Vahradies - Stadtteilfest in Bremen-Vahr

Polizeimützen aus Pappe und Stofffrösche

Ein „Markt der Besonderheiten“ gibt dem Gewoba-Sommerfest „Vahradies“ einen ganz eigenen Charakter. Außerdem zeigt sich: Die Initiativen und Vereine sind hier besonder gut vernetzt.
22.06.2018, 18:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Polizeimützen aus Pappe und Stofffrösche

Petra Martens und Barbara Blankenhagen am GEWOBA Stand

PETRA STUBBE

Auf den ersten Blick ist es wie jedes andere Sommerfest auch: Von einer Bühne fliegen Lollies für die Kinder, es gibt Bratwurst, Kuchen und Kaffee, Popcorn in Papiertüten, Luftballons und Eiswaffeln, Buttons, die man pressen kann und Schminktische für Kinder. Auch selbstgestrickte Socken, selbst gekochte Marmeladen und selbst gemalte Ölbilder mit Blumenmotiven dürften auf so manchem Sommerfest feilgeboten werden, die derzeit organisiert werden.

Doch das große Fest „Vahradies“ der Gewoba am Nachbarschaftstreff Bispi setzt sich mit einem „Markt der Besonderheiten“ von den zahlreichen anderen Stadtteilfesten ab. Schon auf dem Spielplatz geht es brisant und besonders zu: Ein Junge türmt Kisten übereinander und erklettert sie, bei der siebten kippt der ganze Turm um – zum Glück ist das Kind an einem dicken Seil gesichert und schwebt in der Luft. Der Adrenalinspiegel steigt auch, wenn an einer Kletterwand Kinder versuchen, eine acht Meter hohe Steilwand zu erklimmen und sich dabei von einem Plastikquader zum anderen tasten – bis ein Mädchen aus großer Höhe nach unten stürzt – ein dickes Luftpolster fängt sie auf.

Beim SWB-Stand gibt es Getränke kostenlos: Junge Frauen in roten T-Shirts verteilen Trinkwasser, das mit Brausepulver versetzt nach Himbeeren schmeckt. Das Dampfkarussell mit Affen, Tigern, weißen Schwänen und Elefanten heißt nur noch so, längst wird es elektrisch betrieben und lässt nur noch pro forma oben Dampf austreten. Außergewöhnlich ist auch der Anblick von Bürgermeister Carsten Sieling, der einen Fahrradsimulator ausprobiert, während gleich daneben die Gewoba Froschkönige und Seehunde aus Stoff an Kinder verschenkt.

Aus Stoff sind auch die Taschen, die Margret und Frido Rink an ihrem Tisch verteilen, auf denen sie zum Beispiel die Bremer Stadtmusikanten vorgezeichnet haben. Kinder können Platz nehmen und die Motive mit Stofffarben ausmalen. Und wer kennt schon die selbst genähten „Leseknochen“ von Anne Cormaci? Sie erinnern ein wenig an große Hundeknochen und können sowohl als Nackenstütze beim Lesen wie auch als Unterlage für ein Buch dienen.

Wer genug der Besonderheiten gesehen hat, kann sich auf dem „Vahradies“ solide informieren: Die Polizei aus der Vahr bietet nicht nur Infobroschüren über mehr Sicherheit im Straßenverkehr und eine Mütze aus Pappe für Kindern an, sondern auch eine kostenlose Fahrradregistrierung: „Jeder kann sein Fahrrad mitbringen“, sagt Bernd Neske, Kontaktpolizist für die Gartenstadt Vahr und Sebaldsbrück. Auf einem Bogen werden der Fahrradtyp, die besonderen Merkmale und auch die Rahmen-Nummer festgehalten, dann erhält man einen Aufkleber mit Nummer, der Diebe abschrecken soll. „Besonders im Sommer nehmen Fahrraddiebstähle zu, wobei auch E-Bikes und Pedelecs und sogar Rollatoren gestohlen werden - deren Altmetall wird zu Geld gemacht“, sagt Bernd Neske. Die „Vahrer Löwen“, ein ehrenamtlich arbeitender Verein, machen sich im Stadtteil durch Nachbarschaftshilfe bei Senioren verdient. „Wie betreuen überwiegend einsame ältere Leute, oft ist ihr Lebenspartner verstorben, sie kommen kaum noch aus ihrer Wohnung heraus und haben wenige Kontakte“, sagt Anni Humm, Koordinatorin für aufsuchende Arbeit bei den „Vahrer Löwen“, „Solche Hilfestellung bereitet viel Freude, denn es ist schön zu sehen, wenn isolierte Senioren allmählich wieder aufblühen“, sagt sie. Jüngere Leute seien jedoch als Nachbarschaftshelfer bei den „Vahrer Löwen“ nur schwer zu gewinnen, überwiegend seien es ältere Menschen, die ehrenamtlich Senioren helfen. „Wir versuchen auch, mehr Abwechslung in ihren grauen Alltag zu bringen. Einmal im Jahr organisieren wir eine Reise, in diesem Jahr geht`s nach Fehmarn, doch kleinere Ausflüge in die Umgebung stehen häufig auf dem Programm“, sagt Humm.

Das Mütterzentrum Vahr bietet seit etwa 30 Jahren einen offenen Treffpunkt nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter, dort gibt es einen Kinderspielbereich und eine Kinderkrippe. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles geändert. Damals ging es im Mütterzentrum vor allem um das Zusammensein in der Gemeinschaft, heute stehen meist zwei Fragen obenan: Wie bekomme ich eine Betreuung für meine Kinder? Und wie komme ich wieder in Arbeit?“ berichtet Sonja Dagli aus dem Büro des Mütterzentrums. Jeden Tag von Montag bis Freitag bietet der Verein zum Beispiel Sprachprojekte für Migranten oder PC-Kurse an, aber auch Beratungen zum Wiedereinstieg ins Berufsleben. „Besonders Frauen, die noch nicht gut Deutsch sprechen, trauen sich oft nicht aus dem Haus“, sagt Sonja Dagli. „Bei uns lernen sie in den Sprachprojekten, was man im Alltag zur Verständigung braucht.“ Das bringe die Integration entscheidend voran. Auch bei den Sprintern Vahr, bei denen derzeit 20 Leute arbeiten, steht die Arbeit mit geflüchteten Menschen obenan. Sie vermitteln vor allem Leute, die bei der sprachlichen Integration mithelfen. „Und dabei gehen Orientierung im Alltag und Deutsch-Kenntnisse Hand in Hand“, sagt Betriebsleiterin Gaby Dannemann. Die Sprinter gewinnen Frauen und Männer, die älter als 25 Jahre sind, einen Migrationshintergrund haben und Arbeitslosengeld II beziehen.

Auf diese Weise kommen Leute zusammen, die verschiedene Sprachen beherrschen. „Wir haben zum Beispiel einen Maschinenbauer aus dem Iran, der seine Kenntnisse für Menschen aus dem persisch-arabischen Sprachraum einsetzt“, sagt sie. Die Integrationshelfer gehen mit, wenn Geflüchtete ins Krankenhaus oder zum Arzt müssen, eine Wohnung besichtigen oder eine Bank aufsuchen, sie helfen beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen.

Über Beratung und Hilfe für Kinder, Jugendliche über Mütter und Väter bis zu vereinsamten Senioren hat sich in der Vahr ein enges Netzwerk gebildet. „Auch in anderen Stadtteilen Bremens sind die sozial tätigen Vereine und Initiativen vernetzt, doch in der Vahr funktioniert das besonders gut“, findet Gaby Dannemann von den Vahrer Sprintern.

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