Mittendrin im Stadtteil: Waltraud Gillessen aus Schwachhausen war die Vertraute des Schauspielers Gert Fröbes große Liebe

Über drei Jahrzehnte war die Bremerin Waltraud Gillessen dem berühmten Schauspieler Gert Fröbe in freundschaftlicher Liebe verbunden. Viele haben Fröbe noch als Kindermörder im Kriminalfilm "Es geschah am helllichten Tag" von 1958 in Erinnerung oder als Bösewicht im James-Bond-Film "Goldfinger" von 1964. Im Bremer Varieté "Astoria" sind sich die beiden das erste Mal begegnet.
26.01.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Susanne Labatzke

Über drei Jahrzehnte war die Bremerin Waltraud Gillessen dem berühmten Schauspieler Gert Fröbe in freundschaftlicher Liebe verbunden. Viele haben Fröbe noch als Kindermörder im Kriminalfilm "Es geschah am helllichten Tag" von 1958 in Erinnerung oder als Bösewicht im James-Bond-Film "Goldfinger" von 1964. Im Bremer Varieté "Astoria" sind sich die beiden das erste Mal begegnet.

Schwachhausen. "In meinem Leben habe ich nie so viel gelacht wie mit dem Menschen Gert Fröbe", sagt Waltraud Gillessen aus Schwachhausen. Die Bremerin hat den berühmten Schauspieler in der Wohnung ihrer Eltern kennengelernt. "Das muss 1950 gewesen sein", überlegt die heute 82-Jährige.

Als sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus der elterlichen Wohnung in einen Neubau umgezogen sei, seien ihre Eltern gezwungen gewesen, das Zimmer zur Verfügung zu stellen. "Damals gab es diese Anordnung, dass man nur eine bestimmte Anzahl Quadratmeter bewohnen durfte. Irgendwie kannte mein Vater die Sekretärin von Emil Fritz, dem Gründer des Varietés Astoria. Sie schlug vor, gastierende Künstler aufzunehmen."

Das "Astoria" war im Zweiten Weltkrieg zerstört und im Oktober 1950 neu eröffnet worden. Stars wie Marika Rökk, Zarah Leander oder Heinz Erhardt gastierten dort. "Das war ein großartiges und sehr bekanntes Varieté, ein unwahrscheinlicher Anziehungspunkt. Gerade für uns, ich will mal sagen, hungernde Bunkerkinder, die so etwas noch nicht erlebt hatten", sagt die Rentnerin. "Wir, die so genannte ,vergessene Generation', wollten all die glitzernden Lampen und die Spiegelreflexe, das Nummerngirl und die Kapelle sehen und hören. Man wollte natürlich auch furchtbar gern Berühmtheiten kennenlernen."

Bei ihrer ersten Begegnung mit dem "unwahrscheinlich temperamentvollen" Schauspieler Gert Fröbe, der durch seine Rolle als Otto Normalverbraucher in dem Film "Berliner Ballade" von 1948 den Durchbruch geschafft hatte, war Waltraud Gillessen 20 Jahre alt. "Der Altersunterschied von 15 Jahren spielte keine Rolle", sagt sie, "wir haben uns sofort sehr gut verstanden."

Mit welchem Programm Gert Fröbe im Astoria auftrat, weiß Waltraud Gillessen nicht mehr. Aber sie denkt gern an die wundervolle Radtour auf dem Werder zurück. "Ich weiß noch heute, welches Kleid ich getragen habe. Das war alles fürchterlich romantisch."

Eines Abends war sie Gast mit ihren Eltern und Gert Fröbe im Varieté. "Wir saßen nach der Darbietung unten im Arizona. Es wurde gegessen, getrunken und getanzt." Auf der gläsernen Tanzfläche habe Gert Fröbe ihr dann seine Liebe erklärt. "Er war hin und weg. Und ich, als junges, unbedarftes Mädchen, wusste überhaupt nicht, wie mir geschieht."

Vor seiner Abreise habe der Schauspieler bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten. "Aber ich war ja nun schon verheiratet und liebte meinen Mann. Aber auf eine andere Art liebte oder schwärmte ich für Gert Fröbe." Es vergingen ein paar Jahre, in denen die beiden kaum oder nur telefonischen Kontakt hatten. "Wie das bei Künstlern oder Schauspielern so ist, die sind sehr beschäftigt. Er hat dann Beate, seine vierte Frau, geheiratet, und ich blieb bei meinem Mann. Wir bekamen noch eine Tochter, das Leben ging weiter."

Ein paar Postkarten, die mit "Dein Lieber" unterschrieben sind, und kleine Geschenke hat Waltraud Gillessen aus dieser Zeit aufbewahrt. Hin und wieder überkam sie Sehnsucht. "Dann verfasste ich Gedichte für Gert Fröbe."

Langes Winken aus dem Zug

Als der inzwischen mit internationalem Erfolg gekrönte Schauspieler in den folgenden Jahren in Hamburg oder Bremen gastierte, trafen sie sich einige Male. "Bei seiner Abreise mit dem Zug hat er sich immer in den letzten Waggon begeben, so dass er mir bis zum Schluss winken konnte", sagt die Bremerin.

Nach einer Vorstellung von "Durch Zufall frei" im Packhaustheater gingen sie im Schnoor essen. "Meine Tochter, Freunde von ihr, Fröbes Agent oder so und ein Mann von Radio Bremen waren auch dabei", erinnert sich Waltraud Gillessen. "Gert Fröbe unterhielt den ganzen Tisch, scherzte die ganze Zeit und war unwahrscheinlich komisch. Ach, wir haben immer soviel zusammen gelacht."

Waltraud Gillessen zeichnet ein ganz privates Bild von dem großen Darsteller vieler Filmschurken: "Er war ein warmer und herzlicher Mensch. Wenn er einen umarmte, fühlte sich das gut an, weil er so mollig war. Er war zu allen großzügig, zu sich selbst sparsam. 1950 hatte er beispielsweise nur drei Kragen für sein weißes Hemd. Also sind wir gemeinsam in die Bremer Obernstraße gegangen und haben ihm zwei zusätzliche gekauft."

Manchmal besuchte sie ihn bei seinen Dreharbeiten. Auf einem großformatigen Schwarz-weiß-Foto ist auf der Rückseite das Datum 25. Oktober 1977 vermerkt. Zu sehen sind Gert Fröbe, Waltraud Gillessen, ihre etwa 20-jährige Tochter und der amerikanische Schauspieler John Phillip Law, der als Roter Baron oder als Sindbad, der Seefahrer, berühmt geworden war. Im Bendestorfer Filmstudio, dem so genannten "Klein-Heide-Hollywood" in der Lüneburger Heide, wurde der Film "Der Schimmelreiter" von 1978 gedreht. Frei nach der literarischen Vorlage von Theodor Storm spielte Gert Fröbe den alten Deichgrafen und Phillip Law den Hauke Haien. Auf dem Foto essen die vier, offenbar in einer Drehpause, belegte Brote. "Sich selbst Pausenbrote zu machen, mochte Gerhart, das Einfache war ihm genug", sagt Waltraud Gillessen. "Nach Drehschluss unternahmen wir einen Ausflug."

Die Fotos, die Waltraud Gillessen herausholt, zeigen einen lachenden Gert Fröbe, wie er mit Waltraud Gillessen in einer Kutsche eine Decke über den Kopf zieht. An anderer Stelle sieht man ihn, wie er an einem Marktstand Zwetschgen für alle kauft. Über seine Rollen hat er mit ihr nicht gesprochen. "Ich kannte ihn als einfachen Menschen.

Hin und wieder hat er Anekdoten über andere Künstler erzählt. Heinz Rühmann sei beispielsweise ganz gern bei Abendveranstaltungen zu spät gekommen, damit man ihn aufgrund seiner kleinen Körpergröße überhaupt richtig bemerkte."

1988 ist der gebürtige Sachse überraschend gestorben, nachdem er in über 100 Filmen mitgewirkt hat. Waltraud Gillessen war zu dem Zeitpunkt mit ihrer dritten großen Liebe, ihrem Lebensgefährten, glücklich. "Die Witwe Karin Fröbe rief mich an, um mir seinen Tod mitzuteilen. Er hatte gerade noch seinen 75. Geburtstag in Hamburg gefeiert. Nun war ein großes Kapitel zu Ende gegangen, das zu meinem Leben dazu gehört hat." Am 25. Februar wäre Gert Fröbe 99 Jahre alt geworden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+