Umfrage zur Ermittlung der Bedarfe Gesundheitsprojekte für die Bremer Vahr geplant

In der Neuen Vahr sind gleich mehrere Gesundheitsprojekte in der Planung. Der dramatische Hintergrund: Menschen in benachteiligten Quartieren haben statistisch gesehen eine gerinere Lebenserwartung.
20.01.2019, 10:33
Lesedauer: 4 Min
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Gesundheitsprojekte für die Bremer Vahr geplant
Von Christian Hasemann

Armut macht krank. Dabei geht es nicht ausschließlich materielle Armut, sondern auch um soziale und Bildungsarmut. Fehlende soziale Kontakte, Einsamkeit und Isolation können ebenso krank machen, wie mangelnde Bewegung und schlechte Ernährung. Besonders betroffen von diesem Phänomen, das in der Forschung weithin anerkannt ist, sind benachteiligte Stadtteile wie die Vahr.

Umfrage soll Bedarfe aufzeigen

Dort sollen nun neue Gesundheitsprojekte entstehen, die sich dieses Themas annehmen. Damit aber diese Projekte nicht am tatsächlichen Bedarf der Menschen in der Vahr vorbei entwickelt werden, haben die Initiatoren eine Umfrage gestartet, an der die Vahrer noch bis zum 15. Februar teilnehmen können.

Über die Ziele dieser „Bedarfsanalyse“ genannten Umfrage sagt Dorit Andrea Lamprecht vom Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr, die das Projekt mit Dorothee Jürgens, Universität Bremen, begleitet: „Wir wollen damit herausfinden, was es schon für Angebote gibt und was noch benötigt wird, was sich die Menschen für ihre Gesundheit wünschen.“ Abhängig von den Ergebnissen sollen dann maßgeschneiderte Angebote entstehen. Quartiersmanager Dirk Stöver betont die Bedeutung der Gesundheitsfrage in den Quartieren: „Gesundheit in den Quartieren ist ein wichtiges Thema, denn die Gesundheit in den Win-Quartieren ist schlechter, die Menschen sterben früher.“

Schlechter Start für Kinder

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin beginnen die Nachteile für den Nachwuchs oft schon im Mutterbauch. So rauchen nach Angaben des RKI 27 Prozent der Mütter aus armen Verhältnissen. Nur zwei Prozent sind es bei einkommensstarken Eltern. Bis zu viermal so hoch ist der Anteil der übergewichtigen Kinder aus sogenannten sozial schwachen Familien. Damit haben die Kinder in Quartieren, die mit Armut zu kämpfen haben, vom Start weg ungleiche Voraussetzungen für ihre Zukunft. „Deswegen sind wir auch froh, dass wir inzwischen eine Gesundheitsfachkraft für die Schulen in der Neuen Vahr haben“, betont Dirk Stöver.

Im Alter dann leiden Menschen aus benachteiligten Quartieren häufiger an Herz- und Kreislauferkrankungen. Arme Männer sterben im Durchschnitt bis zu elf Jahre früher, bei Frauen aus sozial schwachen Umfeld seien es acht Jahre, so das RKI in einer 2017 veröffentlichten Studie.

Befragung ist anonym

Die bunten Karten mit dem Titel „Gesund leben in meinem Quartier“, mit denen die Bewohner befragt werden sollen, fallen ins Auge. Sie liegen in verschiedenen Einrichtungen des Stadtteils aus. Zum Beispiel im Bürgerzentrum Neue Vahr und im Familien- und Quartierszentrum in der August-Bebel-Allee. Erhältlich sollen sie auch in anderen sozialen Einrichtungen wie Kitas und Senioreneinrichtungen sein. Die wenigen Fragen seien in knapp fünf Minuten schnell beantwortet, so Dorit Andrea Lamprecht. Abgeben kann man die Karten vollständig anonym, dort, wo sie auch ausliegen. Das große Ziel: „Wir wollen wissen, welche Angebote schon genutzt werden und welche gewünscht werden.“

Die Umfrage unter den Bewohnern der Vahr ist aber nur eine Säule des Projekts, das aus Win-Mitteln, das Förderprogramm „Wohnen in Nachbarschaft“, finanziert wird. „Wir wollen auch Ärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Psychotherapeuten befragen“, sagt Dorit Andrea Lamprecht. Parallel zur Postkarten-Aktion wollen die Organisatoren deshalb einen Fragebogen entwickeln, um Fachkräfte aus dem Gesundheitsbereich zu befragen. „Damit wir auch ihre Sichtweise aufnehmen können“, wie Dorit Andrea Lamprecht sagt.

Antworten bis 15. Februar möglich

Gerade Fachkräfte wie Ärzte seien bisher noch nicht so gut in das Netzwerk der Institutionen des Quartiers eingebunden, ergänzt Dirk Stöver. „Es ist eher selten, dass diese an Netzwerktreffen teilnehmen.“ Bei den bisher befragten Ärzten sei die Idee gut angekommen.

1000 Karten sollen in den kommenden Wochen in der Vahr unter die Leute gebracht werden. „Wir hoffen, dass bis zum 15. Februar 300 zurückkommen“, so Dirk Stöver. Danach folgt die Auswertung, deren Ergebnisse am 20. März präsentiert werden sollen. Geld für daraus entwickelte Projekte steht jedenfalls schon bereit. „Wir haben 5000 Euro für Gesundheits-Projekte reserviert“, sagt Dirk Stöver. Und auch der Beirat wird sich voraussichtlich beteiligen. „Ich würde mich dafür einsetzen, dass wir auch Globalmittel des Beirats bereitstellen“, sagt Bernd Siegel, Beiratssprecher Vahr.

Im Bremer Südosten laufen derzeit mehrere Projekte zur Gesundheitsförderung parallel. So sucht das Leibniz-Institut beispielsweise Menschen über 60, die an der Studie „Fit im Nordwesten“ teilnehmen. Ziel der Studie: Menschen über 60 zu regelmäßiger Bewegung zu motivieren. Ein eigens dafür konzipiertes Trainings-Programm, das die Probanden über ein Internetportal abrufen können, soll dabei helfen, Bewegung ganz einfach im Alltag zu integrieren. Für die zweite Phase der Studie suchen die Initiatoren ab sofort Teilnehmer aus dem Bremer Osten. Die erste Phase lief nach dem gleichen Prinzip bereits unter anderem in Obervieland, der Neustadt, Bremen Nord und in Osterholz-Scharmbeck. Die Studie „Fit im Nordwesten“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Leibniz-Instituts, der Jacobs University Bremen, dem Oldenburger Institut für Informatik und der Technischen Universität Chemnitz. Schirmherrin ist die Senatorin für Soziales und Sport Anja Stahmann (Grüne).

Motivation für mehr Bewegung

Das Vitalbad Vahr möchte ebenfalls ältere Bewohner der Vahr für mehr Bewegung motivieren. Am 16. Februar können Besucher ab 50 Jahren zwischen 14 und 16.30 Uhr kostenlos das Solebad benutzen. An diesem Tag können Besucher Angebote wie Wassergymnastik kennenlernen und Informationen zu Kursen, Kosten und Kostenübernahmen durch durch die Krankenkassen bekommen.

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