Lautsprecher fehlen

Walkie Talkies für den Notfall an Schwachhauser Schule

Unterbesetzt, unterversorgt, marode. Die Situation an der Förderschule Fritz-Gansberg-Straße scheint unhaltbar. Kann und soll es noch vier Jahre so weiter gehen?
20.11.2019, 15:42
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Von Maren Brandstätter
Walkie Talkies für den Notfall an Schwachhauser Schule

Die Förderschule an der Fritz-Gansberg-Straße. Ob der Betrieb nach 2024 weitergehen kann und soll und unter welchen Umständen – auf diese politische Entscheidung warten im Stadtteil viele.

PETRA STUBBE

Eine Lautsprecheranlage gibt es nicht an der Förderschule Fritz-Gansberg-Straße. Im Notfall muss Bastian Hartwig seinen Kollegen und Schülern selbigen mittels einer Metalltröte melden. Er habe außerdem kürzlich Walkie-Talkies bestellt, damit sich die Lehrer im Notfall untereinander schnell erreichen können, berichtete der im August neu eingestellte Schulleiter am Dienstagabend dem Fachausschuss für Kinder und Bildung.

Der Handy-Empfang im Schulgebäude sei nur unzureichend, was in kritischen Momenten zusätzliche Probleme schaffe. Auch der Sonnenschutz an den Fenstern sei nach wie vor nicht repariert. Im Sommer heizten sich einige Klassenräume deshalb mitunter extrem auf, erklärte er. Hartwigs Schilderungen sorgten bei den Ausschussmitgliedern fraktionsübergreifend für Entrüstung.

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Schließlich seien der Behörde diese Mängel seit Langem bekannt. Für den Schulleiter sind die baulichen und technischen Mängel zwar ärgerlich, aber im Moment beschäftigen ihn vor allem zwei andere Problemen an der Förderschule für sozial-emotionale Entwicklung: zu wenig Personal und das fehlende Signal, ob und inwieweit die Schule nach 2024 in Bremens inklusiver Schullandschaft noch eine Rolle spielen wird. 2024 ist die derzeit geltende Frist für die Betriebsdauer der Schule, die ursprünglich schon für 2018 gesetzt, dann aber um sechs Jahre verlängert worden war.

Bei den Schülern der Fritz-Gansberg-Förderschule handelt es sich um Kinder und Jugendliche, die den Unterricht an ihren bisherigen Regelschulen aggressiv gestört und die Sicherheit ihrer Mitmenschen gefährdet haben. An der Fritz-Gansberg-Straße werden sie von Sonderpädagogen in Kleingruppen unterrichtet und sollen langfristig wieder fit für eine Rückführung an die Regelschule gemacht werden.

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Zurzeit sind an der Fritz-Gansberg-Schule zwei Sonderpädagogen-Stellen unbesetzt. Dazu kämen aktuell vier Krankheitsfälle im Kollegium, berichtete Hartwig dem Bildungsausschuss. „Wenn hier ein Kollege ausfällt, bedeutet das sofort steigende Unruhe in der Schule“, erläuterte er. Aufgrund der emotionalen Instabilität der Schüler komme es häufiger zu Vorfällen wie Spucken oder Weglaufen bis hin zu tätlichen Angriffen auf Lehrer. Anfang des Schuljahres seien auch schon Polizeieinsätze vonnöten gewesen.

Eine Unterbesetzung des Kollegiums sei daher fatal, erklärte Hartwig. Doch auch ein voll besetztes Kollegium reiche im Grunde nicht aus, um in Konfliktsituation adäquat reagieren zu können. „Wir bräuchten dringend zwei Sozialpädagogen an der Schule“, sagte er. Zwar erscheine Außenstehenden der Personalschlüssel von zwei zu fünf oftmals mehr als ausreichend, aber das scheine eben tatsächlich nur so. „Wenn ein Schüler ausrastet, muss einer der beiden Sonderpädagogen ihn aus der Gruppe rausnehmen – der andere bleibt dann mit den übrigen Schülern alleine“, erklärte Hartwig.

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Für die Einzelbetreuung müsste aber in diesem Moment eigentlich ein Sozialpädagoge vor Ort sein, der die Sonderpädagogen unterstützt. Denn Sonderpädagogen seien keine Sozialarbeiter, sondern Lehrer – „das wird häufig verwechselt“, betonte er. Als weiteren Faktor, der das Lehrerkollegium seit Jahren umtreibe, nannte Hartwig die ungeklärte Perspektive der Schule ab 2024. Damit stehe fortwährend die Frage im Raum, ob und wie es an der Fritz-Gansberg-Straße weitergehe, oder ob die Schüler auf einen Wechsel an eine inklusive Regelschule vorbereitet werden müssten.

Um diese komplexe Fragestellung zu klären, bedarf es nach Hartwigs Auffassung einer Arbeitsgruppe aus Experten und Entscheidern, die sich ergebnisoffen damit auseinandersetzen, welches Modell in Bremen langfristig am besten für Schüler mit sozial-emotionalem Förderbedarf greifen kann. Nach Einschätzung des Schulleiters werde es in Bremen immer ein Auffangsystem wie die Fritz-Gansberg-Schule geben müssen – in welchem Umfang, das müsse besagter Arbeitskreis klären.

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Die Anregung des Schulleiters fand sich schließlich in einem einstimmig verabschiedeten Antrag des Ausschusses wieder. Darin kritisiert das Gremium, dass die Zusagen der Bildungssenatorin vom Januar 2019 bezüglich der Personalausstattung der Fritz-Gansberg-Schule nicht eingehalten worden seien. Außerdem fordert der Ausschuss die Senatorin auf, eine Konzeption für den Umgang mit sozial-emotionalen Förderschülern zu entwickeln, die zudem eine konkrete Perspektive für das Förderzentrum an der Fritz-Gansberg-Straße einschließlich der Standortfrage beinhalten soll.

Die derzeitige Ausstattung der Förderschule erachtet der Ausschuss als ungenügend und fordert die Senatorin daher auf, sozialpädagogische und psychologische Stellen an der Schule einzurichten, die ein angemessenes interdisziplinäres Arbeiten ermöglichen. Zudem müsse die regelmäßige Teilnahme des Personals an Supervision gewährleistet sein und der Schule außerdem ein Budget für Teilhabeangebote wie beispielsweise Ausflüge zur Verfügung gestellt werden.

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