Kein Bier wegen Corona

Die Bremer Kneipe „Schwarzer Hermann“ wird renoviert

Wie viele andere Gastwirte nutzt Johannes Ziegler die Corona-Krise, um seine Kneipe zu renovieren. Der Schwarze Hermann in der Bremer Parkallee ist seit drei Wochen geschlossen.
06.04.2020, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Bremer Kneipe „Schwarzer Hermann“ wird renoviert
Von Jürgen Hinrichs
Die Bremer Kneipe „Schwarzer Hermann“ wird renoviert

Johannes Ziegler betreibt den Schwarzen Hermann seit viereinhalb Jahren. Nun renoviert er erstmals von Grund auf.

Frank Thomas Koch

Im Schwarzen Hermann ist noch was los. Laut schallt die Musik aus der Tür. Kneipenmusik, durchmischt mit noch anderen Geräuschen. Da ist ein Bohren, Sägen und Hämmern, später kreischt auch die Kreissäge, und es kärchert der Kärcher. Wirklich was los in dem Lokal, aber ganz anders als sonst. Keine Gäste, die gesellig beim Bier zusammensitzen. Keine feuchtfröhlichen Feiern. Keine Ausgelassenheit. Gerade nicht opportun, die Leute trinken zu Hause, wenn sie diesen Trost brauchen oder einfach Freude daran haben. Die Kneipe am Eingang zur Parkallee in Schwachhausen ist zwar offen, aber für Kunden geschlossen. Sie ist eine Baustelle.

Johannes Ziegler hat nicht lange überlegt, als in Bremen entschieden wurde, wegen der Corona-Krise alle Orte zu schließen, an denen Publikumsverkehr herrscht. Was sollte er auch tun? Die Gäste einzeln eintreten lassen und das Bier zum Mitnehmen in Becher füllen? Außerhausverkauf, wie es viele Restaurants machen? Ein witziger Gedanke, aber nicht realistisch. Zusperren und nach Hause gehen, kam für den Wirt aber auch nicht in Frage. So einer ist er nicht, er will was tun, die Zeit nutzen. „Ich habe mich mit meinen Freunden besprochen, die mir jetzt helfen, und dann war die Sache klar: Wir renovieren.“

Nichts, was sie sich nicht zutrauen

Der 33-Jährige betreibt den Schwarzen Hermann, benannt nach einem Raben und ein halbes Leben schon am selben Platz, seit viereinhalb Jahren. In der Zeit hat er vieles in dem Lokal angepackt, Kleinigkeiten meist, aber noch nie von Grund auf renoviert. Drei Wochen sind sie jetzt schon dabei, Ziegler und seine Kumpel, und es gibt nichts, was sie sich nicht zutrauen. Der Holztresen wurde komplett umgebaut, die Elektrik erneuert, Lampen installiert, und der Boden ist auch noch dran. Er soll eine Betonoptik bekommen. Estrich drauf und die Oberfläche verspachteln. „Learning by doing“, scherzt Ziegler. Ahnung von Handwerk hat der gelernte Veranstaltungskaufmann eigentlich nicht, seine Helfer genauso wenig. Aber irgendwie, sagen sie, haut’s schon hin. Die Elektrik immerhin wird am Ende der Arbeiten von einem Fachmann abgenommen.

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„Firmen zu beauftragen, wäre nicht möglich“, sagt der Wirt. Zu teuer. Auch so sei es ja schon ein Kraftakt. Einige Tausend Euro, die dabei draufgehen. Geld, das er eigentlich nicht hat und vorerst auch nicht bekommen wird, jedenfalls nicht von seinen Gästen. Die Einnahmen sind auf null. „Jetzt zu investieren, ist natürlich ein Risiko“, räumt Ziegler ein. Es könnte sich eines Tages aber auszahlen, mit der Kneipe in neuem Gewand. Eine Art, die Dinge zu sehen, die offenbar gar nicht so selten ist. Schaut man sich in der Stadt um, sieht man andere Beispiele. Der Schwarze Hermann ist nicht das einzige Lokal, das in Kur ist.

Ziegler, ein sehr aufgeräumter, gut gelaunter Mann mit einer Menge Tattoos auf der Haut und einem Piercing in der Nase, hat zwei feste Beschäftigte, die er in Kurzarbeit geschickt hat. Ihn unterstützen in der Kneipe außerdem zwei Minijobber, denen nun das Geld fehlt. Für sich selbst hat Ziegler Hartz IV beantragt, so lange er in seiner eigenen GmbH als Geschäftsführer mangels Masse kein Gehalt mehr bekommt. Der Wirt weiß, was er an Kosten hat: Pacht, Versicherung, Strom, Wasser und Heizung. Über den Daumen sind das 5000 Euro im Monat.

Ohne Hilfsgeld droht die Insolvenz

Als Kleinstbetrieb hat er in Bremen nach einer Entscheidung des Senats das Anrecht auf eine Einmalauszahlung von genau diesen 5000 Euro. „Die kommen erst einmal.“ Für weitere Mittel, die nicht zurückgezahlt werden müssen, verlangen die Behörden einen genauen Nachweis des Bedarfs. Ziegler ist zuversichtlich, den erbringen zu können, nicht für die gesamte mögliche Summe, das wären 20.000 Euro, wohl aber für 15.000 Euro. Sollte das Geld nicht kommen, das ist für ihn klar, gibt es nur noch einen Weg, den der Insolvenz. „Von uns Kneipen, Bars und Restaurants, die nicht zu den großen Ketten gehören, hat niemand die Rücklagen, ohne Hilfen die nächsten vier bis acht Wochen zu überstehen“, sagt Ziegler.

Als vorerst Schluss war mit der Kneipe, hatten sie noch 135 Liter in den Fässern. Das Bier wurde notgedrungen abgeschrieben. Aber soll es deswegen schlecht werden? Selbst ist der Mann, ganz wie beim Schrauben, Bohren und Sägen. „Das Haake ist jetzt leer“, sagt Ziegler und lacht, „getrunken erst nach Feierabend.“ Er hat einen Zettel ans Fenster geklebt, für die Gäste, die normalerweise kommen. Alles dabei, sagt der Wirt, aus allen sozialen Schichten, jedes Alter, nur die ganz Jungen nicht. Eine Schublade, irgendeine? „Zum Glück nicht.“ Auf dem Zettel steht, dass die Kneipe schließt – und was das bedeutet: „Euer Lieblingswohnzimmer macht zu. Kein Gastgeber, kein Ratgeber, keine Freunde mehr. Wir wünschen Euch viel Kraft, starke Nerven und ganz besonders viel Gesundheit.“

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