Neues Leben im Gotteshaus

"Das geistliche Element bleibt erhalten"

Christoph Buße sieht das Konzept des Marktplatzes der Begegnung in der Bremer Heilig-Geist-Kirche aufgegangen.
19.08.2018, 17:28
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Silja Weißer
"Das geistliche Element bleibt erhalten"

Galina Kropp (links) und Olga Satler mit Danilo und Livio finden Gut Erhaltenes in der Heilig-Geist-Kirche.

fotos: PETRA STUBBE

Gelegenheiten zum Schnäppchen-Jagen, Stöbern oder einfach nur zum Treffen und Kaffee trinken, die gibt es seit Mai auf dem „Marktplatz der Begegnung“ in der Heilig-Geist-Kirche in der Vahr. Ideengeber Christoph Buße, Diplompädagoge und diakonischer Mitarbeiter, zieht nach einem Vierteljahr eine durchweg positive Zwischenbilanz des bremenweit einzigartigen Projektes. Ein Jahr lang tüftelte er an der Umsetzung seiner Vision, das Gotteshaus an der August-Bebel-Allee in einen Secondhand-Basar umzufunktionieren, auf 270 Quadratmetern, mit Sitzgruppen zum Klönen und einer Spielecke für Kinder. „Das geistliche Element bleibt dabei erhalten“, betont er. Andachten werden, wenn auch wenige, noch gehalten. Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten finden in der Christuskirche statt, die sich vor zwölf Jahren mit der Dreifaltigkeitskirche und der Heilig-Geist-Kirche zur Evangelischen Kirchengemeinde in der Neuen Vahr zusammengeschlossen hat.

Das Konzept des Marktplatzes ist aufgegangen. An fünf Tagen in der Woche stehen schon vor der Öffnung Gruppen von Wartenden, zumeist Frauen mit Kindern aus der Vahr, die gegen eine kleine Spende auf der Suche nach Kleidung, Spielzeug, Haushaltsgegenständen oder Büchern sind. Über die Menge an Besuchern kann sich Buße nicht beklagen, nur darüber, dass sich das Angebot noch mehr in anderen Stadtteilen herumsprechen müsste. „Ich wünsche mir, dass Studenten und junge Leute mit schmalem Geldbeutel oder auch einfach nur Interessierte aus ganz Bremen dazustoßen.“ Denn nicht nur der Flohmarkt-Charakter präge den Marktplatz, sondern vor allem der Austausch der Besucher untereinander, das lockere Gespräch, der Plausch beim Stöbern. Die Empore mit den Lounge-Ecken hätten Kinder bereits für sich entdeckt, freut sich Buße, und auch das ein oder andere Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräch habe er schon beobachtet.

Der Erlös, der für soziale Zwecke wie für den Mittagstisch „Mahlzeit“ und die Schuldnerberatung der Inneren Mission gedacht ist, beläuft sich auf täglich rund 150 Euro. Etwa dieselbe Summe hätten die Einnahmen aus dem nun in der Heilig-Geist-Kirche zusammengefasstem Fast-umsonst-Laden mit Haushaltsgegenständen, der Kinderkleiderkammer von Mahlzeit sowie der Erwachsenenkleiderkammer ergeben.

An Spenden fehlt es zurzeit nicht. Einzig benötigt würden stets Herren- und Kinderkleidung. Von 23 voll gehängten Kleiderständern sei nur einer für Männergarderobe. Besonders angetan ist Buße von den gut erhaltenen, zum Teil sogar zusammengefalteten und gewaschenen Sachen, die von den zehn ehrenamtlichen Helfern ohne zusätzlichen Aufwand in die Regale sortiert werden können.

Weitere Helfer gesucht

Den größten Bedarf sieht der Organisator an weiteren Helfern. „Wir können locker noch zehn weitere Ehrenamtliche für das Sortieren und Verkaufen gebrauchen“, ruft er zur Mithilfe auf. Da ein Helfer, der ein Freiwilliges soziales Jahr (FSJ) absolvieren wollte, kurzfristig abgesprungen ist, fehle auch dessen Unterstützung. „Wir suchen dringend einen neuen FSJ-ler, der neben dem Sozialkaufhaus einen umfassenden Einblick in die Gemeindearbeit bekommt“, sagt Buße.

Außer vielen kleineren Gegenständen, Vasen, Pfannen, Töpfen, finden sich auch skurrile Objekte unter den Spenden, wie ein Satz gut erhaltener Winterreifen, der sofort einen Abnehmer fand. Nicht selten fährt Buße selbst los, um Spenden von älteren Menschen, die nicht mehr so mobil sind oder größere Gegenstände abzuholen. So etwa eine Gartentisch-Garnitur, die nach einer Aufräumaktion auf einem Balkon verschenkt wurde. Die Geschirrspülmaschine jüngst transportierte jedoch eine Frau eigenhändig auf einer Sackkarre bis in die Kirche. „Das ist schon beeindruckend, was die Leute alles auf sich nehmen, um Gutes zu tun“, sagt Buße begeistert über so viel Einsatz.

Regelmäßig auf Schnäppchen-Jagd ist Olga Satler. Der Sonntag sei für sie und ihre Kinder Danilo, Livio und Valentin ein fester Termin hier in der Kirche. „Ich werde oft gefragt, wie ich mir all die schönen Sachen leisten kann“, erzählt die Dreifachmutter, die nicht selten Designer-Kleidung in den Regalen und an den Ständern findet. Sie zeigt auf ihre Sweatjacke, die sie jüngst im Gotteshaus für sich entdeckt hat. „Nicht nur die Kinder, auch ich profitiere von dem günstigen Angebot.“ Sie lächelt und nickt Galina Kropp zu, die sich mit einer Tasche voller Kleidungsstücke neben sie gesetzt hat. „Ich komme gerne hierher“, schwärmt diese. Man finde immer etwas.

Damit die Besucher die Sachen gleich anprobieren können, hat Buße in der Mitte des Saals eine Umkleidekabine mit einem großen Spiegel aufstellen lassen. Der Ideengeber will noch weiter an dem Projekt tüfteln. Denkbar sei zum Beispiel eine Nähmaschinen-Station, an der beschädigte Kleiderspenden zu Beuteln und Taschen verarbeitet werden könnten. „Ich möchte langfristig weg von den Plastikeinkaufstaschen“, wünscht sich Buße, der auf Nachhaltigkeit setzt. Die Plastiktüten, in denen Spenden geliefert werden, würden natürlich wieder benutzt.

Positive Rückmeldungen haben Christoph Buße in seinem Tun bestärkt, das Gotteshaus als Ort gelebten Glaubens und zur Begegnungsstätte umzugestalten. Viele Lokalpolitiker und Vertreter anderer Gemeinden hätten sich für das Projekt interessiert. Nachahmer anderer Kirche gibt es jedoch bislang keine. „Muss es auch nicht“, meint Buße. „Andere Kirchen können andere Schwerpunkte setzen“, ist seine Überzeugung.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten: Das Sozialkaufhaus in der Heilig-Geist-Kirche am Karl-Kautsky-Kreisel, August-Bebel-Allee 276, ist montags, dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr geöffnet, mittwochs von 13.30 bis 15.30 Uhr, sonntags von 11 bis 14 Uhr, in Ferien nur sonntags. Informationen erteilt Christoph Buße unter Telefon 01 62/731 34 52 oder per E-Mail an busse@kirche-bremen.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+