Schätze aus dem Focke-Museum (69): Zwei Stadtansichten von Alfred Lichtenford

Künstlerische Zeugnisse des Wiederaufbaus

Schwachhausen. Als 1964 das neue Hauptgebäude des Focke-Museums eingeweiht wurde, waren dort auch Stadtansichten von Alfred Lichtenford zu sehen. Zur Sonderausstellung 'Bremen 1945 bis 2010' sind sie jetzt dorthin zurückgekehrt als mit Öl- oder Acrylfarbe gemalte Zeugnisse für die 'Wiederauferstehung' der Stadt aus der Trümmerlandschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs.
04.11.2010, 05:00
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Von erika thies

Schwachhausen. Als 1964 das neue Hauptgebäude des Focke-Museums eingeweiht wurde, waren dort auch Stadtansichten von Alfred Lichtenford zu sehen. Zur Sonderausstellung 'Bremen 1945 bis 2010' sind sie jetzt dorthin zurückgekehrt als mit Öl- oder Acrylfarbe gemalte Zeugnisse für die 'Wiederauferstehung' der Stadt aus der Trümmerlandschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Insgesamt sind in der Sonderausstellung sieben Bilder zusammengestellt, alles Leihgaben aus der Städtischen Galerie am Buntentorsteinweg. Die fünf Stadtansichten von Alfred Lichtenford (1902-1986) zeigen die Große Weserbrücke, die Neue Vahr, eine Werft und zwei Motive im Bremer Westen. Hinzu kommen ein Blick über Trümmerberge hinweg zum Dom von Otto Heinsius (1892-1976) und eine Altstadtansicht von Fritz Heidingsfeld (1907-1972).

Heinsius stammte aus Schlesien; die Bremer Kunsthalle widmete ihm 1957 eine Einzelausstellung. Der gebürtige Ostpreuße Heidingsfeld wurde Anfang der 1960er- Jahre von der Bildungsbehörde dazu eingeladen, das gewandelte Stadtbild mit dem Pinsel festzuhalten.

Alfred Lichtenford hatte, anders als Heinsius und Heidingsfeld, auch das Vorkriegs-Bremen schon gut gekannt. Er wurde 1902 in Bielefeld geboren, wuchs aber in Bremen auf, absolvierte zunächst eine Lehrerausbildung, besuchte dann aber die Bremer Kunstgewerbeschule und danach in München die Kunstakademie.

Nachdem Lichtenford zunächst als Werbegrafiker gearbeitet hatte, war er seit 1930 freier Maler und Grafiker. Seit 1941 lebte er mit seiner Frau Eva Lichtenford (1904-1975), die sich als Textil-Gestalterin auf Bildteppiche und Tüllstickereien spezialisiert hatte, in Worpswede. Die Bremer Kunsthalle zeigte 1974 zu seinem 70. Geburtstag eine Ausstellung mit Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen von ihm. Im 1949 erschienenen Merian-Heft über Worpswede wird er als geselliger Mann beschrieben, der 'aus einer anspruchslosen Anekdote eine überwältigende Geschichte' machten konnte. Im Varietè 'Astoria', wo er oft und gern zu Gast war, gab es ein Bleiglasfenster von ihm.

Die 1953 eingeweihte Schule an der Brokstraße verdankt Lichtenford ein Sgraffito, das eine stilisierte Landkarte des Unterweserraumes zeigt. Er schuf es für das Obergeschoss des parallel zum Sielwall gelegenen Trakts, wo vor allem Heimatkundeunterricht stattfinden sollte.

Mehrfach entwarf Lichtenford auch Intarsienarbeiten, so für den Saal des Ortsamts Horn-Lehe an der Berckstraße oder - spektakulärer - für die Norddeutsche Kreditbank an der Obernstraße. Die für deren Kassenhalle 1963 gelieferte Weserfront war 16 Meter lang.

Brücke 1960 fertiggestellt

Die große Weserbrücke (seit 1980: Wilhelm-Kaisen-Brücke) und die Neue Vahr waren noch sehr jung, als Lichtenford sie malte. Die neue Brücke aus Spannbeton, 150 Meter lang und 30,40 Meter breit, wurde am 22. Dezember 1960 dem Verkehr übergeben. Die Neue Vahr, mit rund 10000 Wohnungen für 40000 Menschen das größte zusammenhängende Bauprojekt der Bundesrepublik, wurde im August 1961 nach vierjähriger Bauzeit eingeweiht. Da war beim Focke-Museum das neue Hauptgebäude im Bau.

Das Focke-Museum hatte bis zu seiner völligen Zerstörung durch die Bomben des zweiten Weltkriegs sehr zentral gelegen, nahe der Stephanikirche, direkt an der Weser. Haus Riensberg im vergleichsweise abgelegenen Schwachhausen diente ab 1947 zunächst als provisorisches Domizil, wurde dann aber doch zur Dauerlösung, zumal Direktor Ernst Grohne und sein Nachfolger Werner Kloos stark dafür plädierten. Dass in dem ehemaligen Gutshaus der Platz nicht ausreichen konnte, war klar. Plädoyers für den Teerhof als geeigneteren Standpunkt blieben schon damals erfolglos.

Ein Wettbewerb für ein neues Hauptgebäude wurde ausgelobt. Professor Heinrich Bartmann (1898-1982) von der Technischen Universität Darmstadt, der zwischen 1952 und 1957 bei 17 Architekturwettbewerben zehn erste Preise holte, gewann ihn. Am 23. Juni 1959 tat Bundespräsident Theodor Heuss den ersten Spatenstich, sein Nachfolger Heinrich Lübke nahm am 16. Oktober 1964 die Einweihung vor. Das lichtdurchflutete Haus würde in Zukunft noch manche Sorge bereiten, aber es war der erste Neubau eines kulturhistorischen Museums in Deutschland seit 1914.

In der nächsten Folge am Donnerstag, 11. November, geht es um einen Tschako der Polizei.

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