird.

Noch 1988 heißt es in dem Buch "Die Häfen in Bremen - Kurs Zukunft", vom Hafensenator und der Bremer Lagerhausgesellschaft herausgegeben, über die BWK: "Die tausend heutigen Mitarbeiter bearbeiten pro Tag 70 Prozent mehr Wolle als die 5000 Beschäftigten vor 30 Jahren". Es ist im Drei-Schichten-Betrieb jeden Tag die Wolle von 60000 Schafen. Wolle nimmt immer noch 60 Prozent der Produktionsleistung ein, die Chemiefasererzeugung macht die restlichen 40 Prozent aus.

In den 1990er-Jahren wachsen die Schwierigkeiten. Der Großaktionär Norddeutsche Raffinerie trennt sich von seinen Anteilen; eine bremische BWK-Beteiligungsgesellschaft übernimmt 47 Prozent der Aktien, gibt aber 22,8 Prozent an die australische Elders Australia Ltd. ab. Der BWK helfen letztlich weder der Aufbau einer Tochter-Kämmerei in Australien noch der australische Großaktionär Elders. Immerhin gelingt es aber 2004 mit Hilfe des australischen Investors Elders, die drohende Insolvenz abzuwenden. Nach 119 Jahren Börsennotierung erfolgt am 19. März 2007 der Rückzug von der Börse. Die BWK wird eine hundertprozentige Tochter von Elders. Am 1. Dezember 2008 beschließt Elders, die Produktion einzustellen. Die Wollkammzugproduktion wird am 27. Februar 2009, die Filzfreiausrüstung am 31. August geschlossen. Sämtliche Maschinen werden verkauft und abgebaut. Ein Teil der früheren Vertriebsbeschäftigten und Wolleinkäufer macht sich selbstständig und gründet das Bremer Wollhandelskontor.

Zurückgeblieben sind leere Industriehallen mit den typischen Sheddächern, die für mehr Lichteinfall beim Wollsortieren sorgen sollten. Das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude ist unlängst an den Vegesacker Geschäftsmann Matthias Gill verkauft worden. Derzeit ist geplant, im dortigen Saal künftig eine Live-Musikreihe anzubieten - am Donnerstag, 21. April, soll es losgehen.

Inzwischen gibt es auch Bestrebungen, ein BWK-Museum möglichst auf dem traditionellen Gelände an der Fabrikstraße zu gründen. Auf Initiative von Detlef Gorn und unter Mithilfe des Ortsamts Blumenthal traf sich in diesem Monat erstmals eine Arbeitsgruppe, die die Gründung des Museumsvereins vorbereitet.

In der nächsten Folge am 24. März geht es um ein Porträt der Doris Focke, geborene Olbers.

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