Nabu verleiht Plakette „Lebensraum Krichturm“

An der St. Ansgarii-Kirche brüten Turmfalken

Nach zwölf Jahren nisten die ersten Turmfalken im Kirchturm von St. Ansgarii. Der Nabu hat die Gemeinde mit der Plakette „Lebensraum Kirchturm“ auszuzeichnen.
28.06.2020, 21:29
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Maren Brandstätter
An der St. Ansgarii-Kirche brüten Turmfalken

Der Turmfalkennachwuchs blickt neugierig in die Welt. Zwölf Jahre haben die Turmfalken den Nistkasten verschmäht.

Marion Langer

Zwölf Jahre lang ist die Ansgarii-­Gemeinde als Quartier verschmäht worden – jetzt ist der Nistkasten am Kirchturm zum ersten Mal bewohnt. Ein Turmfalkenpaar ist Mitte März 30 Meter über dem Kirchenvorplatz eingezogen und kümmert sich inzwischen seit einigen Wochen um seinen Nachwuchs.

2007 hatte der Nabu den Turmfalken zum Vogel des Jahres erklärt und aus diesem Anlass ein Nistkasten-Projekt gestartet. Pastorin Ulrike Oetken war 2008 auf die Aktion aufmerksam geworden und hatte sich mit dem Kirchturm von St. Ansgarii als potenziellem Nistplatz beworben. Nach eingehender Prüfung durch den Nabu sei der Standort für tauglich befunden worden, erzählt sie. „Gemeinsam mit dem Küster wurde der Kasten aufgehängt – seitdem haben wir gewartet“, so Oetken.

Lesen Sie auch

Eine Mitarbeiterin des Nabu sei im Rahmen des Projektes damals außerdem in mehreren Gruppen der Gemeinde zu Gast gewesen, um die Mitglieder einzubeziehen und sie über die Lebensgewohnheiten der Vögel zu informieren. In der ersten Zeit habe der Kasten dann auch voller Erwartung unter Beobachtung gestanden, erzählt Oetken. Als sich aber über Jahre nichts am Kirchturm geregt habe, sei der Kasten nach und nach aus dem Fokus verschwunden. „Wir hatten uns damit abgefunden, dass unser Kirchturm wohl doch nicht so geeignet ist, wie erhofft“, sagt sie.

Gemeindemitglieder beobachten Tiere

Als die Pastorin im Zuge des Corona-­Lockdowns im März gemeinsam mit ihrem Kollegen Benedikt Rogge eine Kirchenbank auf dem Hof aufstellte, um eine Art Außenanlaufpunkt für die Gemeindemitglieder einzurichten, habe sie zu ihrer Überraschung beobachtet, dass oben am Nistkasten Betrieb herrschte. Ein schönes Bild angesichts der gerade angebrochenen schwierigen Zeit, sagt Rogge. Einige Tage später habe er dann völlig unerwartet einige Gemeindemitglieder auf den Treppenstufen der Kirche sitzend angetroffen. Auf Beobachtungsposten, um die neuen Turm-Bewohner zu sehen, wie sich herausgestellt habe. Auch der Nabu sei nach zwölf Jahren wieder zu Gast gewesen. Diesmal, um St. Ansgarii mit der Plakette „Lebensraum Kirchturm“ auszuzeichnen. Mit der Aktion würdigt der Naturschutzbund Kirchen, die sich besonders für den Artenschutz einsetzen.

Für den Nabu-Vogelexperten Florian Scheiba war der Einzug des Turmfalken-Paares in St. Ansgarii nach zwölf Jahren ebenfalls überraschend. „Möglicherweise haben sie den Kasten bisher nicht angenommen, weil er vergleichsweise zentral liegt“, sagt er. Da aber die Population von Feldmäusen – der Hauptnahrung der Turmfalken – in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen sei, gehe es auch den Greifvögeln gerade relativ gut, und es würden entsprechend viele Nistplätze gebraucht.

St.Ansgari NABU Plakette

Pastor Benedikt Rogge freut sich über die Auszeichnung mit der Plakette „Lebensraum Kirchturm“ für St. Ansgarii. Mit der Aktion würdigt der Naturschutzbund Kirchen, die sich besonders für den Artenschutz einsetzen.

Foto: Petra Stubbe

Bürgerpark als Futterquelle

Nun bleibe zu hoffen, dass sich der Ansgarii-­Kirchturm in den kommenden Jahren als Niststandort für Turmfalken etabliere, sagt Scheiba. Die nächste Futterquelle sei mit den Freiflächen im Bürgerpark zwar nicht gerade „um die Ecke“, liege aber noch locker im Radius des Greifvogels. Die drei Ansgarii-Jungvögel seien inzwischen schon so gut befiedert, dass ihre Eltern nur noch zufüttern müssten, erzählt er. Erfahrungsgemäß bleibe der Familienverbund noch einige Wochen lose erhalten, bis die Jungtiere sich schließlich ihr eigenes Revier suchten.

Eine konkrete Zahl an Bremer Turmfalken-Brutpaaren lässt sich laut Scheiba nicht nennen. In der aktuellen Roten Liste von Bremen und Niedersachsen sei der Bestand aber als stabil angegeben. In einem Vogelmeldeportal von 2019 seien rund 20 Stellen mit wahrscheinlichen oder sicheren Bruten von Turmfalken verzeichnet. „Grundsätzlich ist der Bestand sehr von der Verfügbarkeit von Brutplätzen und der Hauptnahrung abhängig und kann daher von Jahr zu Jahr sehr stark schwanken“, so Scheiba. Eine Beringung sei bei Turmfalken nicht üblich, da sie nicht zu den Zugvögeln zählten.

Pastor hofft auf weitere Tiere

Auch Pastor Rogge hofft, dass der Bruterfolg am Kirchturm kein Einzelfall bleibt. Außerdem denke man bei St. Ansgarii aktuell über ein weiteres Artenschutz-Projekt nach. Bis 2022 soll der Kirchenvorplatz umgestaltet werden, erzählt Rogge. Dabei gehe es zum einen um eine optische Aufwertung der überwiegend als Parkplatz genutzten Fläche, und zum anderen um Maßnahmen, die den Platz für die Kindergartenkinder sicherer machen sollen. Aber auch über Projekte wie ein Insektenhotel lasse sich in diesem Zuge nachdenken, sagt Rogge.

Für Pastorin Oetken war der Zeitpunkt des Turmfalken-Einzugs in den Kirchturm gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. „In Zeiten der Pandemie und des lahmgelegten öffentlichen Lebens war das neue Leben am Turm ein kleiner Ausgleich an Geselligkeit“, sagt sie. Außerdem kamen die Turmfalken zu einem Zeitpunkt, als Oetken die St.-Ansgarii-Gemeinde nach 23 Jahren verlassen hat, um ins Ausbildungsreferat im Haus der Kirche zu wechseln. „Mich persönlich freut es sehr, dass ich mir mit den Turmfalken die Klinke in die Hand gegeben habe“, sagt sie. „So lange habe ich auf sie gewartet – jetzt bin ich gegangen und sie sind da.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+