Mittendrin im Stadtteil: Horst Temmen führt seinen Buchverlag in Schwachhausen seit 25 Jahren Trotz Jubiläum nicht zum Feiern zumute

Was für den Mathematiker die Zahlen und für den Musiker die Noten, sind für Horst Temmen die Worte: Der Schwachhauser Verleger ist seit beinahe drei Jahrzehnten in der Welt der Bücher zu Hause und führt seit 25 Jahren seinen Verlag "Edition Temmen". Getüftelt, konzipiert und lektoriert wird von Beginn an in einem Altbremer Haus in der Hohenlohestraße. Das Jubiläum feiern will Temmen jedoch nicht, danach ist ihm angesichts der zunehmend schwierigeren Bedingungen im Büchergeschäft nicht zumute. Dennoch blickt der Unternehmer zuversichtlich ins neue Jahr.
24.12.2012, 05:00
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Von Sheila Schönbeck

Was für den Mathematiker die Zahlen und für den Musiker die Noten, sind für Horst Temmen die Worte: Der Schwachhauser Verleger ist seit beinahe drei Jahrzehnten in der Welt der Bücher zu Hause und führt seit 25 Jahren seinen Verlag "Edition Temmen". Getüftelt, konzipiert und lektoriert wird von Beginn an in einem Altbremer Haus in der Hohenlohestraße. Das Jubiläum feiern will Temmen jedoch nicht, danach ist ihm angesichts der zunehmend schwierigeren Bedingungen im Büchergeschäft nicht zumute. Dennoch blickt der Unternehmer zuversichtlich ins neue Jahr.

Schwachhausen. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: 1316. So viele Bücher hat Horst Temmen mit seinem Verlag Edition Temmen in den vergangenen 25 Jahren herausgebracht. Dann überlegt der 61-Jährige noch einmal und korrigiert: "Nein, es sind doch mehr. Denn es sind gerade neue Bücher erschienen, so dass die Zahl bei etwa 1322 liegen müsste." Seit September bringt der Verleger mit seinen sieben Mitarbeitern sogar wöchentlich neue Bücher heraus. Insgesamt sind es in diesem Jahr 36 Neuerscheinungen.

Das 25. Jubiläum groß feiern will der Verleger nicht. "Eigentlich müsste man solch ein Ereignis feiern, aber die Situation ist momentan nicht so gut. Aber wie heißt es so schön? Die Klage ist das Lied des Kaufmanns", sagt er und lächelt. Er spricht von starken Strukturveränderungen im Buchgeschäft und vergleicht diese mit dem Wandel in der Musikindustrie. Das enorme Wachstum des Onlinehandels und das breite Informationsangebot im Internet führen nach seinen Worten dazu, dass Verlage wie die Edition Temmen Präsentationsflächen für ihre Bücher in den Geschäften und damit letztlich zahlreiche Käufer verlieren.

"Aber ich verteufel’ das Internet nicht", sagt der Unternehmer. "Bei Amazon sind all unsere Buchtitel verfügbar. Die haben nicht mal wir komplett vorrätig. Für uns heißt das aber, wir müssen unser Programm massiv umstrukturieren."

Als Temmen seine Karriere als Verleger begann, waren die neuen Medien noch keine Gefährdung für das Verlagswesen. 1983 gründete der in Züsow bei Wismar Geborene zusammen mit Helmut Donat den Kleinverlag Donat & Temmen. Die beiden Männer konzentrierten sich auf Werke zur Aufarbeitung der Nazi-Zeit sowie auf die Dissidentenszene und deren Entwicklung in Osteuropa. Zuvor hatte Temmen sein Studium an der Universität Bremen beendet und anschließend dort zur Sozialgeschichte der Sowjetunion geforscht.

Ab 1987 startete er alleine durch und gründete die Edition Temmen. Seit 1972 lebt und arbeitet der Mecklenburger in dem Haus an der Hohenlohestraße 21 in Schwachhausen. "Ich habe schon auf jeder Etage dieses Hauses geschlafen", sagt er. Er schätze die Lage des Hauses.

Vor 15 Jahren hat sich der Verlag thematisch auf Bremen und Norddeutschland konzentriert. "Damit sind wir gut gefahren", resümiert Temmen. Die Bremensien von Hermann Gutmann beispielsweise, die in der Edition Temmen erschienen sind, sind sehr beliebt.

Zu den größten Verlagserfolgen gehört "Das Große Bremen-Lexikon" in drei Bänden des Bremer Historikers Herbert Schwarzwälder. "Diese erschienen zwischen 2001 und 2008, als Smartphones noch nicht so verbreitet waren. Sie sind tierisch gut gelaufen und waren komplett ausverkauft", berichtet Temmen über die Zeiten hoher Verkaufszahlen. "Wahnsinnig gut" verkaufte sich damals außerdem ein Buch über Gröpelingen, das über 8000 Mal gedruckt wurde. Von solchen Erfolgen kann der Geschäftsmann heute nur noch träumen. Weniger Verkaufsglück hatte sein Verlag auch mit der anspruchsvollen, mehrbändigen Ausgabe der "Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005". Vier Bände waren geplant, drei sind bislang erschienen. "Damit haben wir nur Verluste eingefahren, 600000 Euro insgesamt", erläutert Temmen. "Und auch jetzt, wo wir die drei Bände zusammen für 40 statt für regulär 150 Euro verkaufen, gehen sie trotzdem nicht", sagt er und schüttelt den Kopf. Noch vor zehn Jahren hätte es eine lebhafte Nachfrage für solche Bände gegeben, ist er sich sicher. Das Manuskript für den letzten Band der Bremer Nachkriegsgeschichte bis 2005 ruht derweil so gut wie fertig in der Schublade. So lange, bis die dafür notwendige Fremdfinanzierung gesichert ist. Denn noch einmal möchte Temmen nicht in Vorleistung treten und ein hohes Risiko übernehmen.

Solche enormen Rückschläge haben den Bücherliebhaber durchaus schon einmal ans Aufhören denken lassen. Aber das sei nicht wirklich ernst gewesen. "Ich kann ja nichts anderes", sagt er ironisch. Rückhalt und Ansporn holt sich Horst Temmen gerade in der Vorweihnachtszeit von seinen Lesern. Dann ist der Chef persönlich jeden Tag am Stand des Verlags auf dem Bremer Weihnachtsmarkt anzutreffen. Viele fragten ihn zum Beispiel nach dem noch ausstehenden Band der Bremer Nachkriegsgeschichte. "Ihnen kann ich dann erklären, warum dieser noch nicht erschienen ist. Ich gebe den Menschen auch Tipps und kann ihnen zu jedem Buch etwas erzählen", sagt Temmen. Für ihn sei es wichtig, am Stand präsent zu sein, weil viele Menschen zwar die Bücher kennen würden, aber der Verlag weniger wahrgenommen werde. Gleichzeitig könne er im direkten Kontakt mit den Lesern Trends aufnehmen, was gut gehe und was nicht mehr. "Außerdem macht der Schnack mit den Menschen einfach Spaß und gibt mit Mut weiterzumachen."

Der Unternehmer glaubt an den Fortbestand kleiner Verlage. Sie seien das Salz in der Suppe, während die großen Verlage nur das Wasser lieferten, wie er sagt. Um weiterhin am Ball zu bleiben, versuchen Temmen und sein Team die Verluste anderweitig auszugleichen und sich der neuen Situation anzupassen.

"Wir werden weiter Bücher machen, nur können wir bestimmte Themen nicht mehr umsetzen", lautet Temmens Bilanz. In den vergangenen Jahren habe er zunächst den Fehler gemacht, davon auszugehen, dass regionale Titel sich nicht für E-Books eignen. "Aber das ist nicht so. Gerade Bildbände und Reiseführer sind geeignet", ist Temmen inzwischen überzeugt. Um dem veränderten Leseverhalten der Käufer und den Veränderungen auf dem Büchermarkt entgegenzuwirken, überlegt man daher an der Hohenlohestraße 21 nun, einige Titel als E-Book anzubieten – und das zu einem günstigeren Preis. Auch Neuerungen im Vertrieb und im Programm will sich das Verlagsteam einfallen lassen.

Ein weiteres Stadtteil-Lexikon wie die in der Edition Temmen erschienenen Nachschlagewerke über Borgfeld und Horn-Lehe kann sich Temmen auch für Schwachhausen vorstellen. "Doch dafür muss ich erst einmal einen Schreiber finden, der sich gut auskennt." Das sei nicht so einfach. Bei all diesen Überlegungen dürfen die Freunde des Verlags also gespannt sein, welche Ideen und Innovationen der kleine Verlag aus Schwachhausen in den kommenden Jahren tatsächlich verwirklicht, um sich in stürmischer Zeit auf dem Büchermarkt zu behaupten.

Trotz Jubiläum nicht zum Feiern zumute

Mittendrin im Stadtteil: Horst Temmen führt seinen Buchverlag in Schwachhausen seit 25 Jahren

Zitat:

"Das Große Bremen-Lexikon von Schwarzwälder gehört zu den größten Erfolgen."

Horst Temmen

Trotz Jubiläum nicht zum Feiern zumute

Mittendrin im Stadtteil: Horst Temmen führt seinen Buchverlag in Schwachhausen seit 25 Jahren

Zitat:

"Ein Stadtteil-Lexikon kann ich mir auch für

Schwachhausen vorstellen."

Horst Temmen

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