Schule in Corona-Zeiten

Spielerisch die Oberschule besuchen

Pädagogik-Leistungskursschüler der Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee haben ein Kennenlernspiel für Grundschüler entwickelt
19.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Weßel

Für jeden Grundschüler beginnt mit Abschluss der vierten Klasse eine neue Etappe seines Lebens – auch räumlich: die Mittelstufe an einer neuen Schule. Normalerweise gehört zu einem typischen vierten Schuljahr fest dazu, sich die umliegenden weiterführenden Schulen anzusehen. Zu entdecken gibt es viel: Ein neues Gebäude, ein neues Quartier der Stadt, neue Klassenzimmer, ein neuer Pausenhof und nicht zuletzt neue Lehrer, die neue Fächer unterrichten. In jüngster Zeit unterscheiden sich Schulen auch zunehmend voneinander, indem verschiedene Profile anbieten. Doch die Pandemie nimmt den Grundschülern jede Chance, all dies auf herkömmlichem Wege vor der Schulwahl anzuschauen. Die Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee hat sich deshalb in diesem Jahr etwas Neues ausgedacht, um neue Mädchen und Jungen für sich zu begeistern: das KS-Abenteuer.

Dabei handelt es sich um eine Box, in der verschiedene Gegenstände darauf warten, in unterschiedlichen Rätseln und Spielen eingesetzt zu werden. Als Inspiration dient der Unterricht einiger Fächer, wie Chemie oder Biologie. Es geht darum, Experimente zu erleben, Kreatives zu basteln oder auf einem Luftbild des Schulhofes Details zu entdecken. Der erzählerische Hintergrund des Spiels wird von dem Verlangen einer erfundenen sprechenden Schnecke nach einem japanischen Kirschblütenstock geprägt. Auf der Reise durch die Flure der KSA mithilfe des Spiels basteln die Grundschüler nicht nur diesen Stock für das zierliche Kriechtier, sondern erlangen auch selbst Andenken für zu Hause, wie einen besonderen Papierflieger. „Uns war es wichtig, dass jedes Kind irgendetwas von seinem Fernbesuch an der KSA mit nach Hause nehmen kann.“ Das KS-Abenteuer soll ein spaßiges und spannendes Bild der Schule vermitteln.

„All die gewohnten Formate gehen leider nicht“, bedauert Stephanie Lipka, stellvertretende Schulleiterin und didaktische Leiterin der Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee (KSA), den Wegfall der klassischen Methoden. „Normalerweise laden wir die uns zugeordneten Grundschulen klassenweise ein“, erklärt sie das Vorgehen der vergangenen Jahre. Sie ist seit 2009 an der Schule und trägt seit 2016 Führungsverantwortung für heute 736 Schülerinnen und Schüler. Die Lehrerin für Englisch und Pädagogik trauert auch einer weiteren Tradition vieler Schulen hinterher: schulfestartige Tage der offenen Tür. „Sonst sind dies tolle Ansätze, um den Neuen die Schule zu zeigen und die Vielfalt zu präsentieren, aber ...“ – sie muss den Satz nicht beenden, denn auch diese fallen der Pandemie zum Opfer. „Ich bin mir aber sicher“, zeigt sie sich überzeugt, „dass uns unter den gegebenen Umständen etwas Nettes gelungen ist.“

Das Vorbild für diese aus der Not entstandene, etwas andere Art des Schule-Kennenlernens sind die Escape-Rooms, in die sich eine Gruppe von Menschen zum Spaß einsperren lässt, um dort dann im Zuge einer Geschichte mittels der Lösung verschiedener Rätsel die Tür zu entriegeln oder einen anderen Ausgang zu entdecken. Auf diesem Konzept aus der realen Welt basieren wiederum die sogenannten Exit-Spiele für zu Hause, die das Prozedere ins heimische Wohnzimmer verlagern, nur dass dort der Fokus mehr auf dem gemeinsamen Rätseln und weniger auf dem Entkommen aus dem Raum liegt.

Stephanie Lipka brachte die Idee als Lehrerin in ihren Leistungskurs Pädagogik ein, und die 26 Schülerinnen und Schüler hätten sich mit viel Elan daraufhin an die Arbeit gemacht, um aus ihrer Vision ein funktionierendes, transportables Spiel zu machen, das auch ohne Anleitung von außen funktioniert. „Es geht nicht anders“, sagt Lipka: „Wir würden gerne in die Klassen gehen und zumindest dort mit den Grundschülern reden, ihnen das Spiel erklären, sie zumindest dort so ein stückweit durch unsere Schule begleiten, aber der aktuelle Inzidenzwert lässt nicht mal das mehr zu“, verweist sie schließlich auf die aktuell beherrschende Zahl.

Ein weiterer, eng verwandter Problembereich sind die Elternabende. „Das Gleiche, was für die Kindergruppen gilt, betrifft leider auch deren Eltern“, so Lipka. Sonst würde man immer im Januar Abende für Eltern veranstalten, auf denen diese sich gesondert über die Schule informieren könnten. „Wir können nicht in die Zukunft schauen, aber nach derzeitigem Stand wird daran nicht zu denken sein, das wird flachfallen. Es wäre schlicht Wahnsinn, als Schule einander fremde Menschen mit Kindern in einem geschlossenen Raum mitten im Winter zusammenzubringen, AHA-Regeln hin oder her.“ Als Ansatz für einen Ersatzversuch arbeite man aktuell daran, Filme zu drehen, aber so richtig wohl sei ihr nicht dabei, dies als wirklichen Ersatz zu sehen: „Selbst wenn die Qualität dieser Filme als Schulüberblick wirklich gut wird, ist es ja weiterhin eine Frage des Abrufs.“ Denn nicht jeder habe die technischen Mittel, um sich auf diesem Wege gleichwertig zu informieren.

Die stellvertretende Schulleiterin ist guten Mutes: „Ich bin überzeugt, dass das Spiel zumindest den Kindern ihre vielleicht bald neue Schule etwas näherbringen wird, und die Anleitung, die wir geschrieben haben, den Lehrern der Grundschulen helfen wird, das Spiel problemlos zu begleiten“, sagt sie. Nun heißt es aber noch warten, denn erst nach den Herbstferien wird sie die Packungen – für jede vierte Klasse eine – zu den Grundschulen bringen. Dann heißt es für alle Viertklässler der Grundschulen in der Vahr, an der Witzlebenstraße und der Paul Singer-Straße ab ins KS-Abenteuer – und vielleicht im kommenden Schuljahr an die KSA. Angst in dieser besonderen Lage, nicht angewählt zu werden, habe laut Lipka aber niemand an der Schule: „Wir waren in den vergangenen Jahren oft überangewählt, sodass wir losen mussten.“

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