Regionalkonferenz zur Gesundheitsförderung

Die richtigen Angebote machen

Senioren - Ein Wort für unzählige verschiedene Menschen. Um sie zu erreichen und ihre Gesundheit fördern zu können sind differenzierte Wege der Ansprache gefragt.
01.11.2018, 16:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Britta Kluth
Die richtigen Angebote machen

Benjamin Schüz

Uni Bremen

Deutschland gehört zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Anteil älterer Menschen. Und dieser wird verschiedenen studien zufolge in Zukunft weiter wachsen. Gesundheitsfördernde und präventive Strategien sind dementsprechend gefragt, um der demografischen Herausforderung gerecht zu werden. Vor allem die Quartiere stehen vor diesen Aufgaben. Doch welche Akzente können Politik, Institutionen, Vereine und andere Einrichtungen setzen, damit die Bedürfnisse älterer Menschen im eigenen Wohnumfeld berücksichtigt und erfüllt werden? Fragen wie diese standen auf der jüngsten Bremer Regionalkonferenz zum Thema „Alt bedeutet nicht gleich alt – gesund wohnen und leben im Quartier“ im Fokus. Sie fand im Rahmen der bundesweiten Reihe „Gesund und aktiv älter werden“ bereits zum sechsten Mal statt. Veranstaltet wurde sie von der Landesvereinigung für Gesundheit Bremen, zusammen mit mehreren Partnern.

Angesprochen waren Haupt-, Neben- und Ehrenamtliche aus verschiedenen Bereichen und Branchen wie etwa Umwelt, Gesundheit, Pflege, Stadtplanung, Kultur, Soziales, Sport, Selbsthilfe, Migration, Krankenkassen und Seniorenarbeit. Das breite Spektrum zeigt, wie dringend erforderlich hier eine Zusammenarbeit ist. Dem kann sich auch Benjamin Schüz von der Universität Bremen nur anschließen. „Wir brauchen die lokale Vernetzung, wenn wir bessere Rahmenbedingungen im Stadtteil schaffen wollen. Eine aktive und permanente Kooperation der Beteiligten ist unglaublich wichtig.“

Der Schwachhauser ist Professor am Institut für Public Health und Pflegeforschung und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Bevor es ihn mit seiner Familie 2017 nach Bremen verschlug, lehrte und forschte er im australischen Tasmanien im Bereich Gesundheitspsychologie. Zuvor arbeitete er am Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin. Benjamin Schüz sieht in der Konferenz eine gute Plattform für die Zusammenarbeit und die gemeinsame Entwicklung von Lösungsansätzen. Es sei wichtig, Leute aus verschiedenen Sektoren zusammenzubringen. Krankenkassen, Sozialträger, Forschung, lokale Initiativen und andere aktive Organisationen sitzen an einem Tisch und befassen sich nicht nur theoretisch, sondern ebenso praktisch mit neuen Ideen. „Deswegen ist es auch so zu begrüßen, dass die Landesvereinigung für Gesundheit mit dem Bürgerzentrum Neue Vahr einen Veranstaltungsort mitten in einem Stadtteil gewählt hat“, sagt Schüz. „Die Leute, die sich vor Ort engagieren, sollten dadurch vermehrt angesprochen werden.“

Er selbst kam als Gastreferent zu Wort und informierte in seinem Einführungsvortrag über die „Möglichkeiten und Herausforderungen für gesundheitsförderndes Verhalten von Älteren im Quartier“. „Es gibt oft gravierende Unterschiede zwischen dem, was die älteren Menschen sich wünschen und für wichtig halten, und dem, was tatsächlich zur Verfügung steht. Wir dürfen uns nicht nur auf Angebote und Kampagnen fixieren, sondern müssen die persönlichen Bedürfnisse mehr in den Fokus rücken“, sagt Schüz. Dazu gehöre auch, den Begriff „Senior“ aufzubrechen. Denn was wir oft unter diesem Wort zusammenfassen, beschreibe eine komplett heterogene Gruppe zwischen 65 und 100 Jahren. Viele Personen dieser Altersklasse werden so gar nicht erst erreicht, weil sie sich nicht angesprochen fühlen. Das sei ganz wesentlich bei der Optimierung von Angeboten.

In seinem Vortrag stellt Schüz außerdem dar, dass sich negative Gedanken zum eigenen Älterwerden tatsächlich negativ auf die Gesundheit auswirken können. Den Zusammenhang belegt er anschaulich mit Studien. „Wer erwartet, dass mit dem Alter alles schlimmer wird, investiert nicht mehr so viel in seine Gesundheit. Andersherum kann eine positive Lebenseinstellung enorm viel zur körperlichen und mentalen Verfassung beitragen.“ Ebenso könne die Wohngegend einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Studien zeigen, dass Menschen aus finanziell bessergestellten Stadtteilen zum einen mehr für ihr Wohlbefinden tun und zum anderen eine bessere medizinische Versorgung erfahren.

Auch der zweite Einführungsvortrag von Harald Rüßler machte deutlich, dass die Umsetzung von Gesundheitsförderung für ältere Menschen ein Zusammenspiel vieler Faktoren und Akteure erforderlich macht. Der Sozialwissenschaftler und Professor an der Fachhochschule Dortmund sprach über „die Bedeutung des Quartiers für die Lebensqualität im Alter“. An einem Beispiel aus Gelsenkirchen demonstrierte er, wie in der Praxis eine gelungene lokale Vernetzung funktionieren kann.

Am Nachmittag standen dann zwei verschiedene praxisorientierte Workshops auf dem Programm. Diskutiert wurden dabei auch die Fragen, wie man die älteren Menschen besser für Gesundheitsförderung erreicht und wie sie leichter in solche Programme einbezogen werden können. „Gestaltungsräume sind in diesem Fall sehr wichtig“, sagt Schüz. „Die Menschen wollen und sollen ihren Bedarf selbst festlegen.“ Hilfreich sei eventuell, eine Veranstaltung nicht als gesundheitsfördernd zu beschreiben, sondern allgemeine Angebote wie Reparaturcafés oder Computerkurse zu machen. Die Erfahrung zeige, dass es dann oft eher angenommen werde. „Wir müssen die Leute erst einmal aus ihrer Wohnung und ihrem Haus raus bekommen. Wenn das passiert ist, lässt sich auch über Gesundheit reden.“

Für Bremen sieht der Forscher die Herausforderungen, die sich aus dem engen finanziellen Spielraum und eingeschränkten Ressourcen ergeben. Es sei immer einfacher, wenn die Kommune mehr Geld zur Verfügung habe. Außerdem gebe es zu wenig Angebote für ältere Leute mit Migrationshintergrund. Was aber in Bremen bereits sehr gut funktioniere, sei die lokale Vernetzung. Die Menschen aus den verschiedenen Gebieten reden hier miteinander und kooperieren bereits in vielen Fällen. Ein Miteinander statt Nebeneinander sei eine gute Basis.

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