Netzwerk für Gesundheit in der Vahr

Armut soll nicht krank machen

Die Techniker Krankenkasse fördert Gesundheitsprojekte in der Vahr in diesem Jahr mit 30 000 Euro.
26.01.2020, 23:01
Lesedauer: 3 Min
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Armut soll nicht krank machen
Von Christian Hasemann
Armut soll nicht krank machen

Julia Törper (von links), Beiratssprecher Bernd Siegel, Dorit Andrea Lamprecht (FQZ), Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard und Susanne Klein (TKK) setzen sich für mehr Gesundheit in der Vahr ein.

PETRA STUBBE

Knapp fünf Jahre Lebenszeit – das ist die durchschnittliche Differenz in der Lebenserwartung in bürgerlichen Stadtteilen wie Schwachhausen und Horn-Lehe und den materiell eher armen Quartieren in der Vahr, Hemelingen und Osterholz. In der Vahr fördert nun die Techniker Krankenkasse mit 30 000 Euro die Gesundheitsprävention im Stadtteil. Weitere 10 000 Euro steuert der Stadtteil bei. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Familien- und Quartierszentrum (FQZ) in der August-Bebel-Allee zu.

„Gesundheit ist ein Thema, das herzlich wenig Beachtung findet, wenn es um die Zuweisung von Mitteln und Ressourcen geht“, brachte Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) die Herausforderung auf den Punkt. „Ich stelle fest, dass bei vielen Themen sofort die Ohren aufgehen, aber die Gesundheit läuft oft am Rande“, sagte die Senatorin während eines gemeinsamen Pressetermins im FQZ. Dabei stehe Gesundheit in engem Zusammenhang mit der Armutsbekämpfung. Sie sei deswegen froh über das Engagement der Krankenkasse.

„Gefördert werden sollen Mikroprojekte, zum Beispiel zum Thema Sucht, Ernährung und Bewegung“, erklärte Susanne Klein, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse, über die Zielrichtung des sogenannten Verfügungsfonds, der speziell für sozial schwache Quartiere eingerichtet wurde. Ohne Vorbedingungen sei der Geldregen allerdings nicht, betonte Susanne Klein. „Es geht darum, dass Geld da einzusetzen, wo es schon Ansätze gibt.“

Mit dem Familien- und Quartierszentrum hat die Krankenkasse offenbar den richtigen Träger gefunden. Im vergangenen Jahr gründete sich von dort ausgehend das „Netzwerk für Gesundheit in der Neuen Vahr“, in dem verschiedene Institutionen des Ortsteils vertreten sind. Zuvor hatte das FQZ über Mittel aus dem Förderprogramm Wohnen in Nachbarschaften (Win) eine Bedarfsanalyse zur Gesundheitsförderung erstellt. Drei Ziele, die sich aus dieser Erhebung ergeben haben, sind: Bessere Informationen zu bestehenden Angeboten, eine umfassende Vernetzung und neue, kostenlose Angebote zur Gesundheitsförderung im Stadtteil. Gerade das letzte Ziel lässt sich mit dem nun geschlossenen Vertrag zwischen Krankenkasse und FQZ umsetzen.

„Wir können mit dem Geld jetzt in die Breite gehen“, freut sich Dorit Andrea Lamprecht vom FQZ. Sie betonte, dass nicht alleine das FQZ beteiligt gewesen sei, sondern es von einer Begleitgruppe aus Beirat und Quartiersmanagement und der Landesvereinigung Gesundheit Bremen unterstützt worden sei. Allerdings: Das Geld steht erst mal nur für das Jahr 2020 zur Verfügung, das heißt, Angebote müssen in relativ kurzer Zeit entwickelt werden. „Wir haben bei unseren ersten Netzwerktreffen schon Überlegungen angestellt, die Vorarbeit ist also schon gemacht“, erklärte Dorit Andrea Lamprecht. Viele Ideen seien schon entwickelt worden. „Aber bisher fehlte das Geld.“

„Das Bürgerzentrum, das Mütterzentrum und die Seniorentreffs: In diese Bereiche muss man hineingehen, um gemeinsam Anträge zu formuliere,“ betonte Bernd Siegel (SPD), Beiratssprecher Vahr. Dirk Gansefort von der Landesvereinigung Niedersachsen kann sich auch Trainierausbildungen für Seniorensport oder Projekte zum Umgang mit Medien in den Schulen vorstellen. „Da herrscht in allen Schulen ein großer Bedarf.“

Armut macht krank, ist die wissenschaftlich fundierte Diagnose. Der Satz lässt sich allerdings auch umkehren und hat dann immer noch seine Gültigkeit: Krankheit macht arm. Diesen Zirkelschluss zu durchbrechen ist erklärtes Ziel der Rot-grün-roten-Koalition, die dies im Koalitionsvertrag festgehalten hat. Ein Mittel dafür sollen unter anderem interdisziplinäre Gesundheitszentren in sozial schwachen Quartieren und Gesundheitsfachkräfte in den Schulen sein.

„Wir wollen die Gesundheitszentren nach und nach realisieren“, erklärte Senatorin Bernhard auf Nachfrage zum Stand der Umsetzung. Ein anderes wichtiges Thema seien die Hebammenzentren. Die wohnortnahe Versorgung mit Hebammen sei ein Riesenproblem in der Stadt. Diese Einrichtungen sollen möglichst mit einer Sozialberatung verschränkt werden.

An der Umsetzung müssten allerdings auch weitere Ressorts wie das Bau- und Sozialressort beteiligt werden. „Das geht natürlich nicht alleine“, so Bernhard. Aus ihrer Sicht haben sich auch die Gesundheitsfachkräfte in den Schulen bewährt. „Eigentlich müssten die an vielen Stellen rein, und ich werde mich sehr dahinter klemmen, dass es dazu kommt.“ Bisher arbeitet eine Gesundheitsfachkraft in der Grundschule Paul-Singer-Straße in der Neuen Vahr Nord. Allerdings stünden all diese Vorhaben unter Vorbehalt. Sprich: Die Gesundheitssenatorin muss ihre Kollegen in den Haushaltsverhandlungen davon überzeugen, dass diese Vorhaben ihr Geld wert sind.

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