Generalsekretärin von Amnesty International und Wissenschaftler erörtern 'Utopie der Humanität' Wo Menschenwürde ausgehebelt wird

Schwachhausen. Menschenrechte werden in der Welt drastisch mit Füßen getreten. Auch vor der eigenen Haustür wird die Würde des Menschen nicht immer gewahrt, zum Beispiel im Umgang mit Patienten. Das war eine Facette bei der Podiumsdiskussion zm Thema "Utopie der Humanistät" im Focke-Museum.
31.01.2010, 08:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandy Bradtke

Schwachhausen. Menschenhandel, Folter, Kriegsverbrechen - Menschenrechte werden in der Welt drastisch mit Füßen getreten. Aber auch wenn man vor die eigene Haustür schaut, wird die Würde des Menschen nicht immer gewahrt. Unter anderem über den Umgang mit Patienten in deutschen Krankenhäusern und Bewohnern von Altenheimen und den Umgang der Medien mit Menschenwürde wurde auf einer Podiumsdiskussion zum Thema 'Utopie der Humanität' im Focke-Museum debattiert.

'Menschenwürde ist nicht Utopie, sondern Realität', sagt Monika Lüke, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland. Die Menschenwürde sei unantastbarer Bestandteil des Grundgesetzes sowie Grundlage und Kern des Menschenrechts.

Dennoch: Die Menschenwürde ist im Alltag antastbar. Wo beginnt die Würde eines jeden Menschen und wo hört sie auf - und was ist Menschenwürde überhaupt?

Überspitztes Beispiel

Der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch findet dazu ein überspitztes Beispiel: 'Stellen Sie sich vor, dass man das Autofahren verbietet, weil so viele Menschen bei Unfällen sterben. Ersichtlich sind doch hier die Würde und das Recht auf körperliche Unversehrtheit massenhaft bedroht. Ich wäre aber eine lächerliche Figur, wenn ich mich mit dieser Idee vor den Bundesgerichtshof stellen würde.'

Hörisch will mit dieser drastischen Illustration zeigen, dass es sehr leicht ist, universalistisch, rhetorisch und pathetisch über die Idee der Menschenwürde zu sprechen. Dafür müsse man nicht immer demonstrative Beispiele heranziehen wie den Massenmord zu Zeiten des Nationalsozialismus.

Gegenseitig Respekt zeigen

Monika Lüke meint dagegen, dass jeder, der am Straßenverkehr teilnimmt, dies eigenverantwortlich tue und dass es bei Menschenwürde mehr um den gegenseitigen Respekt der Menschen untereinander gehe: 'In Asien habe ich das Konzept der Menschenwürde ganz stark erfahren. Dort handelt man noch danach: Was du nicht willst, was man dir tu?, das füg auch keinem anderen zu', so Lüke.

Dieser moralische Aspekt prägt die Diskussion im Focke-Museum. Und so kamen die Teilnehmer schließlich zu Adolph Freiherr Knigge und Immanuel Kant.

Jochen Hörisch hat im Vergleich der beiden eine klare Meinung: 'Knigge ist für mich der bessere Menschenrechtstheoretiker als Kant', sagt er. Wenn man auf gute Manieren setze, dann könne es erst gar nicht passieren, dass man moralisch analysieren müsse.

Bernard Braun, Soziologe am Zentrum für Sozialpolitik in Bremen, ist dagegen überzeugt, dass man mit Knigge nicht weit kommt: 'Appelle an Verhalten genügen nicht, wenn zum Beispiel Ärzte ihren Patienten Behandlungen verordnen, die mehr schaden als nützen. Und das sind keine Einzelfälle.'

Missstände im Gesundheitswesen

Braun prangert an, dass im Gesundheitswesen wirtschaftliche Interessen vor humanitären stünden, und macht auf weitere Missstände aufmerksam: 'Es wurde festgestellt, dass zwischen 40 und 60 Prozent der Patienten mit der Diagnose Demenz nie nach wissenschaftlichen Kriterien diagnostiziert worden sind', erklärte er. Zu einer Verbesserung dieser Situation sei es noch ein langer Weg, denn die Leitlinien kämen erst jetzt.

Auch die Medien wurden während der Diskussion unter die Lupe genommen, und welche Rolle die Menschenwürde bei ihnen spielt. Jochen Hörisch beklagt eine Erosion der Menschenwürde in den Medien.

'Der Respekt vor der Grenze zwischen privat und öffentlich ist abhandengekommen. Das kann ich nicht begreifen, warum Menschen ihre intimsten Verhältnisse öffentlich machen", so Hörisch. Der Soziologe Bernard Braun führt dies teilweise darauf zurück, dass die Zwei-Drittel-Gesellschaft - bestehend aus Langzeitarbeitslosen und dauerhaft Unterbeschäftigten - offenbar jegliches natürliches Schamgefühl verloren habe und auf Biegen und Brechen versuche, wahrgenommen zu werden.

Ursache liegt in politischen und ökonomischen Entscheidungen

'Das ist aber nicht das Problem dieser Menschen, sondern die Ursache liegt bei politischen und ökonomischen Entscheidungen', meint Braun. Doch auch die in den Fokus der Medien geratenen Leute hätten schließlich ein Recht auf die Wahrung der Grund- und Menschenrechte, sagt Monika Lüke dazu.

Die Podiumsdiskussion, die anlässlich der Ausstellung 'Manieren' im Focke-Museum stattfand, beleuchtet viele verschiedene Aspekte zum Thema Menschenwürde.

Monika Lüke findet die Diskussion gewinnbringend für sich persönlich: 'Ich vergesse im Arbeitsalltag natürlich auch oft, wie es in einigen Altersheimen zugeht und finde es daher wichtig, auch über diesen Aspekt der Menschenwürde zu sprechen.'

Die Podiumsdiskussion wird am 2. März ab 19.05 Uhr im Nordwestradio gesendet und am 6. März ab 17.05 Uhr wiederholt.

Die Ausstellung 'Manieren' kann bis 30. Mai im Focke-Museum besucht werden.

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