Interview mit Geschäftsführern

Wie die Glasfaser Nordwest in Bremen ihre Leitungen plant

Die Geschäftsführer der Glasfaster Nordwest, Oliver Prostak und Christoph Meurer, sagen, wie sie den Ausbau ihrer Gigabit-Leitungen planen – damit nicht alle paar Wochen die selbe Straße aufgerissen wird.
28.07.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Wie die Glasfaser Nordwest in Bremen ihre Leitungen plant
Von Florian Schwiegershausen
Wie die Glasfaser Nordwest in Bremen ihre Leitungen plant

Der erste Spatenstich für schnelle Glasfaserleitungen: Der Geschäftsführer der Glasfaser Nordwest, Oliver Prostak (von rechts) mit dem SWB-Vorstandtsvorsitzenden Torsten Köhne, Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) und Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) sowie dem weiteren Geschäftsführer der Glasfaser Nordwest, Christoph Meurer.

Frank Thomas Koch
Herr Prostak, seit Jahresanfang besteht die Glasfaser Nordwest. Die Geburt hatte sich ja doch länger hingezogen.

Oliver Prostak : Es hat neun Monate gedauert, bis das Bundeskartellamt sein Okay gegeben hatte. Dabei haben wir die Bedenken der Behörde aus dem Weg räumen können. Die beiden Unternehmensmütter konnten entsprechende Zusagen machen, unter anderem, dass der Zugang zu unserem Netz diskriminierungsfrei erfolgt. Das haben wir schon von Anfang an so geplant. Gleichzeitig hilft uns jetzt dieser „Stempel“ vom Kartellamt. Denn das hat auch eine wichtige Signalwirkung in den Markt hinein, die uns momentan sehr hilft.

Bis zwei Unternehmen in einem Joint Venture zusammenarbeiten und alle Prozesse auf demselben Level sind, braucht es eigentlich seine Zeit. Wie ist das bei Ihnen gelaufen?

Christoph Meurer: Wir sind hands-on gestartet, wie man so schön sagt. Am Anfang waren das zehn bis 15 Mitarbeiter, jetzt sind wir bald bei knapp 60. Die Prozesse bei uns sind zum großen Teil digitalisiert, womit wir mit Sicherheit auch noch nicht am Ende sind. Auf alle Fälle ist es momentan eine sehr spannende Zeit. Gleich im Januar begann die Feuertaufe: Man kündigt erste Ausbaugebiete an, und es melden sich die Bürgermeister und Landräte, mit denen wir in die Diskussion gegangen sind. Damit haben wir schon eine große Schlagzahl gehabt. Aber mit jeder Woche kommt etwas Neues hinzu.

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Die Geschäftsführung wurde ja je zur Hälfte von der EWE und der Telekom besetzt. Wer von Ihnen ist also Herr EWE und wer ist Herr Telekom? Wobei Ihr rheinischer Zungenschlag das etwas verraten könnte, Herr Prostak.

Prostak: Ja, das ist so. Gebürtig komme ich aus Aachen und bin der Geschäftsführer, der von der Deutschen Telekom entsandt wurde. Dabei muss man sagen, dass keiner, der im Joint Venture arbeitet, ein Rückkehrrecht hat. Das ist also ein harter Cut, der aber bewusst von beiden Unternehmen so entschieden wurde, und zwar: Verlasse das sichere Konzernumfeld mit all den Strukturen, und mache das Neue. Bei uns im Alltag spielt es auch keine Rolle mehr, wer von der Telekom stammt und wer von EWE – zumal wir inzwischen Mitarbeiter haben, die von ganz woanders herkommen. Schließlich wollen wir gemeinsam etwas Neues schaffen, was auch extrem gut funktioniert. Trotzdem wachsen hier zum Teil unterschiedliche Kulturen zusammen.

Herr Meurer, wie teilen Sie sich die Aufgaben der Geschäftsführung mit Herrn Prostak auf?

Meurer: EWE und Telekom haben bei der Gründung des Unternehmens ihre jeweiligen Stärken mit in das Unternehmen eingebracht, und diese Mentalität versuchen wir weiterzuleben. Ich bin viel im Nordwesten unterwegs, unterhalte mich mit kommunalen Entscheidungsträgern und versuche, unsere Ideen und Strategien in die Regionen zu tragen. Oliver hingegen beschäftigt sich intensiv mit der Vermarktung unseres Netzes und ist im engen Austausch mit anderen Unternehmen der Telekommunikationsbranche.

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Es vergeht ja kaum eine Woche, in der es nicht einen neuen Spatenstich gibt. Inwiefern konnten Sie denn da etwas auf die ursprünglichen Ausbaupläne der zwei Unternehmen setzen? Sie können ja nicht bei Null anfangen.

Meurer: In der Tat haben wir bei Null angefangen. Deswegen waren die letzten fünf Monate auch wirklich fünf harte Monate. Die ersten Gebiete waren vorher schon klar, die ausgebaut werden. Aber bei allem anderen, von der Ausschreibung über die Suche nach dem Tiefbauer bis zu den Gesprächen mit den Bürgermeistern, war das seit Januar eine Riesen-Teamleistung. Man läuft an der einen oder anderen Stelle vielleicht den Prozessen etwas hinterher, aber das ist dann eben auch die Lernkurve.

Wie viel Start-up ist denn die Glasfaser Nordwest?

Prostak: Ja, genau. Manchmal muss man sich das wie bei einem Start-up vorstellen. Es ist völlig in Ordnung, wenn man auch mal einen Fehler macht. Hinterher wird es dann besser gemacht – vielleicht mit dem Anspruch: Mach es jeden Tag etwas besser als gestern. Anders hätten wir das nicht geschafft, wie zum Beispiel mit der Anzahl an Spatenstichen.

Sie sind gerade mal 30 Jahre alt. Haben wir bei Ihnen auch eine Altersstruktur wie bei einem Start-up?

Prostak: Im Ergebnis ja, aber wir haben geschaut, dass wir bei den Mitarbeitern eine große Altersspanne haben. So sollte das auch eigentlich sein, damit wir dadurch auch einen Erfahrungsschatz haben mit einer unterschiedlichen Sicht auf die Dinge. Ohne explizit auf das Alter geschaut zu haben, ist das Team jedoch vergleichsweise jung. Den Antrieb, etwas „Neues“ aufbauen zu wollen, haben wir natürlich alle.

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Im ersten Schritt schließen Sie in Bremen 5300 Haushalte im Stadtteil Schwachhausen ans Netz an. Können Sie etwas zu den Ausbauplänen 2021 sagen?

Meurer: Wir können nur eingeschränkt über die kommenden Ausbauprojekte sprechen. Das ist eine der Auflagen des Bundeskartellamts. Was wir jedoch sagen können, ist, dass wir bereits im kommenden Jahr für ein weiteres Ausbauprojekt zurückkommen. Genaueres dazu werden wir schon bald bekanntgeben. Bremen ist die größte Stadt in unserem Ausbaugebiet und deswegen ist uns der Ausbau hier vor Ort auch so wichtig.

Wie sehr arbeiten Sie da vor Ort mit den Kommunen zusammen nach dem Motto: Wenn ich den Weg schon aufgerissen habe, was kann ich da denn noch alles reinlegen?

Prostak: Grundsätzlich sprechen wir mit den Bauamtsleitern vor Ort, bevor der Ausbau stattfindet, um genau diese Fragen zu klären. Wenn es möglich ist, dass wir mitverlegen und das kartellrechtlich erlaubt ist, dann machen wir das. Wenn aber schon leere Rohre vorhanden sind, die wir anmieten können, machen wir auch das. Wenn in einem Gebiet eh saniert wird, nutzen wir das, indem wir unseren Ausbau entsprechend vorziehen. Denn das ist schon die Maxime für den Bürger, dass nicht alle paar Wochen die Straße aufgerissen wird. Es wäre auch nicht schön, wenn wir die Straße aufreißen und einige Wochen später soll dort dann Strom oder Gas rein. Dennoch bitten wir da um Verständnis.

Inwiefern?

Prostak: Wenn man Glasfaserleitungen für mehrere 10 000 Haushalte verlegt, haben wir da nicht jeden Baum oder Ähnliches, was auf dem Weg liegt, in jeder Planungsphase auf dem Schirm. Da kann es passieren, dass wir dann kurzfristig umplanen müssen und so die konkreten Bedingungen berücksichtigen. Das tun wir dann auch, und das klappt immer besser.

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Wie nehmen Sie die Bürger dabei mit?

Meurer: Wir laden die Bürger derzeit zu digitalen Informationsveranstaltungen ein und erklären ihnen dort unsere Pläne. So wollen wir über unsere Website bestmöglich für Transparenz sorgen. Außerdem werden unsere Tiefbau-Trupps vor Ort die Anwohner mit Informationsschreiben versorgen. Auf diesen Schreiben wird dann stehen, ab wann und wie lange in den Straßen der Anwohner ausgebaut wird.

Wo haben Sie all die Tiefbauer her, denn eigentlich ist der Markt ja leergefegt?

Meurer: Da greifen wir auf die Ressourcen der Telekom und der EWE zurück. Die haben ja langfristige Geschäftsbeziehungen mit den entsprechenden Unternehmen. In Bremen ist es dann die Wesernetz, auf die wir aktuell zurückgreifen. In die Zukunft geschaut wird dieser Ausbau aber auch im Wettbewerb ausgeschrieben. Das bereiten wir gerade vor. Man muss sich das dann wie eine Auktion vorstellen. Die Preise im Tiefbau sind gestiegen, und vielleicht kann man das auf diesem Weg etwas kompensieren.

Herr Prostak, sollen noch weitere Mitarbeiter bei Ihnen hinzukommen?

Prostak: Sehr viel mehr sollen es nicht werden, am Ende sollen es 60 Mitarbeiter sein. Wenn da pro Monat fünf bis zehn neue Leute hinzukommen, muss sich das ja auch erstmal alles einruckeln, und es muss sich alles finden. Nun ist soweit alles besetzt, was zu besetzen ist. Es wird noch etwas dauern, so dass jeder seine formale und auch soziale Rolle in dem Geflecht gefunden hat.

Wieviel Eile haben Sie da beim Ausbau? Immerhin treibt die Telekom ja den 5G-Ausbau voran und kann entsprechend schnelle Datenleitungen gebrauchen. Die Daten müssen ja auch irgendwie zum Sendemast kommen.

Prostak: Den „Kampf“ um die Ressource hat man immer. Den gab es auch schon innerhalb der Telekom, als ich noch dort war. Da gibt es auch immer einen Pitch, wer die beste Idee für die natürlicherweise begrenzten Ressourcen hat. Das ist vollkommen normal und spornt sportlich gesehen an. Vom Kartellamt haben wir ja nun auch als Auflage erhalten, eine bestimmte Anzahl an Haushalten mit Glasfaser zu versorgen. Wir haben aber auch Eile aus einem Eigeninteresse heraus. Wir wollen ja nun in den kommenden zehn Jahren jeden zweiten Haushalt ans Netz anschließen, und das wollen wir auch schaffen. Da würde ich diese Eile eher als innere Motivation bezeichnen, um unseren Beitrag zur Digitalisierung in Deutschland zu leisten.

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Wird sich die Glasfaser Nordwest wieder auflösen, wenn in zehn Jahren ihr Ausbauziel erreicht ist?

Meurer: Sehr wahrscheinlich nicht. Die Kooperation ist auf Dauer angelegt und auf unbestimmte Zeit. Natürlich hoffen wir, dass wir nach den zehn Jahren mit dem Ausbau weitermachen können. Wir werden auf jeden Fall einiges zu tun haben, denn die Netze müssen auch in Zukunft betrieben und an die Kundenbedürfnisse angepasst werden.

Bundesweit schaut man ja auf Sie, weil diese Kooperation die Blaupause für andere Regionen sein könnte.

Meurer: In der Tat ist das so, dass man schaut, ob unser Beispiel hier im Nordwesten auch in anderen Regionen funktionieren könnte. Zu anderen Kooperationsvorhaben der Telekom oder EWE kann ich jedoch nichts sagen.

Wenn die Corona-Zeiten vorbei sind, wo werden sich Ihre Mitarbeiter denn bei den Betriebsaktivitäten in Zukunft eher wiederfinden? Herr Prostak, für Sie die Kohlfahrt in Oldenburg oder der Karnevalssitzung in Bonn?

Ich als gebürtiger Aachener, eben als „Öcher“, wie man bei uns sagt, bin natürlich immer für Karneval zu haben. Aber wir haben erstmal mit der Kohlfahrt angefangen. Die haben wir gemeinsam im Februar gemacht. Das war ja vor dem Corona-Lockdown, da war das ja auch noch möglich und erlaubt, und wir hatten viel Spaß.

Im Basketball haben ja sowohl Telekom als auch EWE Spaß – in diesem Jahr die EWE noch etwas mehr. Herr Meurer, wem drücken Sie die Daumen?

Ja, das wird in Zukunft auch spannend – erst recht, wenn beide Teams gegeneinander spielen. Das könnte bei uns im Unternehmen für Gesprächsstoff sorgen. Es wäre wahrscheinlich die politisch-korrekte Antwort, wenn ich sagen würde, dass ich für beide mitfiebere. Ich bin ehrlich: Ich bin großer EWE-Baskets-Fan und werde das auch bleiben.

Info

Zur Person

Oliver Prostak und Christoph Meurer

Der 30-Jährige und der 38-Jährige sind Geschäftsführer der Glasfaser Nordwest, die ein Joint Venture der EWE und der Deutschen Telekom ist. Gemeinsam wollen sie im Nordwesten Deutschlands zwischen Ems und Elbe bis zu 1,5 Millionen Haushalte mit schnellem Glasfaser-Internet versorgen.

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