Windrad in Seehausen

Rotorblätter drehen nun leisere Kreise

Mit Haifischzähnen gegen Lärm: Eine neue Technik soll dafür sorgen, dass Anwohner in Seehausen weniger störende Geräusche von einer Windkraftanlage abbekommen.
13.10.2019, 21:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Rotorblätter drehen nun leisere Kreise

Jörg Broll-Bickhardt (l.), technischer Leiter bei Hansewasser zeigt den Windkamm mit Kläranlagenleiter, Peter Schmellenkamp.

hansewasser

Wie Haifischzähne sehen die Zacken an den grauen Plastikschienen aus, die Hansewasser kürzlich am Windrad auf dem Gelände der Kläranlage in Seehausen montieren ließ. Die Technik heißt „Trailing Edge Serrations“ und ist entwickelt worden, um den Lärm zu reduzieren, der durch Windwirbel an den Rotorblättern entsteht.

„Mit der Nachrüstung der Anlage lösen wir ein Versprechen ein, das wir den Seehausern schon vor Jahren gegeben haben“, sagt Peter Schmellenkamp. Er ist bei dem teilstädtischen Unternehmen Hansewasser angestellt, das sowohl die Kläranlage als auch das Windrad auf dem Gelände betreibt. Schmellenkamp leitet die Kläranlage seit 20 Jahren. Er war auch 2010 dabei, als die Anwohner aus Seehausen vergeblich gegen die Aufstellung des Windrads protestiert hatten. Damals habe Hansewasser zugesichert, „dass wir den Geräuschpegel reduzieren, sobald das technisch möglich ist und es war mir persönlich wichtig, dass wir das nun getan haben“, so Schmellenkamp.

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Die Nabenhöhe des Windrads beträgt 98 Meter, die Rotorblätter ragen bis zu 142,5 Meter hinauf in den Himmel. Zum Vergleich: Der Wesertower am Eingang der Überseestadt macht bei 82 Metern Schluss. Die Nachrüstung hat Hansewasser rund 40 000 Euro gekostet, „doch es war auch bei unseren Gesellschaftern unstrittig, dass wir das zur Entlastung der Anwohner investieren“, erklärt Schmellenkamp.

Eine Woche lang haben Arbeiter der Firma Enercon die neuen Elemente in etwa 50 Metern Höhe angebracht. In einem Aufzug haben die Arbeiter daraufhin die Plastikelemente wie bei einer Carrera-Bahn-Montage aufgesteckt.

Eine Woche lang haben Arbeiter der Firma Enercon die neuen Elemente in etwa 50 Metern Höhe angebracht. In einem Aufzug haben die Arbeiter daraufhin die Plastikelemente wie bei einer Carrera-Bahn-Montage aufgesteckt.

Foto: hansewasser

Nachrüstung war freiwillig

„Wir unterschreiten sämtliche gesetzlichen Vorgaben und Auflagen in puncto Schallemissionen und -immissionen und wären nicht verpflichtet die Anlage nachzurüsten“, betont der technische Leiter von Hansewasser, Jörg Broll-Bickhardt. Trotzdem sei klar, dass es individuelle Belastungen durch den Geräuschpegel der Rotorblätter gebe – je nach Wetterlage und Windrichtung, ergänzt Schmellenkamp. „Das kann man nicht schönreden“, so der Hansewasser-Vertreter.

Aufgestellt wurde das Windrad Ende 2010. Dem vorausgegangen waren heftige Bürgerproteste aus Seehausen, die schließlich zum Streit zwischen den damaligen Regierungsparteien SPD und Grüne geführt hatten. Im Ergebnis wurde die Anlage schließlich etwa sieben Meter kleiner gebaut als ursprünglich geplant, da der Abstand zu den ersten Wohnhäusern nur 450 Meter beträgt.

Für die Betroffenen sei das nur ein kleiner Trost gewesen, sagt der stellvertretende Beiratssprecher Seehausens, Jochen Himmelskamp. Der Sozialdemokrat, der auch Sprecher der „Interessengemeinschaft Seehausen“ ist, erinnert sich noch gut an den damaligen Kampf gegen die Windmühle: „Wir wollten die überhaupt nicht haben und das ist heute auch noch so.“ Allerdings sei der Widerstand nun müßig, „das Ding ist genehmigt, dagegen können wir nun nichts mehr machen.“

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Trotz des Ärgers und der Lärmbelastung erkennen die Seehauser die aktuellen Aktivitäten zur Lärmreduzierung durchaus an. „Hansewasser bemüht sich um ein gutes Verhältnis und hält sein Versprechen ein“, bescheinigt Himmelskamp dem Unternehmen. Dass die neun Jahre, die die Nachrüstung gedauert hat, den Seehausern reichlich spät vorkommt, weiß Schmellenkamp ganz genau. „Das kann ich nachvollziehen, aber früher war es leider nicht möglich“, versichert er. Denn für diesen speziellen Anlagentyp auf dem Kläranlagen-Gelände habe es noch keine standardmäßige Genehmigung für die Windkamm-Technik gegeben. So gesehen sei es nun eine Extraanfertigung des Herstellers Enercon, die auf hartnäckiges Drängen von Hansewasser angebracht worden sei.

Rückmeldungen aus der Nachbarschaft dazu, ob die neue Technik den Windrad-Betrieb seit der zurückliegenden Woche tatsächlich leiser macht, gibt es aber noch nicht. „Entweder, es hat tatsächlich etwas gebracht oder die Leute haben sich an den Lärm gewöhnt“, mutmaßt Himmelskamp.

Weiterhin ein Dauergeräusch

Anwohnerin Angelika Kutschbach hat zumindest festgestellt, dass eine ähnliche Nachrüstung an den drei Windkraftanlagen auf der Baggergutdeponie vor einigen Jahren den Schlag der Windräder „etwas erträglicher gemacht hat, aber als Dauergeräusch ist es immer noch wie ein stetig tropfender Wasserhahn schwer auszuhalten.“ Sie hoffe daher auf weitere Entlastung.

Peter Schmellenkamp geht davon aus, dass erst im Winter deutlich werde, welchen Erfolg die „Haifischzähne“ am Hansewasser-Windrad tatsächlich bewirken. „Denn momentan im Herbst sind die Wind- und Blättergeräusche fast stärker als das Windrad selbst“. Der Hersteller ginge davon aus, dass zwei Dezibel weniger Lärm durch den Plastikkamm entstehen, der größere und lautere Windwirbel in zahlreiche kleinere und leisere Wirbel zerteilt. Die Technik ist der Natur und dem Federkleid von Eulen abgeschaut. Doch nahezu geräuschlos wie der Flug der Eulen werden sich die Rotorblätter auch mit den Zacken nicht drehen. „Aber der Hersteller verweist darauf, dass die gefühlte Lärmreduzierung in dieser deutlich wahrnehmbaren Frequenz höher liegt als die messbaren zwei Dezibel“, sagt Schmellenkamp.

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Wissenswertes zum Windrad

Der meiste Lärm einer Windkraftanlage entsteht laut Fachliteratur an den Rotorblättern durch Windwirbel. Der entstehende Luftstrom um das Rotorblatt mit seinen großen Wirbeln wird durch die nun angebrachten Zacken an der Blatthinterkante in viele kleinere Wirbel aufgelöst. Dadurch reduziert sich das Blattgeräusch.

Die Rotorblätter des Windrads auf dem Gelände der Kläranlage in Seehausen drehen sich je nach Wind sechs bis 19,5 Mal pro Minute. Bei Inbetriebnahme haben Messungen ergeben, dass die Anwohner tagsüber unterhalb der vorgeschriebenen Grenzwerte von 60 dB (A) (entspricht einem lauten Gespräch) und nachts unter 45dB (A) (etwas lauter als ein Kühlschrank) belastet werden.

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