Die Wachmannstraße Gelebte Nachbarschaft

Was einst als bäuerliches Marschendorf ohne Dorfkern und Kirche entstand, ist heute ein urbanes Viertel, das Tradition und Moderne miteinander verbindet. Das zeigt sich am besten in der Wachmannstraße.
12.08.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Annika Mumme

Was einst als bäuerliches Marschendorf ohne Dorfkern und Kirche entstand, ist heute ein urbanes Viertel, das Tradition und Moderne miteinander verbindet. Das zeigt sich am besten in der Wachmannstraße.

Der Stadtteil besteht heute aus insgesamt sieben Ortsteilen: Neu-Schwachhausen, Bürgerpark, Barkhof, Riensberg, Radio Bremen, Gete und Schwachhausen. In letzterem tut sich vor allem der Verein „Die Wachmannstraße e.V.“ hervor. Renate Viets, Ulla Dopatka und Thomas Rammelt sind dort aktiv, aber weit mehr als nur Vereinsverbündete. Die ehrenamtliche Arbeit für den Verein schweißt sie auch auf privater Ebene zusammen. „Auf den Treffen des Kulturausschusses und des Vorstandes wird immer gekocht. Dann plaudert man ein wenig; irgendwann sagt einer, dass es etwas ernster werden sollte. Dann werden die Feste geplant“, sagt Dopatka. Gemeinsam und mit einer sehr persönlichen Sichtweise auf das Quartier. „Wenn man hier wohnt und sich engagiert, denkt man vieles automatisch mit. Man entwickelt einen offenen Blick und reagiert, wenn es sein muss", erzählt Viets.

Altbremer Häuser sind heute Liebhaberstücke

Gemeinsam organisieren die Mitglieder Straßenfeste, aber auch Bauvorhaben, die in der Umgebung in Zusammenarbeit mit Anwohnern und Geschäftsführern auf den Weg gebracht und umgesetzt werden. 130 Mitglieder umfasst der Verein, circa zehn Prozent setzen sich aktiv für ein harmonisches Miteinander ein. Größere Projekte wie der Umbau der Wachmannstraße oder die Neugestaltung des Benqueplatzes erfordern die Bereitschaft, sich selbst einzubringen.

Ein solches Projekt war die Geschwindigkeitsmesstafel; die erste ihrer Art in Bremen und vom Verein finanziert. Mehrere tausend Euro hat der Verein investiert – aus einem einfachen Grund: „Hier ist Tempo 30. Viele die vom Stern kommen, geben hier Gas, da es ja eine gerade Straße ist. Die müssen an das Tempolimit erinnert werden“, sagt Viets. – Der Stern ist verkehrstechnisch eine Problemzone, die auch die Wachmannstraße betrifft, da der Kreisverkehr einen direkten Übergang in die Fahrradstraße bildet.

Architektonisch ist der Ortsteil Schwachhausen von Altbremer Häusern geprägt. Viele von ihnen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut. Damals noch meist für eine einzige Familie, die sich die Etagen mit ihrem Dienstpersonal geteilt hat. Wegen der großen Räume, der Flügeltüren und der Stuckelemente sind die Häuser bei vielen Wohnungssuchenden sehr begehrt. Gerade in Bürgerparknähe sind die Preise daher in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Aus den Häusern sind richtige Liebhaberstücke geworden, die häufig nur unter der Hand den Besitzer wechseln.

Aber auch andernorts im Stadtteil ist es nicht einfach, eine bezahlbare Wohnung zu finden, Schwachhausen wird als eines von Bremens beliebtesten Wohnvierteln gehandelt. Rammelt sagt: „Das ist auch ein Eigentor: Das Umfeld wird attraktiver und die Mieten steigen.“ Ulla Dopatka und Renate Viets sind beide Vermieterinnen. Viets sagt: „Ich hab eine Mieterin im Jahr 2002 übernommen und ich habe die Miete nicht erhöht. Sie zahlt 600 Euro im Monat für 98 m². Wenn ich da neu vermieten würde, würde ich schon erhöhen. Aber auch dann würde ich nicht den Höchstpreis nehmen, weil mir wichtig ist, dass ich mit den Leuten auskomme.“

Kein Leerstand mehr seit dem Umbau

Seit 2002 gibt es den Verein in der Wachmannstraße, wobei sich schon ab 2000 vieles veränderte. „Hier gab es in den zwei Jahren viel Leerstand und ungefähr zwölf Wechsel in den Geschäften.“ Der 51-jährige Thomas Rammelt hat seine Goldschmiede in der Wachmannstraße. „Seit dem Umbau der Wachmannstraße 2005 ist nichts mehr frei. Alles was frei wird, ist sofort unter der Hand weg. Ich würde schon sagen, dass das die Vereinsarbeit ist; also seit dem wir den Verein haben und so viel Engagement hineinpacken.“ Laut Viets liege die gute Entwicklung der Straße aber auch an der Bereitschaft und Offenheit der Schwachhauser.

Die 64-Jährige lebt hier seit 1999; davor war sie in anderen Stadtteilen als Quartiersmanagerin tätig. „Dort habe ich versucht, die Menschen zu motivieren. Hier läuft das von alleine.“ Das soziale Gefüge Schwachhausens unterscheide sich zu anderen Stadtteilen doch sehr, so Viets. Oftmals fehle es andernorts an Anregungen und am Interesse für die Gemeinschaft. Es gebe aber durchaus in jedem Stadtteil „Zellen“ an die sich „andocken“ ließe.

Im Verein sei es beispielsweise auch möglich, dass sich Menschen aus anderen Stadtteilen engagieren. „Hier arbeiten und woanders wohnen, das geht. Wir haben auch kein Problem damit, Leute von außerhalb aufzunehmen“, sagt Viets. Die Gemeinschaft sei hier vordergründig. Rammelt ergänzt: „Das Miteinander, das kann ja über die Straße hinausgehen.“

In der Stadt wie auf dem Dorf leben

Trotz aller Leidenschaft und Engagement, braucht es aber auch finanzielle Mittel. Diese stammen überwiegend aus den Beiträgen der Vereinsmitglieder: Rund 9000 Euro werden jährlich zusammengetragen, wodurch sich größere und kleinere Vorhaben realisieren lassen. Denn aus den Töpfen des Bremer Haushaltes käme schon länger keine Unterstützung mehr. In den Anfängen habe es Bezuschussungen gegeben. Ulla Dopatka: „Es gab mal etwas im Rahmen der Umbauphase. Da haben wir Gelder für kleinere Wünsche bekommen; die Bänke, die aufgestellt wurden, oder für die Bepflanzung. Aber das war das letzte Mal, dass wir von öffentlicher Hand etwas bekommen haben.“ Auch der Beirat hatte einst bezuschusst; es ginge aber auch um Liquidität und Selbstständigkeit eines Vereins.

Und was ist die Motivation dieser Menschen, sich derart für ihren Stadtteil engagieren? Ebenso könnten sie die häufig gewünschte Anonymität leben. So dachte auch Renate Viets, als sie nach Schwachhausen zog. „Ich nahm an, hier achte jeder darauf, dass er seinen eigenen Zirkel und nichts mit den Nachbarn zu tun hat.“ Doch im Gegenteil: „Ich bin auf dem Dorf groß geworden und habe gemerkt, dass man auch in einer Stadt wie Bremen wie auf einem Dorf leben kann.

Einer der Gründe, warum der Verein das Miteinander weiterhin fördern und ausbauen wolle; auch durch jüngere Mitglieder. Dieses Prinzip gilt aber nicht nur für Mitglieder und Anwohner. Ein Fest zu Ehren der Bauarbeiter, die 2005 die Wachmannstraße umbauten, ist im Verein nichts Außergewöhnliches. „Andere Stadtteile haben sogar bei uns angerufen und gefragt, wie wir das mit dem Baustellenmanagement gemacht hätten; warum es bei uns nur zehn Monate anstatt zwei Jahre gedauert hätte“, so Rammelt.

Lebhafte Struktur auch in Zukunft erhalten

Der Verein gebe die Freiheiten, solche Dinge zu bewegen. Im Vordergrund stehe immer das Zwischenmenschliche. „Ich finde es in Schwachhausen fantastisch, dass man hier die Großzügigkeit der Großstadt, aber die Nähe wie in kleinen Nachbarschaften hat. Ich möchte nirgendwo anders hin“, sagt Viets.

Weshalb auch, schließlich bietet Schwachhausen – speziell die Wachmannstraße mit ihren Nebenstraßen – unzählige Geschäfte für den alltäglichen Bedarf und für das Besondere. Die frühere Lehrerin Dopatka findet hier alles, was sie benötigt: „Hier bekomme ich alles. Die Innenstadt ist nicht mehr attraktiv für mich.“ Alles, was es zum täglichen Leben braucht und darüber hinaus, ist zumeist fußläufig oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Und das Angebot, um hier ein angenehmes Leben zu führen, hat sich in den letzten 35 Jahren kontinuierlich verbessert. Ulla Dopatka: „Ich kam 1981 her. Da war das eine normale Durchgangsstraße. Man fuhr hier zur Uni oder zum Schwachhauser Ring, aber es hatte noch keine Wohnqualität. Geschäfte gab es da nur für die normale Versorgung, kein Vergleich zu heute.“

Und das heute wollen sie bewahren. Ziel des Vereines ist, die positive Stimmung in Schwachhausen und die lebhafte Struktur der Wachmannstraße zu erhalten. Hier leben Menschen, die Wert auf stabile und intakte soziale Gefüge legen, die gern wissen, wie der Nachbar heißt und diesen grüßen. Hier scheuen die Menschen sich nicht, Dinge anzupacken und etwas zu bewegen. Menschen, die ihre Briefträger als Institutionen des Quartiers bezeichnen und ihnen einen ganz besonderen Stellenwert einräumen, die sich ein Gefühl vom Dorf in der Großstadt bewahren möchten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+