Zu viele Autos in der Vahr

Parkplätze bleiben knapp

Der Verkehrsausschuss in der Vahr hat nach Möglichkeiten gesucht, die Parkplatznot im Stadtteil zu mindern. Das Amt für Straßen und Verkehr soll prüfen, ob diagonales Parken durchsetzbar ist.
10.09.2020, 05:00
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Parkplätze bleiben knapp
Von Christian Hasemann

Es ist eine Frage, vor der nicht nur die Vahr steht: Wie umgehen mit der Parkplatznot im Stadtteil? Eine endgültige Antwort auf diese Frage hat der Verkehrsausschuss in seiner jüngsten Sitzung nicht gefunden. Weitgehend einig sind sich die Ausschussmitglieder aber darin gewesen, dass die Lösung in einem Weniger an Autos liegen muss. Bis es so weit ist, sollen für die Bewohner der Vahr, die auf ein Auto angewiesen sind, Lösungen gesucht werden. Einen Anfang könnte es in der August-Bebel-Allee geben.

„Es ist eine der häufigsten Beschwerden“, sagte Ortsamtsleiterin Karin Mathes zur Parkplatznot in der Vahr. Allerdings ist dieses Thema ein zweischneidiges Schwert. „Die einen sagen, Polizei und Ordnungsamt machten nichts, die andere Seite sagt, dass es nicht sein könne, dass man Strafzettel bekomme. Es gebe doch keine Parkplätze“, beschrieb sie das Dilemma und die sich gegenüberstehenden Positionen. Konkret hatte die Ortsamtsleiterin eine Straße besonders im Blick. „In der Carl-Goerdeler-Straße wurde vermehrt kontrolliert, da liefen die Anwohner Sturm.“ Nun herrsche die umgekehrte Situation. Sprich: Es wird wieder vermehrt illegal geparkt in der Straße.

Der Ausschuss hatte Eva Brosenne vom Ordnungsamt eingeladen, die Aufklärung darüber bringen sollte, nach welchen Kriterien das Ordnungsamt und die angeschlossene Verkehrsüberwachung Strafzettel wegen Falschparkens im Stadtteil verteilen. „Der Fokus liegt auf Rettungswegen, sodass Polizei, Feuerwehr und Rettungsfahrzeuge durchkommen.“ Anwohnerbeschwerden über Falschparker oder besondere Problemecken würde das Ordnungsamt aufnehmen. „Und das führt dazu, dass wir an diesen Orten Einsätze planen.“ Es sei hingegen nicht so, dass die Verkehrsüberwachung direkt am nächsten Tag vor Ort sei.

Nach wie vor geht aber auch die Polizei Falschparkern nach. „Zu unserer Arbeit gehört das Erkennen und Ahnden von Ordnungswidrigkeiten“, sagte Kian Landes, Kontaktpolizist in der Vahr. Der Parkplatzdruck sei permanent vorhanden und habe durch die Anzahl der Autos noch zugenommen.

Beiratssprecher Bernd Siegel (SPD) wollte wissen, ob das Ordnungsamt gegen falsch parkende Lastwagen vorgehe. „Die hier parken, obwohl sie es nicht dürfen, zumindest nicht länger als eine Stunde, wie zum Beispiel in der August-Bebel-Allee.“ Ein zunehmendes Problem sieht der Beiratssprecher in abgestellten Anhängern und Wohnmobilen. Anhänger dürften 14 Tage unbewegt stehen, so Murat Orta von der Verkehrsüberwachung Bremen. „Wir müssen dann am 15. Tag nachweisen, dass der Anhänger nicht bewegt wurde.“ Ein großer Aufwand, bei eher kleinem Ertrag. Nur zehn Euro betrage das Verwarngeld in diesem Fall. „Das nehmen dann eben viele in Kauf.“

Zu sehr einschränken wolle der Beirat die Anwohner nicht, so Siegel. „Eine Frage ist, ob wir Flächen finden, wo Zugmaschinen oder Anhänger abgestellt werden können? Lohnt sich das?“, so seine Frage an die Behördenvertreter. Die kurze Antwort von Christiane Vornhagen vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV): „Spezielle Abstellflächen gibt es nicht und werden auch nicht gemacht.“ Eine ähnliche Reaktion kam von Petra Kurzhöfer, verantwortlich bei der Gewoba für den Wohnungsbestand in der Vahr: „Mir würde da auch nichts einfallen.“

Eine weitere Idee: Den Radverkehr auf die Fahrbahn umlenken und so Radwege für das aufgesetzte oder diagonale Parken freigeben. „Grundsätzlich haben wir Fahrräder lieber auf der Fahrbahn als am Rand“, so Vornhagen. Eine solche Lösung sei aber immer abhängig von der Situation vor Ort. Häufig sei es so, dass der Unterbau ein aufgesetztes Parken nicht erlaube, der Boden also nicht tragfähig genug sei.

In der August-Bebel-Allee könnte es hingegen eine Lösung für die angespannte Parksituation vor Ort geben. „Wir haben dort zwei Fahrstreifen, einen Seitenstreifen, einen Rad- und einen Fußweg – von der Fläche würde es sich dort anbieten“, sagte Kian Landes. Derzeit stelle sich Situation so dar, dass Anwohner in zweiter Reihe parkten. „Und das führt regelmäßig dazu, dass eingeparkte Autos rechts auf den Gehweg ausweichen und eine relativ lange Strecke dort fahren müssen.“ Das sei eine Situation, die ein gewisses Risiko berge.

Für Oliver Saake (Grüne) gibt es nur einen Ausweg für das Parkplatzproblem. „Wir können es nicht lösen, wenn wir nicht die Anzahl an Autos und Lastwagen reduzieren.“ Der Beirat sollte aber darüber nachdenken, ob er mit einem Anwohnerparken zumindest Lastwagen und Wohnwagen aus den Straßen bekomme. Tim Haga (CDU) argumentierte in eine ähnliche Richtung. „Entweder mehr Parkflächen oder weniger Autos.“ Carsharing könne helfen. „Aber es ist ja nicht so, dass wegen einer Station jemand sein Auto verkauft, sondern eher so, dass jemand kein Auto kauft.“ Das bedeutet: Bis der Effekt von alternativen Mobilitätskonzepten wie Carsharing einem gestärkten Radverkehr und besserer Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr durchschlägt, kann es dauern. „Es ist wohl ein Generationenproblem“, stimmte Bernd Siegel zu. „Aber wir müssen auch für Leute eine Lösung finden, die nicht das Glück haben, ein eigenes Grundstück oder eine eigene Garage zu besitzen, und nicht sagen, dass wir jetzt einfach eine Generation abwarten.“ Und weiter: „Es kann nicht sein, dass wir denjenigen, die auf ein Auto angewiesen sind, sagen: Mach doch Carsharing oder verkauf dein Auto.“ Deswegen müsse parallel weiter nach Lösungen gesucht werden.

Für die August-Bebel-Allee bedeutet das, dass die Möglichkeit des diagonalen Parkens vom Amt für Straßen und Verkehr geprüft werden soll. Für einige Anwohner könnte dies den Parkplatzdruck etwas mindern. Bremenweit geht die Tendenz dagegen zu weniger statt mehr Parkplätzen. In dieser Woche veröffentlichte die Handelskammer ein Positionspapier, in dem sie fordert, die Stellplatzverordnung komplett abzuschaffen. Diese schreibt vor, wie viele Parkplätze bei einem Neubau angelegt werden müssen – das verursacht Kosten. Zufällig kommt diese Forderung nicht: Derzeit laufen Gespräche der Regierungskoalition darüber, die Stellplatzverordnung zu überarbeiten. Die Grundidee: Stellplätze für Fahrräder und Lastenräder, Car-Sharing-Stationen oder Zeitkarten für den öffentlichen Nahverkehr ersetzen PKW-Parkplätze bei Neubauten.

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Die Verkehrswende in Bremen

schlägt sich noch nicht in den Zahlen nieder. Tatsächlich wächst die Anzahl der Autos, Lastwagen und Motorräder beständig. Fuhren nach Angaben des Statistischen Landesamtes 2015 noch 268 227 Kraftfahrzeuge durch die Stadt Bremen, waren es im vergangenen Jahr 279 614, darunter 242 480 private Autos und 15 033 Lastwagen. Dazu kommen noch 29 021 Anhänger. Dagegen ging die Anzahl der Neuanmeldungen im selben Zeitraum zurück. Offenbar werden mehr Autos an- als abgemeldet. Während immer weniger Autos neu angemeldet werden, steigt die Zahl der Neuzulassung von Anhängern: 2018 wurden 1353 Anhänger neu zugelassen. Die Autodichte ist in der Vahr statistisch gesehen verhältnismäßig gering. In der Neuen Vahr besitzen nach Angaben der Kraftfahrtbundesamtes rechnerisch 30 Prozent der Einwohner ein Auto. Ein Wert, der in den vergangenen Jahren nur gering geschrumpft ist. In der Neuen Vahr Nord und Südwest entspricht die Quote etwa dem Wert der innenstadtnahen Quartiere Steintor und Ostertor. In die Statistik schlägt sich noch nicht der Corona-Effekt nieder. Experten gehen davon aus, dass die Autozulassungen durch die Epidemie steigen.

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