Wie ein Dialog auf dem Marktplatz

Schrittweise die Demokratie entdecken

Die "Step by Step"-Wanderausstellung wurde von jungen Menschen aus der Vahr entwickelt. Sie lädt jetzt im Bürgerzentrum Neue Vahr zum Mitmachen ein und soll durchs Land wandern.
25.07.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Margot Müller
Schrittweise die Demokratie entdecken

Levin (links) und Tom drehen an dem Mutprobenrad, das durchaus auch humorvolle Aspekte hat und bei dem Punkt, eine komplett neue Frisur machen zu lassen stehen bleibt. Dafür sind die Haare bei beiden zu kurz – aber zum Nachdenken regt es durchaus an.

PETRA STUBBE

Endlich gibt es wieder eine öffentliche Ausstellung im Saal des Bürgerzentrums an der Berliner Freiheit, und diese wurde jüngst feierlich eröffnet. Eine Wohltat nach der langen Entbehrungszeit durch die Corona-Pandemie. Entsprechend gut gelaunt präsentierten die Beteiligten ihr Projekt “Demokratie! Step by Step”, gestaltet von jungen Menschen aus der Vahr.

In monatelanger Arbeit haben sie mit Workshops und Interviews mehr als 20 Exponate und Mitmachstationen entwickelt, an denen Besucher wichtige Werte der Demokratie selbst erfassen können.

„Wir wollen mehr Aufmerksamkeit für Demokratie“, erklärt Martin Ploghöft, Geschäftsführer des Bürgerzentrums, der die Ausstellung mit entwickelt hat. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage zeige zunehmend extremistische Tendenzen. Draußen vor dem Bürgerzentrum begrüßte Ploghöft zahlreiche Gäste zu der offiziellen Eröffnung. Dazu spielte das „Damascus String Quintet“ mit seinen Streichinstrumenten auf.

Aufgebaut wie ein Marktplatz

Konzipiert wurde die Wanderausstellung unter der Federführung von Saher Khanaqa-Kükelhahn und Alexander Steding. Sie stellten sich gemeinsam mit ihrem Team aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Wirtschaft, Design, Theater und Journalismus vor. „Wir laden jeden ein, sich hier mit den eigenen Werten und Prinzipien auseinanderzusetzen. Die Voraussetzungen für eine Demokratie, nämlich Neugier, Toleranz und Achtsamkeit stehen für uns im Vordergrund“, sagte Projektleiterin Khanaqa-Kükelhahn. Das Projekt wird vom Bundesamt für Migration und aus EU-Mitteln finanziert, denn es geht hier um politische Bildung und Integrationsarbeit. Zuwanderer könnten sich dabei nachbarschaftlich in ihrer neuen Heimat engagieren, politische und soziale Probleme mit anpacken. Förderung gibt es auch aus weiteren Töpfen, und die Wohnungsbaugesellschaft Gewoba ist als Sponsor dabei. Allein die zahlreichen Förderanträge zu schreiben, das sei wie eine Diplomarbeit für das Team gewesen, sagt die Projektleiterin.

Dadurch ist ein innovatives Konzept entstanden, aufgebaut wie ein Marktplatz. Den Rahmen der Ausstellung bilden Länderstationen, in denen Teilnehmende in kurzen Filmen das politische Leben in ihren Herkunftsländern und persönliche Erlebnisse vorstellen. In interaktiven Interviews berichten zudem Bremerinnen und Angehörige aus Drittstaaten außerhalb Europas über ihre Haltung zur Demokratie. „Ich habe keine Angst in Deutschland“, sagt zum Beispiel die gebürtige Iranerin, die vor 34 Jahren als politisch Verfolgte aus ihrer Heimat geflohen ist und heute in der Vahr in Bremen lebt.

Auch Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) war zur Eröffnung gekommen. „Demokratie ist ein Ideal und oft unerreichbar“, sagte er und dankte im Namen des Senats ausdrücklich für die Initiative zu dieser Wanderausstellung. Die Demokratie brauche Menschen, die sich jeden Tag friedlich und pluralistisch engagierten und dieses Projekt trage dazu bei. „Dafür könnte es in Bremen keinen besseren Ort geben, als hier im Bürgerzentrum Vahr“, lobte der Bürgermeister unter großem Beifall.

Nach einem Grußwort von Gewoba-Prokurist Manfred Corbach gab es noch einen Auftritt von Fadi und Mohamed. Die Tänzer aus Syrien zeigten eine Performance über die Rechte und sexuelle Selbstbestimmung der Frauen, unterstützt mit Texten von Saher Khanaqa-Kükelhahn.

Demokratieräume und Dialog

Mit der Ausstellung „Demokratie! Step by Step“ können nun viele Besucher die Kraft der Demokratie erleben. Zielgruppen sind auch Schulklassen und Gruppen. Auf der „Eintrittskarte“, die durch die Exponate führt, sind zehn bunte Puzzleteile zusammengefügt. Mit Stichworten wie Respekt, Selbstkritik oder Verantwortungsbereitschaft wandern Besucher durch die aufgestellten Tafeln.

Unter den Headlines „Ich darf sagen, was ich will!“ , „Deine Meinung ist wichtig!“ oder „Wir achten aufeinander“ sind Texte und Illustrationen zu sehen. Es gibt ein sogenanntes „Mutproben-Rad“ und die Stelltafel „Selbstbewusstsein“ ist mit einem Spiegel ausgestattet. Mittendrin ist auch ein „Runder Tisch der Demokratie zu finden“. Dort kann man am Koalitionsspiel teilnehmen, um mit verschiedenen Parteien gemeinsam ein Problem zu lösen.

Extra für das Projekt geschulte Ausstellungslotsen begleiten Besucher durch die Ausstellung. Sie stoßen Diskussionen über Menschenrechte und Gewaltenteilung, über Rassismus und religiösen Extremismus an. Auf der Eintrittskarte können Besucher schließlich einen eigenen Beitrag zur Demokratie in Deutschland eintragen, um sie mit Namen und Adresse abzugeben.

Eigene Website im Internet

Auf der eigens eingerichteten Internetseite „demokratie-step-by-step.de“ sind alle Argumente und Hintergründe der Ausstellung nachzulesen. „Demokratie kann nur funktionieren, wenn wir in einem beständigen Austausch miteinander sind“, heißt es dort. Ein wichtiges Ziel der Ausstellung ist die Vernetzung zwischen gebürtigen Deutschen und Zugewanderten. „Wir wollen eine Kultur der anerkennenden Auseinandersetzung pflegen“, betont Projektleiterin Khanaqa-Kükelhahn. Die Arbeit mit jungen Menschen und die davon ausgehenden Impulse seien ihr besonders wichtig.

Info

Die Ausstellung im Bürgerzentrum Neue Vahr, Berliner Freiheit 10, ist montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Später wird das Projekt in verschiedenen Bremer Stadtteilschulen und Bürgerhäusern zu sehen sein. Anschließend wird sie weiteren deutschen Städten zur Verfügung gestellt und in Berlin zu erleben sein.

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