Neubau in greifbarer Nähe Lösung für ein barrierefreies Ortsamt Bremen Strom gefunden

Fast wäre aus der Frage, wie das Ortsamt Strom barrierefrei werden kann, ein teurer Schildbürgerstreich geworden. Doch nun haben sich die Bremer Behörden offenbar nach langem Ringen auf einen Umzug verständigt.
31.12.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Karin Mörtel

Eine glückliche Wendung stellt ein neuer Lösungsvorschlag für die fehlende Barrierefreiheit im Ortsamt Strom dar. So sieht es zumindest Ortsamtsleiter Wilfried Frerichs. Er ist froh, dass die „verzwickte Situation hoffentlich nun ein Ende hat“, so Frerichs. Wie Immobilien Bremen (IB) mitteilt, soll nun doch möglichst schnell ein Neubau neben dem Schulgebäude entstehen, in dem auch das Ortsamt Strom bislang seine Amtsstuben hat.

Baustart kann aber frühestens im Jahr 2022 sein, weil zunächst die Haushaltsmittel dafür freigegeben werden müssen, heißt es von IB. In dem neuen Haus werde die Grundschule weitere Räumlichkeiten für den geplanten Ganztagsbetrieb erhalten und auch das Ortsamt einziehen. Das wäre dann ebenerdig erreichbar. Das Kuriose an der Lösung: Es gab schon länger den Plan, diesen Erweiterungsbau für die Schule zu errichten. Er wurde aber bislang nicht beauftragt, weil die Bildungsbehörde noch keinen Beschluss für den Ganztagsbetrieb der kleinen Dorfschule hatte. Der Landesbehindertenbeauftragte forderte jedoch eine zügige Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden.

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Zur Vorgeschichte: Bereits im Januar hatte Immobilien Bremen, Verwalter des städtischen Gebäudes, wie berichtet eine provisorische Fluchttreppe sowie einen Schutzzaun an der Rückseite des Hauses aufstellen lassen. Bis dahin war das Ortsamt über ein halbes Jahr zwangsweise geschlossen, weil der Brandschutz ohne zweiten Fluchtweg nicht gewährleistet war. Dies war erst 2019 aufgefallen, nachdem das Ortsamt schon jahrelang quasi als Schwarzbau ohne Baugenehmigung unter dem Dach des Schulgebäudes betrieben worden war.

Durch das kleine Versammlungszimmer könnten seit Januar im Brandfall nun alle Anwesenden über neu eingebaute Holzstufen durch ein sogenanntes Fluchtfenster auf die provisorische Außentreppe gelangen. Diese hat allerdings nur eine Genehmigung für zwei Jahre, bis sie wieder abgebaut werden muss, bestätigt IB.

Diverse Widerstände

Dass zwischenzeitlich zusätzlich ein provisorischer Aufzug im Gespräch gewesen sei, um auch Menschen, die keine Treppen steigen können, den Zugang zum Ortsamt zu ermöglichen, habe er als drohenden Schildbürgerstreich empfunden, berichtet Frerichs. Nicht, weil er den Sinn von Barrierefreiheit anzweifele, betont er. „Aber das wären dann eine oder sogar zwei teure Treppen und ein teurer Aufzug, die wahrscheinlich nie jemand benutzt oder betreten hätte, bevor sie wieder verschrottet worden wären, sobald der Neubau fertig ist“, begründet er seine Ablehnung weiterer Provisorien.

Abgesehen davon habe es auch Widerstände aus der Landesdenkmalpflege gegen einen Aufzug an einem denkmalgeschützten Gebäude gegeben. „Jedem einzelnen Beteiligten ist kein Vorwurf zu machen, „aber insgesamt betrachtet war eine Situation entstanden, die ich als völliges Wirrwarr beschreiben würde“, sagt Frerichs.

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Schließlich habe er im Mai den Finanzsenator angeschrieben, um auf die drohenden Kosten und den geringen Nutzen weiterer Behelfslösungen hinzuweisen, berichtet Frerichs. Denn schließlich seien die Provisorien nur deshalb nötig, weil die Bildungsbehörde den Startzeitpunkt für den gewünschten Ganztagsbetrieb der Schule Strom noch nicht für die kommenden Jahre festgelegt hat. Dadurch könne der eigentlich mit allen Beteiligten bereits abgestimmte Neubau nicht vor 2027 gebaut werden, hieß es noch Anfang des Jahres aus der Bildungsbehörde dazu.

Und dann ging offenbar alles ganz schnell: Unter Federführung des Finanzressorts haben sich Bildungsbehörde, Senatskanzlei, Immobilien Bremen, Sportbehörde, Landesdenkmalpflege und Landesbehindertenbeauftragter im Sommer darauf geeinigt, den Erweiterungsbau der Schule in zwei Bauabschnitten anzugehen. Das Erdgeschoss mit den Toiletten, Büros und Versammlungsraum für das Ortsamt zuerst. Später kommt dann eine weitere Etage mit Speiseraum und Klassenzimmer für die Schule obendrauf, sobald auch der Ganztagsbetrieb der Schule starten soll.

Baugenehmigung im Frühjahr

Eine Kostenrechnung und ein Zeitplan für diesen Kompromissvorschlag sind derzeit bei IB in Arbeit, heißt es von Sprecher Peter Schulz. Die Baugenehmigung solle im Frühjahr 2021 vorbereitet werden, damit die Arbeiten starten können, sobald der neue Haushalt festgelegt und das Geld aus dem Sondervermögen der Stadt freigegeben worden sind. „Für uns ist das der große Wurf, der sich von den Übergängen verabschiedet und gleich Nägel mit Köpfen macht“, sagt Peter Schulz.

Im alten Schulgebäude werde dann parallel der Brandschutz auf den neuesten Stand gebracht. Außerdem werde auch der Erweiterungsbau mit dem Altbau verbunden, sodass der neue Aufzug im Neubau gleichzeitig auch den Altbau barrierefrei zugänglich macht. „Wir hoffen, dass wir als Dienstleister nun allen geäußerten Wünschen gerecht werden können und eine gute Lösung gefunden haben“, so Schulz. Wilfried Frerichs zeigt sich ebenfalls erleichtert über den Kompromiss, der aus seiner Sicht viel Steuergeld spart: „Wenn nicht jeder nur auf seinen Bereich schaut, sondern alle an einem Tisch sitzen und ernsthaft eine Lösung wollen, klappt das auch.“

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In dieser Reihe schauen wir auf coronafreie Themen, die Bremen im vergangenen Jahr beschäftigt haben, und darauf, was aus ihnen geworden ist.

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