Schätze aus dem Focke-Museum: Kipps Rathaus aus Kork

Schwachhausen. Das steinerne Bremer Rathaus von 1404 hat den 600. Geburtstag schon hinter sich. Das Rathaus-Modell aus Kork ist sehr viel jünger. Es entstand, laut Beschriftung, im Jahre 1865 und sei, wie da weiter nachzulesen ist, ein Werk des Zigarrenmachers Chr. Heinrich Kipp. Wobei es da wohl etwas zu korrigieren gäbe. Laut Bremer Adressbuch war dieser Herr Kipp nämlich nicht Zigarrenmacher, sondern "Briefkastenträger" - was immer man sich darunter vorzustellen hat.
17.01.2011, 05:00
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Von erika thies

Schwachhausen. Das steinerne Bremer Rathaus von 1404 hat den 600. Geburtstag schon hinter sich. Das Rathaus-Modell aus Kork ist sehr viel jünger. Es entstand, laut Beschriftung, im Jahre 1865 und sei, wie da weiter nachzulesen ist, ein Werk des Zigarrenmachers Chr. Heinrich Kipp. Wobei es da wohl etwas zu korrigieren gäbe. Laut Bremer Adressbuch war dieser Herr Kipp nämlich nicht Zigarrenmacher, sondern "Briefkastenträger" - was immer man sich darunter vorzustellen hat.

Steht "Chr." nun für Christoph oder für Christian? Gewohnt hat Chr. Heinrich Kipp jedenfalls in der Lessingstraße 21, eine Gegend, in der es damals außer Schumachern, Tischlern, Maurern oder Arbeitsmännern tatsächlich auffallend viele "Cigarrenmacher" gab. Das in unserem Zeitungsarchiv verfügbare Adressbuch von 1877 kennt außer ihm noch zwei weitere Kipps: Heinrich Wilhelm Kipp am We-

gesende 16 und Johann Heinrich Kipp an der Pelzerstraße 39, der zwar "Cigarrenfabrikant" war, aber da stimmen dann ja die Vornamen nicht.

Bremen war schon sehr früh eine bedeutende Weinhandelsstadt, besonders eng gewesen sind von jeher die Verbindungen nach Frankreich, zu Bordeaux. Die vielleicht bekanntesten hiesigen Unternehmen waren oder sind sogar noch: J. H. Bachmann, Eggers&Franke, von Kapff, H. Menke, Reidemeister & Ulrichs, A. Segnitz. Zum Wein gehören traditionsgemäß außer Flaschen auch Korken. Das Material dafür, wer hätte es in der Schule nicht gelernt?, wächst auf Bäumen, nämlich am Stamm der Korkeiche. Sie ist vor allem im südwestlichen Teil des Mittelmeergebietes heimisch, besonders in Algerien und Marokko, aber die besonderen Qualitäten stammen aus Spanien und Portugal. Wobei die Qualität allerdings immer auch abhängig ist vom Standort und vom Alter des jeweiligen Baumes.

Kork ist elastisch, aber auch undurchdringlich. Er eignet sich deshalb optimal zum Verstöpseln von Flüssigkeiten. In den Erzeugerländern wurden damit schon sehr früh auch Fußböden belegt, inzwischen geschieht das auch bei uns immer häufiger, ursprünglich aber verwendete man hier den Kork jahrhundertelang fast ausschließlich für Korken. Sie wurden ursprünglich von Hand geschnitten. Pro Tag schaffte ein Arbeiter 1000 bis 1200 Stück. Um die Mitte des 19. Jahrhundert kamen dann die Maschinen auf, von denen eine bei ebenfalls zehnstündiger Arbeitszeit gleich 20 Arbeiter ersetzte. In seinem Aufsatz über "Bremer Industrieunternehmen in Delmenhorst" erläutert Günter Garbrecht: Bremer Weinhändler ließen schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts im Umland in Heimarbeit "Proppen" herstellen, aus portugiesischem Kork. Geschickte "Proppensnieder" konnten recht gut verdienen.

Die Maschinen zur Korkenherstellung arbeiteten dann zwar sehr viel schneller, sie produzierten aber auch viel mehr Abfall. Da passte es gut, dass in England 1860 das Linoleum erfunden wurde. Aus oxidiertem Leinöl, Kork und gewobener Jute entstand nun nämlich ein langlebiger, leicht zu reinigender Fußbodenbelag. Bremer Kaufleute lernten das Linoleum rasch zu schätzen. Zu beziehen war es nur über die Linoleum Manufacturing Company Ltd. in London. Zwei Bremer, der Kaufmann Heinrich Bremer und der Bankier Georg Wolde, erwarben 1882 zusammen mit dem Delmenhorster Korkfabrikanten J. C. Wieting von den Engländern die Lizenz zur Herstellung des Linoleums. Die "Delmenhorster Linoleum-Fabrik" war rasch bekannt für ihre ausgezeichnete Ware und kam weltweit ins Geschäft. Bis heute verbindet sich der Name der Industriestadt Delmenhorst mit dem Produkt Linoleum.

Der "Briefkastenträger" Christoph oder Christian Heinrich Kipp aber griff, als er vor fast 150 Jahren sein Bremer Rathaus schuf, auf eine Tradition zurück, die mehr im künstlerischen Bereich angesiedelt war, nämlich die Korkbildnerei. Sie soll um 1780 im Rom von dem Architekten Agostino Rosa erfunden worden sein, der sich dabei vor allem auf antike Baudenkmäler spezialisierte. "Die käuflichen Korkplatten", erläutert Meyers Großes Konversationslexikon in Band 11 von 1905, werden dabei zunächst "durch Pressen zwischen Holztafeln geebnet und dann abgehobelt". Anschließend erfolge dann "eine Zerteilung und die weitere Ausarbeitung mittels Laubsägen, Lochsägen, scharfer Messer, Grabstichel, Raspeln und Pressformen" Soviel Mühe wurde dann auch entsprechend belohnt. "Die Nachbildungen in Kork übertreffen die in Holz, Pappe oder Papiermaché."

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