Ein Zuhause für Fledermäuse

Zufluchtsort in luftiger Höhe

100 mal 60 Zentimeter ist es groß und soll eine Baumhöhle simulieren. Im Stadtwalt wurde ein sogenanntes Spaltenquartier, ein Ersatzzuhause, für Fledermäuse eingeweiht.
12.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerald Weßel
Zufluchtsort in luftiger Höhe

Das Ersatzquartier für Fledermäuse im Stadtwald ist bezugsfertig . Tim Großmann (von links), Rüdiger Zoch, Heike Schumacher und Kai Thore Wolf weihen das neue Zuhause für die Säugetiere ein.

PETRA STUBBE

Ein Haus zu bauen braucht Zeit, das weiß quasi jedes Kind, aber dieses bestimmte Eigenheim zu errichten, verlangt wirklich eine Menge Geduld. Aber ein Gutes hat das hölzerne und vielleicht auch etwas morsche Zuhause schon: Niemand muss mitunter auch nur einen Finger krümmen, damit es entsteht, denn die meiste Arbeit erledigt die Zeit. Dank Witterung, Insekten und Fäulnisprozessen werden Bäume über Jahrzehnte zum Zuhause für zahlreiche Tiere, eines von ihnen ist die Fledermaus. Auch in Bürgerpark und Stadtwald tummeln sich Vertreter dieser großen Gruppe an Säugetieren, von denen laut der Deutschen Wildtierstiftung allein in Deutschland etwa 25 Arten heimisch sind.

Ein Vertreter der Verwaltung des Bürgerparks, ein Mitglied des Arbeitskreis Fledermausschutz, eine Helfende vom BUND Bremen sowie der Prokurist des Berufsbildungswerk Bremen haben sich bei nassem Wetter am Rande des Stadtwalds eingefunden, um ein Zuhause aus Menschenhand für Fledermäuse einzuweihen: ein Spaltenquartier. 100 mal 60 Zentimeter ist es groß und soll eine Baumhöhle simulieren. Damit es dafür auch in adäquater Höhe für die fliegenden Bewohner zu finden ist, wird es auf zwei massiven Stangen montiert, die auf einem Sockel im Boden verankert sind.

„Aufgrund des immer knapper werdenden Quartiersangebots für Fledermäuse haben wir uns entschieden, ein frei stehendes Ersatzspaltenquartier aufzustellen“, so Heike Schumacher vom BUND Bremen. Letztendlich aufgestellt hat die Konstruktion aber der Bürgerparkverein. Gebaut wiederum haben jugendliche Auszubildende beim Berufsbildungswerk das Fledermausquartier. Sie bekamen hierzu fachkundige Anleitung, wie Rüdiger Zoch, Prokurist vom Berufsbildungswerk, erzählt. „Bei Projekten wie diesem vermitteln wir weit mehr als nur Kompetenz am Werkstück, sondern auch Umweltkompetenz.“

Zusätzlich zu dem frei stehenden Quartier haben der BUND Bremen und der Arbeitskreis Fledermausschutz im vergangenen Jahr bereits zehn Fledermaushöhlen an Bäumen angebracht. Diese richten sich an eine andere Zielgruppe als das jüngste Gruppeneigenheim im Stadtwald. „Manche Fledermausarten nisten bevorzugt in Gebäuden, da es sie an Höhlen, die ihre natürliche Heimat darstellen, erinnert“, erklärt Kai Thore Wolf, vom Arbeitskreis Fledermausschutz. Andere bevorzugen das neue Spaltenquartier, da sich das mehr an baumbewohnenden Arten richtet. Und viel Platz braucht es nicht, berichtet er: „Die Zwergfledermaus, die auch bei uns vorkommt, ist winzig“, sagt er und formt ein kleines Rechteck mit den Fingern. „Mit zusammengefalteten Flügeln ist sie nur so groß wie eine Streichholzschachtel.“ Auch Bürgerparkdirektor Tim Großmann kann aus eigener Erfahrung berichten, welch unwahrscheinliche Kleinsteigenheime sich an vermeintlich unwahrscheinlichen Orten verbergen. „Bei der Inspektion einer alten Eiche nahe einer Spielwiese, entdeckten wir zwei“, erinnert er sich. „Die saßen hinter einem losen Rindenstück am Stamm.“

Immer wieder werde man in den Park-Waldanlagen von ihnen überrascht, denn sie wechseln regelmäßig ihren Schlafplatz. „Das macht es unglaublich schwierig und teuer, sie zu zählen“, erklärt Schumacher.

Prozesse, die zu Wohnquartieren für Fledermäuse führen, dauern mitunter sehr lange. „Bis eine Spechthöhle für Fledermäuse nutzbar wird, dauert es 20 bis 30 Jahre“, erklärt Wolf. „Solange braucht es, bis Ausfaulungen dafür gesorgt haben, dass genug Platz da ist.“ Fledermäuse seien aber auf solche natürlich entstehenden oder eben die künstlich aufgestellten Heimstätten angewiesen, denn sie können sich diese nicht selbst schaffen. Während ihrer Evolution hat es einfach immer diese Behausungen gegeben. Erst durch den Menschen werden diese in Natur und inzwischen auch in seinen Städten immer rarer. „Durch energetisch notwendige Sanierungen alter Gebäude werden häufig Fledermausquartiere verschlossen und gehen somit verloren“, beklagt zum Beispiel der BUND. Und die bezugsfertig dastehenden Bäume stellen für den Menschen eine Gefahr dar. Denn vor allem alte Gehölze weisen natürliche Höhlen, Risse oder sonstige Öffnungen auf. „Wir stehen hier dann immer wieder vor einem Dilemma“, beklagt Großmann. „Auf der einen Seite steht der Umwelt- und Tierschutz, der mehr als 100 Jahre alten Bäume und der Tiere, und auf der anderen Seite unsere Verpflichtung, die Wege des Bürgerparks und des Stadtwalds verkehrssicher zu halten.“ So müssen immer wieder Bäume gefällt werden, da sie bei Sturm umzustürzen drohen. Dies sei für viele Tiere ein Desaster, denn sie brauchen um die zehn Minuten, um aus ihrem Winterschlaf zu erwachen, schildert Schumacher. Entkommen können Sie den Fällungen so kaum.

Aber die Parkverwaltung versuche deshalb, so oft wie möglich, Bäume weiter weg von den Wegen stehen zu lassen. Wenn die Parkverwaltung den Tieren helfen könne, tue man dies sehr gerne, so Großmann. Und er hofft auf neue Rechtsprechungen, die ihm erlauben, die Bäume länger stehenzulassen.

Die Fledermausschutzmaßnahmen im Zuge des Projektes „Stadtnatur beflügelt“ werden von der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau, der Karl-Kaus-Stiftung für Tier und Natur sowie der Stiftung Nordwest Natur gefördert.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+