Marktplatz der Begegnung Eine verlässliche Größe

Mit Ümmühan Yildirim ist erstmals eine Muslimin fürs Sozialkaufhaus der Heilig-Geist-Kirchengemeinde in der Bremer Vahr angestellt.
22.01.2020, 23:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Silja Weißer

Wenn Ümmi strahlt, muss man mitstrahlen. Ihre braunen Augen bilden kleine Schlitze, der Kopf ist schräg gelegt, das kurze Auflachen bei der Begrüßung echt. Der quirligen Frau, die von allen liebevoll Ümmi genannt wird, aber eigentlich Ümmühan Yildirim heißt, steht die gute Laune ins Gesicht geschrieben – jetzt noch mehr als in den vergangenen elf Jahren, in denen die 45-Jährige bislang ehrenamtlich in der Heilig-Geist-Kirche gearbeitet hat. Als erste muslimische Frau hat die gebürtige Bremerin eine Festanstellung in der Gemeinde am Karl-Kautzky-Kreisel in der Neuen Vahr bekommen.

Den Zweijahresvertrag über 30 bezahlte Stunden pro Woche zu erhalten, war kein Kinderspiel, berichtet Christoph Buße, der sich für die Einstellung Yildirims stark gemacht hat. Der diakonisch-pädagogische Mitarbeiter nahm diverse Hürden und stellte Sonderanträge, um ihren bezahlten Job möglich zu machen. Denn eines der wesentlichen Kriterien für eine Einstellung ist die Konfessionszugehörigkeit. In den Arbeitsverträgen der Gemeinde, dem direkten Arbeitgeber, steht der Auftrag, das Evangelium zu verkünden, erläutert Buße.

Nicht nur der Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde Neue Vahr musste zustimmen, auch eine Ausnahmegenehmigung des Kirchenausschusses der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) zählte zu den Bedingungen. Auf große Widerstände sei er dabei nicht gestoßen. „Doch solche Gremien tagen ja nicht jede Woche“, erklärt Buße, warum er über ein halbes Jahr mit Sonderanträgen beschäftigt gewesen sei – eine zeitraubende Arbeit, die sich aber gelohnt habe.

Als die Heilig-Geist-Kirche vor eineinhalb Jahren zu einem großen Sozialkaufhaus umfunktioniert wurde, half Yildirim bei der Umsetzung mit. Mittlerweile hat sich der „Marktplatz der Begegnung“ wie sich das Konzept nennt, etabliert. 100 bis 160 Säcke mit Haushaltsgegenständen und Kleidung gehen durch die Hände der 15 Frauen, die in Schichten ehrenamtlich Hosen, Jacken, T-Shirts auf zahlreichen Kleiderständern hängen und Vasen, Bücher, Töpfe einsortieren und verkaufen.

„Das hat hier ungeahnte Ausmaße angenommen“, freut sich Buße über die große Resonanz bei Spendern und Käufern. Der Marktplatz sei ein kleines Unternehmen geworden, das er allein nicht mehr führen könne. Yildirim, die bislang nur donnerstags und sonntags mithalf, hat mit der täglichen Arbeit nun einen noch besseren Überblick über die Abläufe, kann Entscheidungen fällen und Konflikte schlichten. Denn Auseinandersetzungen um bestimmte Waren oder Uneinigkeiten über die Preise seien an der Tagesordnung, berichten beide. Oft werden ihre Geduld und Gelassenheit auf die Probe gestellt. Doch die Routine hilft ihr dabei, nicht die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren.

Für sie sei es bei der Arbeit vollkommen irrelevant, welchen Glaubens sie sei, bekräftigt die Muslima: „Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe gibt es in der Bibel und im Koran. Solche Unterschiede gibt es in meinem Wortschatz nicht. Es geht um den Menschen.“ Vielleicht liege es daran, dass auch ihre Eltern, die 1971 nach Bremen gezogen seinen, eine recht liberale Einstellung hätten. Als Kind sei sie zwar in Moscheen gegangen, aber ein Kopftuch habe sie nie tragen müssen. Sollten sie und ihre Schwester bei Aufenthalten in der Türkei im Dorf Besorgungen machen, vorbei an einem Café, in dem Männer draußen saßen, sagte ihr Vater zu ihr: „Geh ruhig, und halte deinen Kopf oben.“

Auch Christoph Buße ist gegen eine Abgrenzung der beiden Religionen. Erst kürzlich habe es in der Gemeinde eine interreligiöse Andacht gegeben. „Ich unterscheide nicht zwischen Allah und Gott“, sagt er. „Vielleicht liegt das an meinen prägenden Jahren in Kreuzberg und New York.“ Yildirim führt aus: „Weil wir hier in einer Kirche arbeiten, gehört Frieden dazu. Da gibt es kein Ich, sondern nur ein Wir.“ Das jetzige Team ist auch privat befreundet. Man trifft sich, geht zusammen auf ein Konzert. Miteinander auskommen ist wichtig bei der harten Arbeit. Bei zwölf Grad Durchschnittstemperatur in der Kirche sei Kisten stemmen und Säcke schleppen nicht jedermanns Sache, sagt Buße und zieht den Reißverschluss der weinroten Dienst-Fleecejacke noch höher. Nicht selten hätten Mitarbeiter nach ein paar Wochen das Handtuch geworfen. Verstärkung fürs Team sei immer willkommen. Umso glücklicher sei er, betont Buße, dass mit Yildirim nun eine verlässliche Größe dabei sei.

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