Nahversorgungskonzept für die Vahr

Berliner Freiheit bleibt Stadtteilzentrum

Der Stadtteil-Beirat möchte den Wochenmarkt auf dem Marktplatz beim Einkaufszentrum stärken.
19.02.2020, 23:00
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Berliner Freiheit bleibt Stadtteilzentrum
Von Christian Hasemann

Es ist und bleibt das Zentrum des Stadtteils: Das Einkaufszentrum Berliner Freiheit mit dem Bürgerzentrum Neue Vahr behält auch im neuen Zentren- und Nahversorgungskonzept, das im Beirat Vahr vorgestellt wurde, seine herausragende Stellung für den Stadtteil. Ein möglicher Konkurrenzstandort am Rande des Stadtteils wird dagegen gestutzt, um das Einkaufszentrum nicht zu gefährden.

Dem einen oder anderen Beiratsmitglied dämmerte wohl schon vor der Sitzung, das mit dem neuen Nahversorgungskonzept ein schwer zu fassendes Werk auf ihn zukommt. Die knapp 400 Seiten bringen nicht nur tatsächlich ordentlich Gewicht auf die Waage, sondern sind auch inhaltlich schwere Kost: Abkürzungen und Analysen, Zahlenreihen und Begriffe, wie sie nur das beste Verwaltungsdeutsch gebären können. Immerhin gelang es Jan Dierk Stolle, Verantwortlicher bei der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Stadtentwicklung, die wesentlichen Punkte für die Vahr verständlich zusammenzufassen.

„Die Anzahl der Betriebe ist nur ganz geringfügig zurückgegangen, wie auch die Verkaufsfläche“, so der Gesamtüberblick zur Vahr. Das Sortimentsangebot sei durchschnittlich bis unterdurchschnittlich. Einen kleineren Bedarf gebe es bei Drogerieartikeln. „Die Berliner Freiheit ist und soll das Stadtteilzentrum bleiben“, fasste Dierk Stolle die Empfehlungen des Konzepts zusammen. „Die Berliner Freiheit hat außerdem einen sehr guten Wochenmarkt, den man auch nicht überall hat.“ Insgesamt sei das Einkaufszentrum allerdings eher funktional. „Man schlendert nicht so herum, wie in der Pappelstraße in der Neustadt oder im Viertel.“ Es gebe aber kaum Leerstände, dafür große „Magnetbetriebe“ mit den Supermärkten und kleinere Geschäfte, die von den großen Betrieben profitierten. Ziel müsse es sein, diese Magnetbetriebe zu erhalten und zu stärken. Städtebaulich könnte man versuchen, die Umgebung noch aufzuwerten.

Die Analyse ergibt außerdem, dass die Bewohner der Vahr, bis auf einen kleinen Bereich in der westlichen Gartenstadt, Nahversorger, also Geschäfte mit Artikeln des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Drogerieartikel, zu Fuß erreichen können. Diese Fußläufigkeit ist erklärtes Ziel. „Eine Stadt der kurzen Wege“, drückte es Dierk Stolle aus.

Das Nahversorgungskonzept stellt allerdings kein Instrumentarium zur Steuerung dar. Zum einen haben bestehende Läden Bestandsschutz, zum anderen kann das Konzept keine privatwirtschaftliche Investitionen lenken. „Aber Investoren schauen sich das schon genauer an, um zu gucken, wo es Lücken in der Versorgung gibt“, erklärte Dierk Stolle. Anders hingegen sieht es bei möglichen Erweiterungen oder bei Neubauten in neuen Quartieren aus. Dort könne die Stadt auf Grundlage des Nahversorungskonzepts in die Bauleitplanung eingreifen.

Ein konkreter Fall ist der Real-Markt an der Vahrer Straße. Der liegt nun zwar im im Stadtteil Hemelingen, aber die Angebotspalette wirkt sich auch auf die Berliner Freiheit aus. Bisher fiel dem Gelände der Status eines Sonderzentrums zu. Das heißt, dass dort zum Beispiel die Ansiedlung von Baumärkten möglich gewesen wäre. Nach dem neuen Konzept entfällt dieser Status. Künftig wird das Gelände nur noch als Nahversorgungsgebiet eingestuft. Damit sind dort künftig nur Lebensmittel- und Drogeriemärkte möglich, die die definierten Stadtteilzentren Berliner Freiheit und die Hemelinger Bahnhofstraße nicht gefährden. „Das ist ein Standort, der auf keinen Fall Konkurrenz zur Berliner Freiheit oder zur Bahnhofstraße sein soll", so Stolle.

Auf Nachfrage bestätigte Dierk Stolle, dass der Status als Nahversorungszentrum einer möglichen Wohnbebauung auf dem Gesamtgelände samt eines Supermarktes nicht im Wege stünde. Hintergrund der Frage war die Zerschlagung der Real-Kette und die gestoppte Bebauung der Galopprennbahn. In Hemelingen und in der Vahr sehen viele Stadtteilpolitiker gerne eine Entwicklung auf dem Real-Gelände, ehemals Produktionsstandort des Schokoladenherstellers Cadbury. Tatsächlich sind die Parkplatzflächen überdimensioniert und die alte Fabrikhalle eher abgängig. Zugleich trennt das Gelände den Ortsteil Sebaldsbrück von der Vahr. Derzeit ist allerdings noch unklar, wie es mit dem Supermarkt an der Vahrer Straße weitergeht.

Unklar ist außerdem die Zukunft des Wochenmarkts an der Berliner Freiheit, den die Beiratsmitglieder als wichtiges Element für das Einkaufszentrum ausmachten. „Es besteht die Gefahr, dass der Grünmark eingeht“, mahnte Ortsamtsleiterin Karin Mathes. Dieser sei Frequenzbringer für die Berliner Freiheit und „Dreh- und Angelpunkt, um die Berliner Freiheit zu erhalten“.

Jens Emigholz (FDP) plädierte dafür, mit allen Beteiligten ins Gespräch zu gehen. „Eigentlich müssten die Grundstückseigentümer, der Bremer Großmarkt als Betreiber und das Centermanagement an einen Tisch gebracht werden.“ Es liege einiges im Argen, zum Beispiel das Pflaster. „Da wird, wenn sie mit dem Rollator da lang fahren, aus der Milch Sahne“, wie Emigholz süffisant anmerkte.

Markus Haacke von der Senatorin für Wirtschaft und Arbeit, der an dem Konzept mitgearbeitet hat, war seine Skepsis anzumerken. „Es gibt sicherlich Möglichkeiten der Steuerung, aber in ganz vielen Stadtteilen haben wir keine Märkte mehr. Wenn sie einmal tot sind, können sie die auch nicht mehr wiederbeleben.“ Märkte seien leider ein Auslaufmodell.

Hermann Assmann (Die Partei) nannte die Markthalle Acht und den Findorffer Mark als funktionierende Beispiele. „Dort habe ich ein Flaniergefühl, trinke einen Kaffee für 4,50 Euro in einer sehr kleinen Tasse, den ich sonst nicht trinken würde.“ Für eine Belebung könnten zum Beispiel kleine kulturelle und musikalische Vorführungen sorgen.

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