Mehrere Straßen in Bremen Koloniale Straßennamen werden Thema in der Beirätekonferenz

Schon zweimal wurden in diesem Jahr die Schilder der Lüderitzstraße entfernt. Der Namensgeber steht als Kolonialpionier in der Kritik. Nun befasst sich die Beirätekonferenz im Mai mit kolonialen Straßennamen.
11.02.2020, 06:54
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Koloniale Straßennamen werden Thema in der Beirätekonferenz
Von Frank Hethey

Manch einer mochte seinen Augen kaum trauen: Die beiden zu Jahresbeginn spurlos verschwundenen Schilder der Lüderitzstraße in Schwachhausen waren gerade erst ersetzt, da waren sie auch schon wieder weg. Diesmal hatten die Schilderdiebe allerdings für Ersatz gesorgt, anstelle des alten Namens prangte ein neuer am entblößten Rohrpfosten. Nicht mehr der umstrittene „Kolonialpionier“ Adolf Lüderitz fungierte jetzt als Namensgeber, sondern der Hereroführer Samuel Maharero. Allerdings währte die eigenmächtige Umbenennung nicht allzu lange. Wie aus dem Ortsamt zu hören ist, schritten die Anwohner zur Selbsthilfe und entfernten die eher dilettantisch angefertigten Schilder gleich wieder.

Gleichwohl erhält die Diskussion um das koloniale Erbe mit dem zweifachen Schilderklau eine neue Dynamik. Auf Initiative der Schwachhauser Beiratssprecherin Gudrun Eickelberg (Grüne), zugleich Vorsitzende des Antikolonialvereins „Der Elefant!“, beschäftigt sich die Beirätekonferenz am 5. Mai mit dem Thema „Straßennamen mit Bezug zum Kolonialismus“.

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Eickelberg setzt auf Signalwirkung

Für Eickelberg steht außer Frage, dass es höchste Zeit für neue Namensfindungen ist. Einige Menschen hätten eine Ehrung durch einen Straßennamen schlichtweg nicht verdient. Von „Personen aus der Zeit des Faschismus“ habe man sich zumeist erfolgreich getrennt. Doch damit darf es in ihren Augen nicht sein Bewenden haben. „Nun müssen auch die Kolonialverbrecher an der Reihe sein.“ Von der Thematisierung auf der Beirätekonferenz erhofft sich Eickelberg Signalwirkung. „Ich hoffe, dass wir auf diesem Weg auch andere Beiräte dafür sensibilisieren, sich mit belasteten Straßennamen näher zu beschäftigen.“ Ob in absehbarer Zeit die Mehrheiten für eine Umbenennung reichten, werde sich zeigen.

Der Leiter des Staatsarchivs, Konrad Elmshäuser, beurteilt die Sache anders. Er verweist auf den nach langwierigen Debatten ausgehandelten Kompromiss, koloniale Straßennamen in Schwachhausen mit einer erklärenden, durchaus kritischen Legende zu versehen. Das Schwachhauser Modell sieht Elmshäuser als brauchbares Vorbild auch für andere Stadtteile an. In enger Zusammenarbeit mit Beirat und Ortsamt sei durch ein vorbildliches Verfahren ein breiter Konsens gefunden worden. „Damit ist ein Diskussionsstand erreicht, der vom überwiegenden Teil der beteiligten Akteure mitgetragen wird. Umso bitterer ist es, wenn kleinste Gruppen das nicht akzeptieren können und zur Sachbeschädigung schreiten.“

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Mit gemischten Gefühlen sieht die Gröpelinger Beiratssprecherin Barbara Wulff (SPD) der Beirätekonferenz entgegen. Prinzipiell begrüßt sie eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Straßennamen. „Ich finde die Idee gut, Legenden anzubringen.“ Eine solche Aktion könne sich der Unterstützung des Beirats Gröpelingen sicher sein. Dagegen steht Wulff einer Umbenennung von Straßen skeptisch gegenüber. Vor allem wegen der Kosten, die auf die Anwohner durch eine geänderte Adresse zukommen würden.

Dieses Problem kennt auch Stefan Markus (SPD). Der Sprecher der Beirätekonferenz regt an, bei einer Straßenumbenennung den Anwohnern entgegen zu kommen. „Die anfallenden Kosten dürfen nicht allesamt den Anwohnern auferlegt werden“, sagt Markus. Denkbar sei, dass etwa die Gebühren für eine Änderung des Personalausweises zu Lasten der Stadtgemeinde gingen. Freilich gebe es auch Grenzen, neue Visitenkarten gehörten sicher nicht zum Leistungsangebot der Stadt.

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Langer Weg bis zur Umbenennung

Fast im gesamten Stadtgebiet lassen sich Straßennamen mit Kolonialbezug finden. Die Website „freedom roads“ führt für Bremen 18 Beispiele an. Anna Wolter, Verfasserin einer Masterarbeit über Straßennamen in kolonialen Kontexten, kommt sogar auf 54 Straßennamen, nennt allerdings auch Straßen, die es gar nicht mehr gibt.

Als neue Namenspatrone favorisiert das Bündnis „Decolonize Bremen“ Personen, die sich der deutschen Kolonialherrschaft widersetzten. Wie Samuel Maharero. Die von seinen Verehrern in Schwachhausen gleich mitgelieferte Legende feiert ihn als „Anführer des antikolonialen Widerstands gegen die deutsche Gewaltherrschaft im heutigen Namibia“.

Bis eine Straße wirklich umbenannt wird, ist indessen ein langer Weg zurückzulegen. Nur die jeweils zuständigen Beiräte haben laut Ortsgesetz das Recht dazu. Allerdings können die Stadtteilparlamente nicht einfach von sich aus aktiv werden, zum Entscheidungsprozess gehört eine breite Bürgerbeteiligung und ein formaler Antrag auf Umbenennung. Diesen Antrag an den Beirat kann aber nur stellen, wer im Beiratsbereich wohnt und das 14. Lebensjahr vollendet hat.

Eine wichtige Rolle bei einer angestrebten Umbenennung spielen die Anwohner. Sie werden angeschrieben und zur Diskussion im Beirat eingeladen. Auch Sachverständige und sonstige Akteure können im Stadtteilparlament das Wort ergreifen. Entscheidet sich der Beirat mit Stimmenmehrheit für eine Umbenennung, beauftragt das Ortsamt das Amt für Straßen und Verkehr (ASV), den Beiratsbeschluss umzusetzen. Bevor das geschieht, muss das ASV aber schriftliche Stellungnahmen von Staatsarchiv und Verkehrsressort einholen. Erst wenn die positiv ausfallen, erstellt die Behörde eine Vorlage für Deputation und Senat, um die Umbenennung zu verwirklichen.

Schon seit Längerem bewegt das Thema Straßenumbenennungen die Gemüter. Explizit befasste sich damit im April 2019 die 4. Gesprächsrunde „Kolonialismus und seine Folgen“. Zum damaligen Schwerpunktthema „Dekolonialisierung des Stadtraumes“ präsentierten zwei Jugendliche eine Projektarbeit, die in Zusammenarbeit mit der Jugendbildungsstätte Lidice-Haus entstanden war. Ihre Forderung nach einer Umbenennung kolonialer Straßennamen erhielt zusätzliches Gewicht durch eine Mahnwache, die Schüler der Gesamtschule Bremen-Mitte wie auch der Oberstufe am Leibnizplatz im September 2019 an der Lüderitzstraße abhielten. Als neuer Namensgeber schwebte ihnen Samuel Maharero vor – der Mann, der jetzt zu Ehren kam.

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