Auto-Aufbrüche und Teilediebstahl

„Täter nicht ermittelt. Eingestellt!“

Pkw-Aufbrüche gehören in Bremen zum Alltag. Polizei und Staatsanwaltschaft sind dagegen nahezu machtlos. Selbst in besonders krassen Fällen. Ein Betroffener aus Schwachhausen berichtet.
29.09.2018, 14:13
Lesedauer: 3 Min
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„Täter nicht ermittelt. Eingestellt!“
Von Ralf Michel
„Täter nicht ermittelt. Eingestellt!“

Lenkrad weg, Radio weg, Navi weg – das Auto von Till Witt nach dem ersten Einbruch.

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Der Wagen von Till Witt wurde aufgebrochen. Keine Seltenheit in Bremen, 5429 Anzeigen wegen Autoaufbrüchen und Teilediebstahl registrierte die Polizei 2017. Im Jahr zuvor waren es sogar 7791 Fälle. Doch eines unterscheidet Witt von den meisten dieser Fälle – sein BMW-Kombi war gleich fünfmal betroffen. In nicht einmal zwei Jahren.

Im Dezember 2016 wurde der Wagen, den er gerade einen Monat zuvor geleast hatte, das erste Mal aufgebrochen und komplett ausgeräumt. „Lenkrad, Radio, Navi – alles weg“, erzählt Witt, der im Gete-Viertel in Schwachhausen wohnt. „Und das trotz der BMW-Alarmanlage. Die konnte anscheinend schnell von den Dieben deaktiviert werden.“

Vom zweiten Bruch, neun Monate später, hat Witt sogar Video-Bilder. Ein paar Tage, bevor die Täter zuschlugen, hatte er eine sogenannte Dashcam im Wagen installiert. Die Alarmanlage habe wohl den Stromkreis aktiviert, wodurch die Kamera angesprungen sei. Auf dem Film sieht man zwei Gestalten weglaufen. Mit dem Airbag des BMW.

Vier Einbrüche und ein Versuch

Der dritte Einbruch ereignete sich am 18. Juni dieses Jahres. „Diesmal fehlte wieder das Lenkrad. Und wie üblich war natürlich die Scheibe kaputt.“ Nur zwei Wochen später, am 3. Juli, der nächste Fall. Gegen Mitternacht schlugen die Täter das Seitenfenster auf der Fahrerseite ein. Weiter kamen sie allerdings nicht. Die Alarmanlage ging an und schreckte die Nachbarschaft auf.

„Inzwischen waren meine Nachbarn schon entsprechend gedrillt und brüllten vom Balkon aus die Einbrecher weg“, berichtet Witt. Er selbst sei in Boxershorts mit einem Schürhaken bewaffnet nach draußen gerannt. Doch mehr, als einer zufällig vorbeifahrende Radlerin einen Mordsschrecken einzujagen, habe er damit nicht erreicht. Die Täter waren längst über alle Berge.

Nachdem der Bremer seinen reparierten Wagen aus der Werkstatt zurückhatte, parkte Till Witt das Fahrzeug nicht mehr auf der Straße, sondern direkt am beleuchteten Haus. Zuvor hatte er eine Kamera am Gebäude installiert, die sich bei Aktivitäten auf seinem Grundstück einschaltet. Ein Schild weist auf diese Videoüberwachung hin. Doch abschreckende Wirkung erzielt es offenbar nicht.

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Nur einen Tag nach der Werkstattreparatur erhielt Witt nachts um 3.37 Uhr erneut ungebetenen Besuch. Auf dem Video der Überwachungskamera ist ein junger Mann mit Baseball-Kappe zu sehen, der auf das Grundstück kommt, kurz an die Tür auf der Beifahrerseite greift, merkt, dass das Fahrzeug abgeschlossen ist und dann unverrichteter Dinge wieder verschwindet.

Dreimal hat sich Witt an die Polizei gewandt, gebracht hat es in keinem der Fälle etwas. Nicht einmal die Bilder der Dashcam vom zweiten Einbruch führten auf die Spur der Täter. Die Aufnahmen seien unbrauchbar gewesen, erklärt Polizeisprecher Nils Matthiesen. „Man sah nur schwarze Umrisse der unbekannten Täter.“ Lediglich die Tatzeit habe durch das Video konkret erfasst werden können.

Auch in den anderen Fällen hätten sich keine Ermittlungsansätze ergeben. Letztlich wurden alle Verfahren eingestellt. Einbrüche in Fahrzeuge und der Diebstahl von Autoteilen gelten als „Massenverfahren“, so wie Fahrraddiebstahl oder auch Ladendiebstahl, erklärt hierzu Frank Passade, Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft.

Eine missliche Situation

In der Anklagebehörde werden diese Fälle unter dem Kürzel „UJS“ geführt – „Unbekannte Justizsache“. In der Regel gebe es dabei keinen Hinweis auf Tatverdächtige und keinerlei Ansätze für Ermittlungen der Polizei. Für die Staatsanwaltschaft bliebe deshalb zumeist nichts anderes zu tun, als zu entscheiden, ob das Verfahren eingestellt wird oder nicht.

„Wir bemühen uns, dies zumindest schnell zu entscheiden, denn auch der Einstellungsbescheid ist ja wichtig für die Versicherung“, sagt Passade. „Täter nicht ermittelt. Eingestellt!“, lautet in solchen Fällen die Nachricht für den Geschädigten. Aus Sicht des Betroffenen natürlich eine missliche Situation, räumt der Oberstaatsanwalt ein. „Aber das ist keine böse Absicht. Nur – was wollen Sie da machen?“

Auch die Polizei hat kaum eine Handhabe gegen diese Art von Straftaten. „Wenn wir Brennpunkte erkennen, wirken wir mit Schwerpunktmaßnahmen dagegen und setzen vermehrt zivile Streifen ein“, berichtet Matthiesen. Ansonsten bleibe zur Vorbeugung von Kfz-Teilediebstählen vor allem die Prävention. So empfiehlt die Polizei den Einbau einer Alarmanlage mit Innenraumüberwachung, das Abstellen der meist hochwertigen Wagen in einer Garage oder, so nicht vorhanden, zumindest an gut beleuchteten Straßen.

Polizei empfiehlt künstliche DNA

Auch der Einsatz von künstlicher DNA könne sich als sinnvoll erweisen. Das ist eine Flüssigkeit, die nur unter UV-Licht sichtbar wird. Mit ihr sollen hochwertige Teile wie Lenkräder und Navigationsgeräte bestrichen werden, sie haftet wie Farbe an Gegenständen, Kleidung und Haut und soll so dazu beitragen, die Täter zu überführen. Aufkleber an der Autoscheibe, die auf den Einsatz der künstlichen DNA hinweisen, könnten ebenfalls abschreckend wirken, so Matthiesen.

Für Till Witt kam zu den Einbrüchen noch jede Menge Ärger mit dem Leasing-Unternehmen und BMW, wie er erzählt. Am Ende sei er dadurch auf hohen Kosten sitzen geblieben. Seine Konsequenz: „Ich habe den Fahrzeugtyp gewechselt.“

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