Fritz-Gansberg-Straße Bremen

Unterricht auf der Baustelle

Poröse Fenster, eine desolate Raumsituation und ein unterbesetztes Kollegium – keine guten Voraussetzungen für eine Förderschule. An der Fritz-Gansberg-Straße läuft der Unterricht trotzdem weiter.
10.08.2018, 17:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Maren Brandstätter
Unterricht auf der Baustelle

Wie geplant, ist nach sechseinhalb Jahren Thomas Schipfer in den Ruhestand gegangen. Ein Nachfolger ist trotzdem noch nicht gefunden.

PETRA STUBBE

Das Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße muss zurzeit ohne Schulleitung auskommen. Thomas Schipfer, der sechseinhalb Jahre lang Rektor der Förderschule war, ist Ende Juli in den Ruhestand gegangen. Seine Gefühle beim Abschied waren gemischt. Einerseits verlasse er ein stabiles Kollegium mit sehr viel Teamgeist, andererseits sei seine Nachfolge ungeklärt. Und das lasse die Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Stunden an der Schule auf nunmehr 22 Prozent anwachsen. „Eigentlich wollte die Behörde die Stelle im Februar ausgeschrieben haben, aber dann hat es bis Mai gedauert“, erzählt Schipfer. „Das hat mich etwas enttäuscht.“ Persönlich nehme er’s aber nicht, schließlich gebe es in Bremen viele Schulen, die sich mit ihren Anliegen in Geduld üben müssten.

Aus dem Bildungsressort heißt es dazu, dass es für die sogenannte Findung der neuen Schulleitung einen Termin gebe. Bis dahin werde die Konrektorin die Schule an der Fritz-Gansberg-Straße kommissarisch leiten. „Gemeinsam mit ihr suchen Vertreterinnen und Vertreter des Ressorts nach Lösungen für die Personalsituation“, teilt Sprecherin Annette Kemp mit. Konkrete Angaben zu besagtem Findungstermin macht sie nicht.

Warum zum Schuljahresbeginn nicht längst alles in trockenen Tüchern ist, will Beiratssprecherin Barbara Schneider (Grüne) nicht recht einleuchten. „Dass Herr Schipfer in seinen wohlverdienten Ruhestand geht, war ja vermutlich schon länger vorauszusehen und passierte nicht aus heiterem Himmel“, konstatiert sie. „Es ist mir schleierhaft, wieso in solchen Fällen die Nachfolge nicht so rechtzeitig geregelt wird, dass die Arbeit nahtlos fortgesetzt werden kann.“ Geplante Pensionierungen seien schließlich etwas anderes als plötzlich auftretende Krankheiten oder Ausfälle. „Da sollte man von einer Behörde doch erwarten können, dass die Personalplanung und Neubesetzung der Stelle rechtzeitig erfolgt“, kritisiert sie.

In der Praxis wird sich das Stundendefizit der Schule laut Thomas Schipfer voraussichtlich nicht vordergründig durch Unterrichtsausfall bemerkbar machen, „aber es werden erst einmal keine neuen Schüler mit erhöhter Bedürfnislage aufgenommen werden können – die müssen dann an den Regelschulen bleiben“. Doch genau dort stören diese Schüler den Unterricht massiv. So massiv, dass sie an der Fritz-Gansberg-Schule lernen müssen, ihre Aggressionen gegen sich und andere in den Griff zu bekommen. „Dramatisch“ nennt Barbara Schneider die aktuelle Lage. Die Behörde sei dringend gefordert, „diese missliche Situation umgehend zu beenden“.

Die personelle Besetzung ist eine von mehreren Baustellen, mit denen das Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße konfrontiert ist. Wie berichtet ist die schuleigene Turnhalle seit Januar gesperrt. Ende des Jahres soll das von Schimmel befallene Dach saniert werden. Frühestens, hieß es im Juni aus dem Senat. Und dann ist da noch der Sanierungsstau im Schulgebäude selbst. „Problematisch sind vor allem das Dach und die Fenster“, erzählt Schipfer. Die seien nur bedingt dicht. „Im Winter haben wir die Ritzen der Fenster oft mit Isolierband abgeklebt, damit wir nicht den ganzen Stadtteil mitheizen“, sagt er.

Mit der Sanierung oder alternativ einem Neubau geht es seit Jahren nicht voran, weil sich die Politik mit einer endgültigen Entscheidung zur Perspektive der Schule im Zeitalter von Inklusion schwer tut. Aufgrund der besonderen Problemlage der Schüler wurde die Betriebsdauer der Schule aber zunächst bis 2024 verlängert. Für das Lehrerkollegium eine belastende Situation, gibt Schipfer zu bedenken. „Eine latente Anspannung ist immer da.“

Ginge es nach ihm, sollte das Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße nicht jenseits von Inklusion weiter bestehen, sondern als Teil von ihr. „Unsere Schüler binden extrem viele Ressourcen – das kann keine Regelschule leisten“, sagt er. Hätten sich die Schüler aber stabilisiert, folge die Rückkehr an die Regelschule, wovon am Ende alle Beteiligten profitierten. Sicherlich gebe es Ausnahmen, die bis zum Schulabschluss an der Fritz-Gansberg-Straße blieben, aber auch vor diesem Hintergrund habe die Schule dann somit wieder ihre Berechtigung.

Um Inklusion in Bremen langfristig auf stabilere Füße zu stellen, sieht der pensionierte Schulleiter dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf ein ganzheitliches Konzept für gesamt Bremen. „Im Moment haben wir einen Flickenteppich aus diversen Konzepten. Dadurch gibt es überhaupt keine Vergleichbarkeiten zwischen den Schulen“, sagt Schipfer, der vor der Fritz-Gansberg-Schule 22 Jahre lang das Förderzentrum Burgdamm geleitet hat. „Wenn ein Grundschulkind innerhalb Bremens die Schule wechselt, können die Unterschiede mitunter fast so groß sein, als sei es von Bremen nach Bayern gezogen.“

Schipfer selbst zieht es nach seiner Pensionierung jetzt in die weite Welt. „Ich bin noch relativ fit und möchte mit meiner Frau gerne auf Reisen gehen“, erzählt er. Konkrete Ziele gebe es noch nicht. Die müsse er sich noch überlegen - und das in Ruhe. „Ich hab’ ja jetzt Zeit.“

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