Veränderter Alltag in der Vahr

„Es gibt zahlreiche Netzwerke, in denen fachkundige Arbeit gemacht wird“

Vahrer Ortsamtsleiterin Karin Mathes macht auf die prekäre Lage von Sozial- und Pflegediensten aufmerksam.
06.04.2020, 05:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
„Es gibt zahlreiche Netzwerke, in denen fachkundige Arbeit gemacht wird“

Karin Mathes ruft dazu auf, auch in der Corona-Krise auf die Hilfsangebote der professionellen Dienste zurückzugreifen. Denen liefen derzeit die Kunden weg, so Mathes.

PETRA STUBBE

Strikte Kontakteinschränkungen und keine Besuche in Seniorenheimen – ältere Menschen trifft die Corona-Krise besonders hart. „Derzeit gibt es keine Angebote für Senioren, alle Häuser sind geschlossen“, sagt Inka Kusen, Vorsitzende der Vahrer Löwen, dem ehrenamtlichen Verein in der Vahr, der aufsuchende Seniorenarbeit betreibt und das nachbarschaftliche Miteinander fördert. „Dennoch halten wir natürlich viel Kontakt untereinander und pflegen ihn ausgiebig“, sagt die Vereinsvorsitzende.

Besonders wichtig sei in diesen Zeiten das Telefon, „und zwar in beiden Richtungen“, sagt Inka Kusen: „Mitarbeiter der Vahrer Löwen rufen ältere Menschen an, aber diese werden auch selber aktiv und führen Gespräche mit unseren Leuten.“ Inzwischen habe sich ein solides und weit verzweigtes Netzwerk entwickelt, mit dessen Hilfe sich viele ältere Leute auch untereinander kennengelernt haben und sich nun gegenseitig anrufen. „Viele Kontakte haben sich verselbstständigt“, sagt Inka Kusen, „was ja auch immer die Intention unseres Vereins war.“ Denn der direkte Kontakt, bei dem sonst Mitarbeiter der Vahrer Löwen mit Senioren Spiele gespielt oder Spaziergänge gemacht haben, fällt derzeit natürlich flach – handelt es sich bei älteren Menschen doch um Hochrisikopatienten, die bei einer Corona-Erkrankung besonders gefährdet wären. Die Krise sei jedoch auch Anlass, sich auf alte Tugenden zu besinnen: Briefe und kleine Kärtchen zu schreiben, die auf traditionelle Weise im Briefkasten landen, so Inka Kusen.

Die Vahrer Löwen machen zwar auch Einkaufshilfe für Senioren, doch diese werde zentral über die Heilig-Geist-Kirche in der Vahr sowie über das Bürgerzentrum Vahr gesteuert. „Die Einkaufshilfe wird aber gar nicht so sehr nachgefragt“, sagt Inka Kusen, „denn viele Leute wollen gern selber einkaufen, um von Zeit zu Zeit auch mal aus den eigenen vier Wänden herauszukommen.“ Die Tafel in der Vahr habe weiterhin geöffnet und werde von vielen genutzt, wobei natürlich der Mindestabstand in der Schlange eingehalten werden muss.

„Man trifft unter den Senioren in dieser Krisenzeit auf viel Besonnenheit und Vernunft“, sagt Inka Kusen, „es ist viel Solidarität untereinander entstanden.“ Dabei haben sich viele auch an alte Freundschaften und Bekanntschaften erinnert und neue Kontakte sind plötzlich entstanden: „Eine ältere Frau hat mir erzählt, dass ihre Nachbarin plötzlich bei ihr geklingelt habe und fragte, ob sie für mich einkaufen gehen soll“, berichtet Inka Kusen, „und viele Fernkontakte, die lange inaktiv waren, sind über das Telefon wieder neu belebt worden.“

Karin Mathes, Leiterin des Ortsamts Schwachhausen/Vahr, weist darauf hin, dass es neben den ehrenamtlichen Hilfsangeboten, die wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, auch viel professionelle Hilfe gibt. Sei es von Organisationen wie der Caritas, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband oder den Sozial- und Pflegediensten. „Dort wird beklagt, dass ihnen die Kunden weglaufen“, sagt Karin Mathes, „weil viele Angst vor einer Corona-Infektion haben und nicht mehr besucht werden wollen.“ So müsse zum Beispiel der Mobile Sozial- und Pflegedienst Vacances feststellen, dass er sich inzwischen in einer sehr schwierigen und ungewissen Lage befinde. „Es gibt zahlreiche schon bestehende Netzwerke, in denen Vertrauen herrscht und fachkundige Arbeit gemacht wird. Und dort besteht auch keine Gefahr, dass jemand die Situation für sich ausnutzt. Man sollte nicht alles auf die Ehrenamtschiene bringen, sondern auf die bestehenden Strukturen zurückgreifen, damit die professionellen Dienste nicht zugrunde gehen“, sagt Karin Mathes. Die derzeitigen Einschränkungen betreffen natürlich auch jüngere Menschen und Kinder, die viele Sozialangebote genutzt haben. Derzeit sind jedoch auch das Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord und das Bürgerzentrum Vahr geschlossen, was aber nicht heißt, das dort gar nichts mehr läuft: „Ich finde es klasse, dass zum Beispiel das Bürgerzentrum so schnell mit alternativen Angeboten reagiert hat. Dort gibt es viele Kreativangebote für Kinder und Jugendliche“, sagt Karin Mathes.

Unter dem Motto „Wir bleiben zu Hause“ finden junge Leute und Kinder, wie auch Erwachsene auf der Homepage Anleitungen, um den Tag mit sinnvollem Tun zu füllen. Zum Beispiel mit Basteln: Es gibt Anregungen für selbst gemachte Schlüsselanhänger, Spardosen oder Schilder, um damit Ordnerrücken zu bekleben. Auch eine Murmelbahn, Knetseife, Eierbecher oder Futterhäuschen für Vögel kann man nachmachen. Darüber hinaus gibt es Rezepte für kleine Snacks wie Popcorn oder Schoko-Crossies.

Nicht zuletzt hat sich auch der Arbeitsalltag einer Ortsamtsleiterin in Corona-Zeiten verändert. Doch dem lassen sich auch gute Seiten abgewinnen: „Es gibt keine Außentermine und keine Sitzungen, sondern fast nur noch Telefonate. Ich habe endlich mal einen normalen Büroalltag ohne die stressigen Abendtermine“, sagt Karin Mathes. Unter den Senioren wünschen sich dennoch viele, dass diese Zeit hoffentlich bald vorbei ist, so Inka Kusen. Sie möchte ältere Menschen dazu animieren, zuhause möglichst aktiv zu werden. „Ich bin jedenfalls sehr neugierig, mit welchen Ideen die Leute wieder zusammenkommen, wenn die Kontaktsperren aufgehoben sind: Welche Rezepte haben sie ausprobiert? Was haben sie gestrickt oder gebastelt? Da ist auf jeden Fall viel Neues entstanden.“

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