Frauenrugby

Kontrolliert in den Dreck

Lia Lindenberg spielt jetzt Rugby statt Volleyball – und lernt dabei viel über ihren eigenen Körper. Der Zusammenhalt im Team wird geschätzt
12.11.2018, 21:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Liane Janz

Sie ist schon aus der Ferne zu hören, fordert laut ihre Spielerinnen auf, die Lücken zu schließen, schneller zu sein, die Gegnerin am Ball zu Fall zu bringen. Im Rugby ist das nicht nur ein probates Mittel, sondern im Regelwerk festgeschrieben. Für Greta Reintje ist Rugby nichts Außergewöhnliches – selbst für Frauen. Die Trainerin von Union 60 ist in Irland aufgewachsen und spielte seit ihrem achten Lebensjahr. In Deutschland sind Rugby-Spielerinnen immer noch Exotinnen. Aber dafür werfen sich an diesem tristen Nachmittag ziemlich viele Frauen in den Dreck und zerren an den Gegnerinnen.

„Ich hätte es mir vorher nicht vorstellen können, Rugby zu spielen“, sagt Lia Lindenberg. Rugby kommt bei den Zuschauern oft recht brutal rüber. Dieser Eindruck hatte sich auch bei der 27-Jährigen über Jahre gefestigt. Seit vier Monaten aber ist das anders, denn seitdem trainiert sie mit den Union-­Damen und hat andere Erfahrungen gemacht. Ihre Teamkollegin Kira Zier (28) bringt sie auf den Punkt: „Beim Rugby bringen wir uns kontrolliert zu Boden“, sagt sie. Das Regelwerk erlaubt es nicht nur, die Gegnerin zu Fall zu bringen, sondern schreibt auch vor, wie das zu geschehen hat. „Es gibt Körperbereiche, die man nicht tackeln darf“, sagt Kira Zier. Bei den Frauen ist das im Grunde alles oberhalb des Zwerchfells. Dazu komme, dass niemand eine Schutzkleidung wie beim American Football trägt. Deshalb lassen die Frauen ihre Gegnerin erst los, wenn sie sicher auf dem Rasen liegt, statt sie einfach hinzuwerfen.

„Man lernt viel über den eigenen Körper“, sagt Kira Zier, die 2014 mit Rugby begonnen hat. Lia Lindenberg brachte der Wechsel ganz unerwartete körperliche Erfahrungen. 16 Jahre lang spielte sie Volleyball beim TV Eiche Horn, bis in die Regionalliga schaffte sie es. Zum Schluss machten ihr aber oft die Knie Probleme. Beim Rugby merkt sie davon nichts. An andere Ballspiele traut sich Kira Zier nicht heran. „Ich hab mehr Angst vor Handball“, sagt sie. Der harte Boden, die Kämpfe um den Ball am Kreis – da könne einiges passieren.

Union-Kader mit 15 Spielerinnen

Ob es das war, was die ersten Frauen in Bremen motivierte, den Sport auszuprobieren, ist nicht überliefert. Klar ist, dass sich Anfang der Neunzigerjahre die ersten Bremerinnen fanden, die unter der Leitung des damaligen Herrentrainers Udo Rediske bei Bremen 1860 erstmals mit dem ovalen Leder trainierten. Nur anderthalb Jahre später schlief ihr Enthusiasmus wieder ein, unter anderem wegen des mangelnden Spielbetriebs. Eine Liga gab es noch nicht. Thorsten Flohe fand als Trainer wieder einige Frauen, die Ende 2000 in einer Spielgemeinschaft mit den Welfen Braunschweig bei Punktspielen aufliefen. Im Jahr darauf wechselten die Frauen geschlossen zu Union 60. Inzwischen lautet eine ungeschriebene Vereinbarung, dass Frauen, die wegen Rugby bei 1860 anfragen, an Union 60 verwiesen werden. Dort bündeln sich zumindest im Frauenbereich die Rugby-Kräfte in Bremen.

Das Konzept hatte Erfolg, denn in der Saison 2004/2005 holte sich die Mannschaft den Meistertitel in der Regionalliga Nord und stellte später mit Miriam Spinner eine österreichische Nationalspielerin, die bei der Europameisterschaft 2007 auf dem Rasen stand.

Nach einigen Jahren, in denen die Union-Frauen als eigenständige Mannschaft in der Regionalliga im Siebener Rugby antraten, sind in der laufenden Saison wieder die Zeiten der Spielgemeinschaft angebrochen. Die Bremerinnen haben sich mit dem Polizeisport-Verein (PSV) Oldenburg zusammengetan. Der Union-Kader sei 15 Frauen stark, der Oldenburger acht, sagt Trainerin Greta Reintje. Für Punktspiele dürfen bis zu zwölf Spielerinnen in der Aufstellung stehen. Das könnte selbst bei einem 15er-Kader mal eng werden, wenn Beruf, Familie oder auch mal eine Verletzung dazwischenkommen. Selbst als Spielgemeinschaft hatte Greta Reintje jüngst beim letzten Heimturniertag des Jahres insgesamt 15 Frauen für ihre Aufstellung zur Auswahl.

Man kennt sich, man schätzt sich

In der Regionalliga der Frauen treffen sich alle Teams am selben Tag am selben Ort und spielen ihre Punkte im Turniermodus aus. Bei zwei Mal sieben Minuten, die so ein Spiel nur lang ist, geht das gut. Die drei Spielerinnen, die nicht für die SG Union/PSV aufliefen, gab Trainerin Reintje ab an Mannschaften, die nicht genügend Frauenpower auf den Platz bekommen konnten. Auch das ist Frauenrugby: Man kennt sich, man schätzt sich, man hilft sich. Stehen Trainings im 15er-Rugby an, mischt es sich noch mal komplett, denn so gut wie kein Verein kann allein so einen Kader aufstellen. „Dann spielt man nicht mehr gegeneinander“, sagt Kira Zier. Dann werden aus Kontrahentinnen Teamkolleginnen.

Das ist die Hauptsache, die die Bremerinnen am Frauenrugby so schätzen: Der Zusammenhalt. Dazu tragen auch das Klönen und Feiern nach den Punktspielen sowie der Austausch im eigenen Team und mit den Rugbyherren von Union bei. Auch abseits des Rasens unternehmen sie viel miteinander, erzählt Lia Lindenberg. Da komme sie gern zum Training, auch wenn ihr vor einem Punktspiel regelmäßig das Herz in die Hose rutscht.

Info

Zur Sache

Rugby in Deutschland noch in der Entwicklung

Im internationalen Vergleich gilt Deutschland beim Rugby noch immer als Entwicklungsland. In Deutschland wurden zuletzt nur etwa 2000 Mädchen und Frauen und rund 12 000 Jungen und Männer als Aktive gezählt. Ganz anders Neuseeland, dessen Frauenteam ist weltweit das Maß aller Dinge und hat bislang fünf von acht Weltmeisterschaften gewonnen. Die Deutsche Rugby-Frauen (DRF) ist die Frauenorganisation des Deutschen Rugby-Verbands (DRV) und damit die Vertretung der Frauenrugby-­Vereine in Deutschland. Derzeit gibt es eine eingleisige Bundesliga für 15er-Rugby und 7er-Rugby.

Frauen und Mädchen ab 15 Jahren, die Rugby in Bremen ausprobieren möchten, können jederzeit zu einem Probetraining in die Pauliner Marsch kommen. Die Frauen trainieren dienstags und donnerstags um 19 Uhr auf dem Rasenplatz hinterm Rollsportstadion.

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