Dank einer Spende

Aus Originalen werden Unikate

Kartons voller Kleidung stapelt sich. Daraus will eine Nähwerkstatt in einem Upcycling-Projekt im Bürgerzentrum Neue Vahr Neues herstellen – und verbindet so Integration mit Kreativität.
22.06.2020, 06:06
Lesedauer: 3 Min
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Von Silja Weißer

Neue Vahr. Der kleine Kellerraum im Bürgerzentrum Neue Vahr ist rappelvoll. Kleiderständer, Kartons Klamotten, wo man nur hinsieht. Hier lagern die Rohstoffe für ein Upcycling-Projekt, bei dem überschüssige Textilien zum Einsatz kommen. Aus dem reichen Fundus schöpft die Nähwerkstatt des Integrationsprogramms „Face-to-Face“, gefördert vom Europäischen Sozialfonds (ESF).

Seit Januar 2019 laufen im Rahmen des Programms Beschäftigungsangebote, um die Sprachkenntnisse von Migrantinnen und Migranten und Geflüchteten ab 18 Jahren zu stärken. In verschiedenen Werkstätten geht es um Theater, Lesen, Foto, Film und Gesang, vor allem aber um das Erlernen der deutschen Sprache.

Nun werden die Nähmaschinen aus dem Schrank geholt, von denen Projektleiterin ­Saher Khanaqa-Kükelhahn aus den Überschüssen anderer Projekte ein paar hochwertige Exemplare für das Bürgerzentrum Neue Vahr anschaffen konnte. Doch bemerkenswerter als die Maschinen ist das Material. Ein Blick in die Kartons lässt Staunen. Nigelnagelneue Sachen, ungetragene Blusen, Hemden, an denen noch die Etiketten baumeln und Mäntel, die nie jemand getragen hat, stehen zur Weiterverarbeitung bereit. Sie stammen vom Modeunternehmen Zero. „Anfangs brauchte ich Kostüme für unsere Theatergruppe“, erzählt Khanaqa-Kükelhahn. „Da habe ich bei Zero angerufen und gefragt, was sie mit Sachen machen, die zurückgeschickt werden“, berichtet sie wie unkompliziert die Kontaktaufnahme war. Vier Kartons konnte sie gleich nach dem ersten Gespräch mitnehmen, gefüllt mit tipptopp erhaltenen Mustern und Rückläufen, unverkaufte Stücke aus dem Einzel- und Onlinehandel, die normalerweise im Schredder landen. Die Mitarbeiterinnen aus dem Zero-Lager wären begeistert gewesen, dass die Stoffe eine zweite Verwendung finden, erzählt die Projektleiterin. Es dauerte nicht lange und die Idee, Kleidung für eine zweite Verwendung umzunähen war geboren und nach Rücksprache mit dem ESF auch finanziert.

Für die Näherinnen im Alter von 25 bis Ende 50 Jahre bietet das eigens eingerichtete Atelier im lichtdurchfluteten Anbau des Bürgerzentrums eine optimale Arbeitsatmosphäre. Hier können die 13 Teilnehmerinnen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Gambia, der Türkei und dem Sudan nicht nur produktiv, sondern auch kreativ werden. Denn das müssen sie. Zeros einzige Auflage bei den Spenden, so musste es Khanaqa-Kükelhahn unterschreiben, lautet, dass keine Originale weitergegeben werden dürfen. Die Projektleiterin nahm daraufhin ehrenamtliche Studentinnen aus dem Designbereich und zwei Schneiderinnen mit ins Team auf. Mit Hilfe der Profis sollen nun etwa aus Mänteln Taschen genäht werden, T-Shirts mit Batik-Technik einen neuen Look bekommen oder Hemden mit russischen oder afghanischen Ornamenten versehen werden.

Die fertigen Produkte der Face-to-Face-Werkstatt werden im Dezember auf einem Basar zu sehen sein. Jedes für sich ist ein Unikat. Jeder Besucher darf sich ein Teil aussuchen und zu Weihnachten schenken lassen. „Wir packen es ein und verschicken es“, kündigt Khanaqa-Kükelhahn an.

Noch aber sortieren die Helferinnen die Waren, hängen Blusen nebeneinander, stapeln T-Shirts und falten Hemden. Jedes Original wird nummeriert und fotografiert, um am Ende eine Vorher-Nachher-Dokumentation auf der Internetseite zu präsentieren, plant die Projektleiterin. Ab dem 1. August rattern dann die Maschinen. Von dort an wird auch wöchentlich ein Upcycling-Café stattfinden. Einmal pro Woche können sich nähfreudige Besucherinnen und Besucher von 14 bis 18 Uhr bei einer Tasse Kaffee von einer Schneiderin Tipps für eine Wiederverwertung von Textilien holen. „Das wird keine Änderungsschneiderei, sondern ist ein Forum für Upcycling-Ideen“, stellt die Projektleiterin klar.

Für die Teilnehmerinnen der Face-to-Face-Gruppe bedeutet die Arbeit mehr als ein ökologischer Umgang mit gebrauchter Kleidung. „Sprachangst abbauen und das Gefühl zu haben, den Mitmenschen im Stadtteil etwas zurückgeben zu können, ist etwas ganz Wichtiges für die Frauen“, weiß Khanaqa-Kükelhahn. Sie selbst ist als 17-Jährige aus dem Irak nach Deutschland gekommen, hat es mit viel Fleiß bis zum Abitur geschafft und kann ein abgeschlossenes Studium der Psychologie vorweisen. Sprache über kreative Projekte zu erlernen, ermögliche zudem, das Selbstbewusstsein zu stärken und Kompetenzen zu ermitteln, führt sie aus. Auch Vorurteile gegenüber anderen Nationalitäten würden auf diese Weise abgebaut. „Beim Nähen und Kreativsein, sind alle gleich, egal, aus welchem Land sie kommen.“

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