Schätze aus dem Focke-Museum (96): Zwei Serviceteile von der Steingutfabrik Witteburg in Farge Unternehmer holten Fachkräfte aus England

Schwachhausen. Witteborg und Witteburg unterscheiden sich in der Schreibweise nur durch einen Vokal. Aber zwischen ihnen liegen über sechs Jahrhunderte. Trotzdem haben beide direkt miteinander zu tun. Die Witteborg war ein 1220 von Erzbischof Gerhard II. angelegter Festungsbau und wurde schon 1221 wieder zerstört. Die nach ihr benannte Steingutfabrik Witteburg hat ab 1853 immerhin 100 Jahre existiert. Auf einem Teil ihres Geländes steht heute das Kraftwerk Farge.
05.05.2011, 05:00
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Von erika Thies

Schwachhausen. Witteborg und Witteburg unterscheiden sich in der Schreibweise nur durch einen Vokal. Aber zwischen ihnen liegen über sechs Jahrhunderte. Trotzdem haben beide direkt miteinander zu tun. Die Witteborg war ein 1220 von Erzbischof Gerhard II. angelegter Festungsbau und wurde schon 1221 wieder zerstört. Die nach ihr benannte Steingutfabrik Witteburg hat ab 1853 immerhin 100 Jahre existiert. Auf einem Teil ihres Geländes steht heute das Kraftwerk Farge.

Erzbischof Gerhard II. ging in die Geschichte vor allem durch seinen Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern ein, die er 1234 besiegte. Mit Hilfe der Bremer. Ihnen hatte er ein knappes Vierteljahrhundert zuvor durch seine "witte", also weiße Burg am Weserufer zusätzliche Abgaben abpressen wollen. Ließ er damals tatsächlich eine Kette über die Weser spannen? Haben die empörten Bremer diese Kette wirklich bei ablaufender Flut mit einer großen Kogge gesprengt? Manch schöne alte Geschichte wird immer wieder gern erzählt, braucht aber trotzdem nicht wahr zu sein.

Historisch belegt ist, dass Erzbischof Gerhard den Bremern gegen Zugeständnisse erlaubte, die Witteborg wieder abzureißen. Mit den Steinen soll die Langenstraße gepflastert worden sein. Wo genau die Witteborg lag, ist wissenschaftlich umstritten. Meist wurde ein Standort südlich von Rekum angenommen. Es könnte aber auch bei Lemwerder gewesen sein.

Bei der Gründung ihrer Steingutfabrik in Farge griffen der Bremer Reeder Johannes Fritze (1830-1897) und die Kaufleute James Bethuel Boyes (1804-1879) und Simeon Sowerbutts (1816-1868) auf den alten Namen zurück. Weshalb sie nicht Bremen als Standort wählten? Farge lag im Königreich Hannover, das gehörte seit 1852 zum Deutschen Zollverein. Bremen schob wegen seiner überseeischen Interessen den Beitritt dazu noch bis 1888 hinaus. Hinzu kam wohl: Auch die Weserkorrektion erfolgte erst in den 1880er-Jahren. Farge aber konnte von den englischen Schiffen, die nun mit Kohle und keramischen Rohstoffen für das junge Unternehmen eintrafen, auch vorher schon problemlos angelaufen werden.

Aber nicht nur die wichtigsten Zutaten wurden aus England bezogen, sondern anfangs auch die Mitarbeiter und damit, wie es heute heißt: das Know-how. Diese Gastarbeiter kamen trotz einer zeitlich beschränkten Aufenthaltserlaubnis gern. Konnten sie doch hoffen, so dem heimischen Elend zu entgehen, das vor allem Charles Dickens erschütternd beschrieben hat.

Einer der wenigen Engländer, die auf Dauer in Farge blieben, war der Kupferstecher Richard Taylor aus Hanley im Pottery-Bezirk um Stafford. Sein gleichnamiger Sohn erlernte denselben Beruf und wurde 1917 sogar Farger Bürgermeister.

Kupferstecher brauchte man, weil das hergestellte Steinzeug meist auch Muster haben sollte. Besonders beliebt waren Blütenranken und Blumenbuketts, es durften aber gern auch idyllische Landschaften oder Stadtansichten sein. Tafelgeschirre trugen Namen wie "Nelly", "Clara", "Victoria" und "Elsa" oder auch "Brema" und "Weser", Waschgeschirre und Nachttöpfe konnten aus Serien wie "Breslau", "Dresden" oder "Hamburg" stammen.

Auftrieb durch die Eisenbahn

Anno 1861 bot die Steingutfabrik Witteburg 1367 verschiedene Artikel an. Ab 1885 ergänzten farbige Fliesen das Angebot. Die Rohstoffe für die Steingutmasse - Kaolin, weißbrennende Tone, Feldspat, Quarz - kamen weiterhin meist auf Schiffen an. Die fertige Ware aber wurde, seit 1888/89 die Strecke Farge-Vegesack den Anschluss ans Schienennetz gebracht hatte, überwiegend mit der Eisenbahn befördert. So schloss das Absatzgebiet schon bald auch das Zarenreich mit ein.

Um 1900 besaß Farge die bedeutendste Steingutfabrik in ganz Norddeutschland. Die Zahl der Beschäftigten lag bei fast 500, der Kreis der Abnehmer reichte bis Südamerika und Indien. Dann aber sank die Nachfrage. Entlassungen wurden notwendig. Der Erste Weltkrieg war noch nicht zu Ende, da wurde die Witteburg im September 1918 von ihrer schärfsten Konkurrentin übernommen, der 1869 gegründeten Norddeutschen Steingutfabrik in Grohn. Vom ursprünglich so reichhaltigen Sortiment blieben schließlich bald fast nur noch die Fußbodenplatten übrig. Auf die endgültige Stilllegung des Betriebs im Jahr 1953 folgte 1958 der Abriss der Gebäude.

Von dem, was die stolze Steingutfabrik einst produzierte, besitzt das Heimatmuseum Schloss Schönebeck die vermutlich reichste Auswahl. Aber auch im Focke-Museum befindet sich einiges. Zur Geschichte des Unternehmens erschien 1985 ein Buch, in dem Horst Gnettner vieles noch festhalten konnte, was jetzt sonst vielleicht schon vergessen wäre. Über die deutschen Fayence- und Porzellanmanufakturen gibt es zahlreiche Untersuchungen, die Steingutfabriken aber wurden von der Forschung meist eher stiefmütterlich behandelt.

Hundert Jahre, bevor sie schloss, hatte die Witteburg den Betrieb aufgenommen - mit 150 Arbeitern, von denen die meisten aus England kamen. Die Gemeinde Farge hatte zunächst befürchtet, die Sache könne schiefgehen. Die Gründerväter wie der Reeder Fritze hafteten deshalb mit dem Grundbesitz auch für Kosten, die hätten anfallen können, falls "außerdeutsche Arbeiter in Not" geraten wären.

Von England aus hatte das Steingut um 1750 seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Die in der Herstellung schon sehr erfahrenen Engländer waren in Farge aber nur für die Anfangsphase vorgesehen. Für die Familien ließ die Firma nur etwa 800 Meter von der Fabrik entfernt zehn Gebäude mit insgesamt 23 Wohnungen errichten. Der Volksmund sprach dann von der "englischen Reihe" oder der "Kolonie". Daran erinnert die Koloniestraße, die von der Richard-Taylor-Straße bis zur Farger Straße reicht.

In der nächsten Folge am Donnerstag, 12. Mai, geht es um ein steinernes Hündchen, das mit einem Löwen spielt.

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