Projekt „Rent a teacherman“

Starke Typen für wilde Kerle

Wo männliche Lehrkräfte fehlen, hilft der Teacherman – zum Beispiel an der Fritz-Gansberg-Schule, Bremens einzige reine „Jungenschule“. Wir haben mit Jonas Taucke und Finn Schmidt gesprochen.
08.05.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Starke Typen für wilde Kerle
Von Marc Hagedorn
Starke Typen für wilde Kerle

Studieren noch, helfen aber schon ein Mal in der Woche an der Fritz-Gansberg-Schule aus: Jonas Taucke (links) und Finn Schmidt, zwei Teacherman von der Uni.

Matej Meza

Still ist es auf dem Schulhof. Niemand belagert die Tischtennisplatte, keine Schüler besetzen den Basketballplatz und das Klettergerüst. Nur die Vögel zwitschern an diesem Nachmittag an der Fritz-Gansberg-Schule in Schwachhausen. Vormittags sieht die Welt hier ganz anders aus. Dann wird in den Pausen getobt – und zwar so richtig. Es ist eine Jungs-Welt, manchmal ziemlich rau. Wer hier zur Schule geht, spürt einen besonderen Drang, regelmäßig Dampf abzulassen. Der reguläre Schulbetrieb ist nichts für diese Kinder. Mädchen gibt es hier nicht. Die Schule an der Fritz-Gansberg-Straße ist eine Jungenschule, die offiziell als Zentrum für sozial-emotionale Förderung firmiert.

Finn Schmidt, 24, und Jonas Taucke, 27, sitzen im Verwaltungstrakt des Schulgebäudes. Besprechungstermin mit Schulleiter Bastian Hartwig, dessen Stellvertreterin Sandra de Boer und Christoph Fantini von der Uni Bremen. Schmidt und Taucke sind Lehramtsstudenten, beide kurz vor dem Bachelor und seit einem Jahr sogenannte Teachermen. Bremer Grundschulen, die Bedarf an männlichen Lehrkräften haben, können sich Teachermen wie Taucke und Schmidt von der Uni ausleihen.

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Und die Fritz-Gansberg-Schule hat Bedarf, nur Jungs als Schüler und fast nur Frauen als Lehrkräfte.

Schmidt und Taucke berichten von ihren Erfahrungen, davon, was sie in den letzten Wochen erlebt haben, und was sie gerade bewegt. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, an Bremens einzige reine Jungenschule zu gehen. Genderfragen, sagt Taucke, hätten ihn schon immer interessiert. Es hat nicht lange gedauert, bis er und Schmidt gemerkt haben, wie gut es den Schülern tut, ein männliches Gegenüber zu haben. Taucke erzählt, wie ihn ein Schüler zum Thema Sexualität ausgefragt hat. „Wie geht das? Warum macht man das? wollte der Junge wissen“, sagt Taucke. Fragen, die sich der Schüler nicht getraut hatte, einer Lehrerin zu stellen.

Christoph Fantini von der Uni Bremen kennt diese Situationen, er forscht seit Jahren zu dem Thema. Er hat das Projekt „Rent a teacherman“ in Kooperation mit dem Bildungsressort 2012 ins Leben gerufen. „Die komplette Abwesenheit von Männern wirkt für Jungen und Mädchen extrem stereotypisierend in Bezug auf die eigentlich gewünschte Vielfalt von Geschlechtsrollenmodellen“, sagt Fantini. Schmidt und Taucke hat er ins Team geholt, weil sie „starke Typen“ seien, selbstbewusst im Auftreten, reflektiert im Denken.

Wenn Schüler ohne Vater oder männliche Bezugspersonen in ihrem Umfeld aufwachsen, bleibt das nicht ohne Folgen. An wem sollen die Jungs sich orientieren? Wer hilft ihnen, ihre Männlichkeit zu definieren? „Das ist ja für jeden Mann eine große Frage“, sagt Schulleiter Hartwig. Was ist männlich? „Wir sollen sensibel sein und stark, zugewandt und zupackend, ein ganzer Kerl, gern Handwerker und Akademiker in einem“, sagt Hartwig. „Schulen haben aus meiner Sicht den großen Auftrag, Jungs an diesem Punkt abzuholen.“ Die Fritz-Gansberg-Schule macht das mithilfe der Teachermen, ein dritter Kollege gehört seit März zum Team.

Woanders fehlen männliche Lehrkräfte weiterhin. Das Lehramt hat sich über die Jahre immer mehr zu einem weiblichen Beruf entwickelt. Das Statistische Landesamt Niedersachsen hat Ende des vergangenen Jahres bemerkenswerte Zahlen veröffentlicht. Demnach sind sieben von zehn Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen weiblich, an Grundschulen sind es sogar 90,2 Prozent. Die Bremer Zahlen sind ähnlich. Hier sind knapp 71 Prozent der Lehrkräfte Frauen, an Grundschulen 88 Prozent. Erklärungsversuche, weshalb Männer vor allem dem Lehramt in der Grundschule fern bleiben, gibt es einige. Fehlendes Prestige und überschaubare Aufstiegsmöglichkeiten gehören dazu.

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Für Teacherman Schmidt hat das alles keine Rolle gespielt. Er ist da auch ein bisschen vorgeprägt, in seiner Familie gibt es mehrere Lehrer und Erzieher. Entscheidend für seine Berufswahl, sagt er, seien die Erfahrungen im Freiwilligen Sozialen Jahr gewesen, das er an einer integrativen Kindertagesstätte in Osterholz-Scharmbeck gemacht hat. Eigentlich hatte er vor, Psychologie zu studieren, mit etwas Abstand und einem Jahr in Neuseeland stellte er jedoch fest: „Das Jahr in der Kita hat nachgewirkt. Ich habe gemerkt: Kinder sind cool.“

Die Teachermen werden im Unterricht als pädagogische Assistenten eingesetzt. Dafür gibt es ein Honorar, das ein wenig dabei hilft, das Leben als Student zu finanzieren. Einen Tag in der Woche unterstützen Schmidt und Taucke die Lehrer an der Gansberg-Schule in den Lerngruppen, die aus maximal sechs Schülern bestehen. Wenn dann mal wieder Stühle fliegen oder Tische umgekippt werden, ist es eine große Hilfe, dass mindestens zwei Erwachsene im Klassenraum sind. „Man ist der, der durch die Stunde hilft“, sagt Schmidt.

Die Teachermen wollen nicht Kumpel sein, sind aber auch noch keine fertigen Lehrer, eine Rolle, die Schmidt gefällt. „Schüler haben oft im Kopf: Der Lehrer ist der, der mich bewertet.“ Bei Herrn Schmidt und Herrn Taucke wissen die Jungs: Zu deren Aufgaben gehört das nicht. Das macht manches leichter.

Schmidt sagt, dass er durch die Arbeit am Förderzentrum an Sicherheit gewonnen hat, vor allem in Ausnahmesituationen, wenn es hoch hergeht. Er war vorher schon einmal an einer Stadtteilschule in der Neustadt im Einsatz. „Ich erinnere mich noch daran, wie aufgeregt ich war, als eine Schülerin damals plötzlich Nasenbluten bekam.“ Heute bringt ihn so schnell nichts mehr aus der Fassung.

Taucke sagt: „Jeder Tag an dieser Schule ist anders.“ Er hat zunächst Politikwissenschaft studiert, dann aber umgesattelt. Die Zeit an der Fritz-Gansberg-Schule hat ihn darin bestärkt, mit dem Wechsel aufs Lehramt die richtige Wahl getroffen zu haben. „Ich will etwas machen, wo ich wirklich gebraucht werde“, sagt er. Und gewissermaßen schließt sich für den ehemaligen Politikstudenten damit der Kreis. „Sonderpädagogik ist hoch politisch“, sagt Schulleiter Hartwig, „die Wurzeln für Bildungsgerechtigkeit werden in der Grundschule gelegt.“ Die Teachermen wollen ihren Beitrag dazu leisten.

Info

Zur Sache

Das ist die Fritz-Gansberg-Schule

Die Schule liegt in Schwachhausen. Die Schüler aber kommen aus dem gesamten Stadtgebiet. Bis zu 50 von ihnen werden hier unterrichtet. Die Zahl variiert, da während des Schuljahres jederzeit neue Kinder und Jugendliche aufgenommen werden. Das Bremer Schulgesetz definiert die Schüler so: „Schulpflichtige Schüler und Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die durch ihr Verhalten während des Schulbesuches die Sicherheit von Menschen gefährden oder den Schulbesuch nachhaltig und schwer beeinträchtigen.“ Die Schüler sind zwischen acht und 16 Jahre alt, kommen aus den Klassen zwei bis zehn. Das Förderzentrum ist eine „Übergangsschule“: Hier sollen die Kinder in der Regel innerhalb von ein bis zwei Jahren für eine Rückkehr in die Regelschule fit gemacht werden. Zum Angebot gehören neben dem Unterricht in den Fächern unter anderem auch Trainings für Schüler mit extremen Versagensängsten, Entwicklungsverzögerungen und starker Aggressionsbereitschaft. Nach dem Unterricht, der um 12.40 Uhr endet, besuchen die Schüler heilpädagogische Tagesstätten in Wohnortnähe.

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