Rilke am Sonntag

Hoch und Platt und noch viel mehr

Helga Poppe in der Vahr unterrichtet Niederdeutsch, liest Märchen und Geschichten und übersetzt Theaterstücke und Lieder. Das alles hat sich die 79-Jährige mit Leidenschaft erarbeitet.
18.03.2019, 14:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kornelia Hattermann

So leuchtend wie ihr Pullover, farbenfroh wie das locker um den Hals geschwungene Tuch und blumig wie Wand und Kissen in ihrer Wohnung in der Gartenstadt Vahr ist auch die Visitenkarte von Helga Poppe: „Dozentin für Niederdeutsch, Lesungen von Märchen und Geschichten in Hoch und Platt, Übersetzungen“ steht darauf. Mit 79 Jahren wagt die Erzählerin jetzt etwas Neues und liest klassische Literatur. Zum Auftakt am Sonntag, 24. März, um 16 Uhr im Nachbarschaftstreff Vahrer See werden Texte von Rainer Maria Rilke zu hören sein. „Das habe ich noch nie gemacht, aber ich traue mir das zu“, sagt Helga Poppe.

Diese zweite Karriere als Märchenerzählerin und Vorleserin war ihr nicht in die Wiege gelegt. In „Arsten bei Bremen“, so stand es in ihrem Ausweis, bei den Großeltern wurde sie geboren, aufgewachsen ist sie in der Neustadt. Die Kindheitserinnerungen sind vom Krieg geprägt. In voller Kluft mussten die Kinder oft ins Bett gehen, bei nächtlichem Fliegeralarm wurden dann nur noch die Papiere vom Flurschrank geschnappt und die Familie floh aus der Oderstraße in den Bunker an der Gastfeldstraße. „Ich weiß heute noch, wie es dort gerochen hat“, erzählt Helga Poppe, damals Schmilewski. Am 4. Oktober 1944 wurde die Familie ausgebombt und mit vielen anderen auf einem Viehtransporter in die Gemeinde Visbek im Kreis Vechta evakuiert. Schwere Zeiten. Ihren leiblichen Vater hat sie nie kennengelernt, er kehrte nicht aus dem Krieg zurück. Dafür habe es später einen „bösen Stiefvater“ gegeben.

Von der Leidenschaft zur Profession

Nach neun Jahren Volksschule begann Helga Schmilewski eine Lehre in der Bäckerei/Konditorei Marxen, wo sie oben unterm Dach wohnte, und sich in einen Bäcker verliebte, „Herrn Poppe, der so schön singen konnte“. 1959 heirateten sie, die beiden Kinder wurden in der Schweiz geboren, wo ihr Mann im Kanton Solothurn eine Stelle fand, und sie in einem Café arbeitete. Nach viereinhalb Jahren zog die Familie zurück nach Bremen, lebte in Schwachhausen. „Zig Kurse“ habe sie dann belegt, erklärt Helga Poppe, die sie mit dem Zertifikat Sekretärin abgeschlossen habe.

In diesem Beruf hat sie in Werbeagenturen und in einem Steuerberatungsbüro gearbeitet, bis sie „mit 59 Jahren zwangsweise in Rente“ gehen musste. „Ich bin anerkanntes Mobbingopfer“, erklärt Helga Poppe, sichtlich bewegt bei der Erinnerung daran. Zwei Mal habe damals für längere Zeit ihre Stimme versagt, mit der sie heute die Besucherinnen und Besucher bei Lesungen, in Kursen und Seminaren unterhält.

Diese Profession ist eine Leidenschaft, Helga Poppe hat sie sich aber auch erarbeitet und immer weiter verfeinert. Im Bremer Märchenkreis, in dem die zwölf Teilnehmer immer frei erzählt haben, einmal im Jahr auch öffentlich, hat sie vor der Pause gern einen plattdeutschen Schwank erzählt, „dann gingen die Leute mit einem Lächeln“. An der Uni erwarb sie sich in zwei Semestern didaktische und soziale Kompetenzen, der gute Abschluss mit Prüfung im Jahr 2000 berechtigt sie, an öffentlichen Einrichtungen zu lehren.

Platt sprechen konnte die Bremerin nicht, sie hörte die Sprache bei ihren Schwiegereltern und sie interessierte sich dafür. „Ich bin da dann so reingekommen“, sagt Helga Poppe, „und es hat mir wohl auch gelegen.“ 15 Jahre lang hat sie Erwachsene in Plattdeutsch unterrichtet, in der Bremer Volkshochschule, in Osterholz-Scharmbeck, in Ritterhude, aber auch im Olymp, der Vahrer Begegnungsstätte, die sie zudem sechs Jahre geleitet hat. „Ich lege auch Wert auf Grammatik und auf richtiges Sprechen.“ Da ist sie ganz Lehrerin.

Das gilt auch für den Unterricht an Grundschulen, in Arsten hat Helga Poppe von 2009 bis 2016 Plattdeutsch gelehrt und den Kindern zu Preisen im Vorlesen verholfen. Zurzeit betreut sie zwei Arbeitsgruppen in der Grundschule in Borgfeld und eine in Burgdamm. „In Borgfeld ist eine erste Klasse dabei, das ist so süß“, erzählt die Plattdeutschlehrerin, „die bringen ihre Plüschtiere mit, die dann beim Lernen mitmachen.“

Ausgebildete Erzählerin

Auch für das Märchen- und Geschichtenerzählen hat sich Helga Poppe qualifiziert und Seminare bei der Europäischen Märchengesellschaft in Stapelfeld bei Cloppenburg besucht. Sie kann sich für Klang, Tempo und Betonung begeistern, sie legt den Schwerpunkt auf die Bildwörter. In Kirchengemeinden, Stadtbibliotheken, Begegnungsstätten und vielen anderen Einrichtungen hat sie schon gelesen, überwiegend auf Hochdeutsch, zum Abschluss wollen die meisten aber gern ein plattdeutsches Döntje hören. „Ich werde nach einer Lesung schon nach einem nächsten Termin gefragt“, erzählt sie stolz. 16 Termine hat sie bislang in ihren Kalender für 2019 eingetragen.

Und wenn sie nicht unterwegs ist oder sich Neues erarbeitet, dann übersetzt Helga Poppe auch Texte. Für den Oberneulander Singkreis hat sie Chorlieder übersetzt, und im vergangenen Jahr zwei Theaterstücke aus dem westfälischen in das hiesige Platt, das Bremer Umlandplatt, übertragen. Diese Stücke werden erfolgreich in niedersächsischen Nachbargemeinden aufgeführt, berichtet sie. Der Autor schreibe an einem neuen Stück, das sie dann übersetzen dürfe. Darauf freue sie sich schon.

Schöne Aussichten für Helga Poppe, das gilt auch für den Blick in Richtung Südwesten aus ihrer Wohnung im 15. Stock des Hochhauses in der Vahr. „Nie im Leben ziehe ich in ein Hochhaus“, habe sie vor 13 Jahren gesagt, als sie nach der Scheidung eine Wohnung gesucht habe. Jetzt will sie nicht wieder weg aus ihrem hellen und trotz 91 Parteien ruhigen Reich, in dem sie zurzeit die Texte von Rainer Maria Rilke durcharbeitet und laut vor sich hin liest. „Man kann nur das gut weitergeben, was einem selber zusagt.“

Manchmal würden Bekannte fragen, wieso sie das in ihrem Alter alles noch mache. Die Antwort erübrigt sich, wenn man sieht, wie Helga Poppes Augen beim Erzählen leuchten, wie viel Freude ihre Zuhörer haben und wie viel Lob sie für ihre Vortragskunst bekommt.

Weitere Informationen

„Rilke am Sonntag“ liest Helga Poppe am Sonntag, 24. März, ab 16 Uhr im Nachbarschaftstreff Vahrer See, Hanna-Harder-Haus, Berliner Freiheit 9c, Zugang über Otto-Suhr-Straße. Der Eintritt ist frei.

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