Kampf um Bauland

Behörde bremst Wohnungsbau am Bahndamm

Bauressort lehnt privaten Wohnungsbau auf Brachflächen an der Beneckendorfalle in der Vahr ab. Unterstützung gibt es durch den Stadtteilbeirat.
20.03.2020, 19:19
Lesedauer: 4 Min
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Behörde bremst Wohnungsbau am Bahndamm
Von Christian Hasemann
Behörde bremst Wohnungsbau am Bahndamm

Das kleine Gartenhaus haben die Großeltern von Marc Pfannenschmidt unmittelbar am Bahndamm gebaut. Es befindet sich im hintersten Teil des lang gezogenen Grundstücks.

STUBBE

Gartenstadt Vahr. Ungenutzt, verwildert und brachliegend: So sieht ein Teil der Grundstücke aus, die an der Beneckendorfallee in der Vahr direkt an der Bahntrasse Bremen-Hannover liegen. Einige Eigentümer würden dort gerne Reihenhäuser bauen. Das zuständige Bauressort sieht in den Grundstücken kein potenzielles Bauland. Vom Beirat Vahr erhalten die Eigentümer allerdings Unterstützung.

Marc Pfannenschmidt ist einer der Grundstückseigner. Das etwa 50 bis 60 Meter tiefe Grundstück, das im vorderen Bereich der Beneckendorfallee zwischen Müdener Straße und Neuenweg liegt, sei schon sehr lange in Familienbesitz, erzählt er. Seine Urgroßeltern hätten auf dem schmalen Stück Land gewohnt, und es später vererbt. „Meine Großeltern haben in den 1970er-Jahren sogar schon die Erschließungskosten gezahlt“, berichtet Pfannenschmidt, während er im Garten steht und seine Kinder im hinteren Bereich spielen. Damals war geplant die Straße auszubauen – ein Plan der später fallengelassen wurde. Die Erschließung allerdings, also Kanal und weitere Leitungen, kam – jedenfalls zwischen Steubenstraße und Müdener Straße.

Früher sei alles nur Grabeland gewesen, sagt Marc Pfannenschmidt. Grabeland ist nach dem Sinne des Bundeskleingartengesetzes kein Kleingarten, sondern ein Stück Land, das nur mit einjährigen Pflanzen bepflanzt werden darf. In der Regel sind diese von der Deutschen Bahn verpachtet. In diesem Fall aber ist das Land im Eigentum von Privatbesitzern. Die Nutzung und das Wohnen war nur geduldet – ähnlich wie bei den Kaisenhäusern. Richtig eindeutig geklärt wurde der Status der Grundstücke bis zuletzt allerdings nie.

„Jahrzehntelang hat man uns in Ruhe gelassen“, sagt Pfannenschmidt, der mit seiner Familie in Osterholz wohnt. „Schon meine Großeltern wollten hier bauen, es gab sogar schon Bauzeichnungen.“ Die jahrelange Diskussion, ob der Ausbau der Beneckendorfallee zu einer Verbindungsstraße kommt, habe dann dazu geführt, dass die Großeltern an anderer Stelle ein Haus gebaut haben.

2015 kam es zu einer Änderung des Flächennutzungsplans. „Da haben wir dann mit der Behörde angefangen zu streiten, was das hier eigentlich ist“, sagt Pfannenschmidt. Zunächst habe die Behörde versucht die Grundstücke dem Bebauungsplan des Kleingärtnervereins Feldmark Hastedt zuzuschlagen. Dagegen habe er Widerspruch eingelegt. „Dann haben wir zwei Jahre gar nichts mehr gehört und dann sollten wir ein ‚Kleingarten im Außenbereich‘ sein.“ Aber auch das träfe auf die Grundstücke nicht zu, meint Pfannenschmidt. „Wir haben hier ja einzelne Grundstücke.“ Schließlich mutierten die Grundstücke per Federstrich im Ressort, so seine Darstellung, zu Dauerkleingärten im Außenbereich. Nach dem Bundeskleingartengesetz treffe aber auch das nicht zu, sagt Pfannenschmidt, denn die Grundstücke würden eben gerade nicht durch Verpachtung von Kleingärtnern bewirtschaftet werden. Pfannenschmidt antwortete mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Gut zu sprechen ist Pfannenschmidt auf die Verwaltung nach dem jahrelangen Hin und Her nicht. Ihm und den anderen Eigentümern schwebe die Aufstellung eines Bebauungsplans und eine Änderung des Flächennutzungsplans vor. Das wäre die notwendige gesetzliche Grundlage für eine Bebauung. Damit würde eher günstiges Grünland zu ungleich wertvolleren Bauland – zudem noch in einer gefragten Wohngegend mit einer Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

Eineinhalb Etagen zur Beneckendorfallee, zwei zur Bahnlinie, möglichst altersgerecht. So stellt sich Pfannenschmidt eine Bebauung mit schmalen Reihenhäusern vor. „Das Problem ist, dass die Eigentümer hier nicht mehr die jüngsten sind. Sie würden gerne bauen oder verkaufen, aber nicht zu dem Preis.“ Die Folge sei, dass auf vielen Grundstücken nur noch das Nötigste getan werde.

Sein Nachbar Michael Göllner, der im Blaumann nebenan im Garten werkelt, pflichtet Pfannenschmidt bei. Er habe sein Grundstück Anfang der 90er-Jahre gekauft. „Unsere Tochter ist ausgezogen und nun ist unser Haus eigentlich zu groß. Eigentlich können wir uns voreinander verstecken“, schmunzelt er. „Es wäre schön, wenn wir hier altersgerecht und modern bauen könnten und so auch die Nachbarn hier behalten könnten“, sagt Göllner. Er habe noch Hoffnung, dass es dazu kommen werde.

Pfannenschmidt hat in den vergangenen Jahren nicht aufgegeben. Er hat eine Petition bei der Bremischen Bürgerschaft gestartet. „Dann gab es hier eine Ortsbegehung, da haben einige festgestellt, dass die Grundstücke doch recht tief sind.“ Denn eines der Argumente, die gegen eine Bebauung sprechen, ist die Nähe zur Bahnlinie und der damit verbundene Lärm. Für Pfannenschmidt ein Argument, das nicht verfängt. „Es gibt technische Möglichkeiten für den Schallschutz und an anderer Stelle in der Stadt baut man ja noch näher an den Bahnlinien.“

Tatsächlich gibt es Beispiele aus dem Stadtgebiet, wo eine Neubebauung an Bahngleisen möglich war: An der Hemelinger Rampe stehen neu gebaute Wohnhäuser kaum zehn Meter von der Bahnlinie nach Osnabrück entfernt das Bauprojekt „Münchener Bogen“ in Findorff von Justus Grosse, liegt ebenfalls unmittelbar an einer Bahntrasse. Der Petitionsausschuss hat zuletzt noch auf eine Stellungnahme aus dem Beirat Vahr gewartet. Diese kam Mitte März auf der vorerst letzten öffentlichen Sitzung des Bau- und Verkehrsausschuss. Dort hatten sich die Ausschussmitglieder einstimmig für das Ansinnen Pfannenschmidts ausgesprochen. Tim Haga (CDU), Sprecher des Ausschusses: „Der Bauausschuss hat sich so positioniert, dass wir den Petenten unterstützen.“ Ihm persönlich sei es unverständlich, dass die Behörde abwiegele, wenn Privatleute bauen wollten. „Bei großen Investoren ist man schnell mit einer Bauplanänderung dabei“, sagt Haga. Er sehe da eine Ungleichbehandlung. „Einfamilienhäuser wären außerdem das, was uns in der Vahr fehlt. Auch deswegen würden wir das gerne ermöglichen.“

Auf Nachfrage erklärt die zuständige Baubehörde, dass der Flächennutzungsplan in dem Gebiet einen stadtweit bedeutenden Grünzug sowie Kleingärten vorsehe. Daneben stehen einer Änderung des Bebauungsplans und der Flächennutzungsplans auch praktische Aspekte, wie der Bahnlärm und elektromagnetische Felder entgegen.

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