Interkulturelle Projektreihe Transistion

Im Zeichen von Melancholie und Lebensfreude

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, diese Weisheit gilt auch für die 11. Ausgabe der Projektreihe „Transitions“, die vom 29. bis 31. August in Bremen über die Bühne geht.
27.08.2019, 18:50
Lesedauer: 4 Min
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Im Zeichen von Melancholie und Lebensfreude
Von Sigrid Schuer
Im Zeichen von Melancholie und Lebensfreude

Neuer Kooperationspartner der Projektreihe "Transition" ist das Focke-Museum. Bora Aksen möchte künftig noch mehr Kontakte zu Museen in der Türkei knüpfen.

Roland Scheitz

Das Wort von der universalen, Völker verbindenden Sprache der Musik wird zwar oft zitiert, hat aber dadurch nichts von seiner Strahlkraft und Wahrheit eingebüßt. Das gilt besonders in Zeiten wie diesen, in denen der Populismus grassiert und sich gegen immer neue Feindbilder abzugrenzen beliebt. Insofern ließe sich die Entscheidung des Bremer Saxofonisten Peter Dahm, gemeinsam mit Freunden vor elf Jahren die interkulturelle Projektreihe „Transistion“ ins Leben zu rufen, als geradezu visionär bezeichnen. Ausgangspunkt war ursprünglich die Kulturwerkstatt Westend, deren künstlerischer Leiter er ist. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit Tim Günther, dem Kantoren von St. Stephani. Die Kooperation mit der Kulturkirche St. Stephani ermöglichte in den vergangenen Jahren gemeinsame große Konzerte mit Stars wie Zülfü Livanelli und Mikis Theodorakis. Erklärtes Ziel von „Transition“ ist es, musikalisch gegen einseitige, fundamentalistisch gefärbte Sichtweisen, nationalistische Gedanken und häufige Vorurteile Stellung zu beziehen.

In der diesjährigen Ausgabe, die von Donnerstag, 29. bis Sonnabend, 31. August, in Bremen über die Bühne geht, gibt es gleich zwei Premieren neuer Spielorte: Zum Auftakt ist am Donnerstag, 29. August, um 20 Uhr, im Focke-Museum in der Schwachhauser Heerstraße 240 das Format „Jazz meets Anatolia“ mit der Formation „Sikinti Yok“, Jazz- und Trompeter-Papst Uli Beckerhoff, dem Gitarristen Jan-Olaf Rodt und dem Bassisten Ralf Stahn zu erleben. Die Band „Sikinti Yok“, zu Deutsch in etwa: „Kein Problem, kein Stress!“, spielt sowohl traditionelle anatolische Melodien als auch Kompositionen des Saxofonisten Peter Dahm.

Premiere am zweiten neuen Spielort

Am Freitag, 30. August, um 19.30 Uhr, hat dann der zweite neue Spielort Premiere. Das Trio Extempore und das Duo Birer/Caliskan spielen im Theater am Leibnizplatz, Schulstraße 26, das Programm „Hüzün – Melancholie“. Der Titel bezieht sich auf ein Essay von Orhan Pamuk, in dem es heißt „Eine kollektive Stimmung des Scheiterns und des Verlustes, einfach Hüzün“. Damit hat Pamuk auch die Gefühlslage eines Großteils der türkischen Intellektuellen umrissen. Denn das Land am Bosporus befindet sich seit fünf Jahren in politisch angespannten Zeiten, in denen das autokratisch regierende Erdogan-Regime international für Irritationen sorgt.

Getrübt von derlei Irritationen sei aber der diesjährige Auftakt der Projektreihe vom 23. bis 30. April in Bremens Partnerstadt Izmir nicht gewesen, betont Bora Aksen, seit 2018 wissenschaftlicher Referent für gesellschaftliche Vielfalt im Focke-Museum und nun im Organisationsteam von „Transition“ mit dabei. „Von politischen Spannungen ist nichts zu spüren gewesen. Politik war überhaupt nicht das Thema“, betont er. „Izmir ist solch eine wunderschöne Stadt. Wir können in Bremen wirklich glücklich über diese Partnerstadt sein“, sagt Aksen, der von Haus aus Schwabe mit türkischen Wurzeln ist und 1996 nach Bremen kam, um Kommunikations- und Medienwissenschaft zu studieren. Auf große Resonanz sei auch das „Transition“-Konzert in der Kulturkirche von Izmir gestoßen, sagt er und berichtet gleich von noch einem Highlight: So hätten junge Ensemblemitglieder der Oper in Izmir im archäologischen Museum von Ephesus unter anderem Arien aus Mozarts „Don Giovanni“ gesungen.

Hüzün, dieses Weltschmerzgefühl

Doch zurück zu Hüzün, diesem Weltschmerzgefühl, für das es natürlich auch eine deutsche Entsprechung gibt. So hat der Schriftsteller Josef Zehentbauer ein Buch mit dem Titel „Melancholie – Die traurige Leichtigkeit des Seins“ veröffentlicht. „Schon im letzten Jahr haben wir uns mit dieser Thematik beschäftigt. Damals aus sehr individueller Sicht der Akteure“, betont Peter Dahm. Dieses Jahr solle die Thematik durch eine Gegenüberstellung der Kompositionen von und über Selahattin Pinar (1902 bis 1960) den Kompositionen von John Dowland (1563 bis 1626) vertieft werden, erzählt der Erfinder der Projektreihe. Die Musiker aus Bremens Partnerstadt Izmir, Güvenc Birer und Osman Caliskan interpretieren mit Ud, Gesang und Ney die türkischen Stücke. Das Trio Extempore mit Maren Böll, Peter Dahm und Jan Grüter wird mit Laute, Gesang und Sopransaxofon die Dowlands Musik interpretieren.

Und schließlich last not least: Das Abschlusskonzert der diesjährigen Ausgabe am Sonnabend, 31. August, um 20 Uhr in der Kulturwerkstatt Westend, Waller Heerstraße 294. Das Programm „Strings and voices“ wird gestaltet von Limosart, dem Bremer Chor mit türkischem Migrationshintergrund und Cellowerk Bremen. Als Gäste sind Güvenc Birer, Enes Icer und Kerem Duru aus Izimir mit auf dem Podium. Anatolische traditionelle Instrumentalmusik und Lieder aus vielen Regionen der Türkei treffen auf klassische Streichermusik von Dvorak und Grieg. Zu hören sind auch Musikstücke, die in einem Workshop erarbeitet wurden, in dem den Cellisten die Spielweise der anatolischen Musik vermittelt wurde.

Zu den Konzerten in Bremen kommen auch immer viele Bremerinnen und Bremer mit türkischen Wurzeln. Seit 2016 wird außerdem die Zusammenarbeit mit der „Izmir Müsli Akademisi“ und deren Leiter Güvenc Birer intensiviert. Auch hier bestehen gute Kontakte zwischen Deutschland und der Türkei. „Uns geht es vor allem darum, andere und neue Publikumsschichten zu gewinnen“, betont Bora Aksen abschließend. Künftig angedacht seien auch kulturelle Austauschprojekte zwischen bremischen und türkischen Museen, wie dem archäologischen Museum in Ephesus. Wie überhaupt die kulturelle Öffnung großer Häuser das erklärte Ziel des vor zwei Jahren von der Kulturstiftung des Bundes ins Leben gerufenen 360-Grad-Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft ist. Und da ist Aksen ja schließlich Experte.

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Der Eintritt zu den Konzerten kostet 12, ermäßigt neun Euro.

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