Schutz im Hochhaus

Vertikale Nachbarschaft trotzt Corona

Im Aalto-Hochhaus in der Vahr müssen Mieter besondere Rücksicht aufeinander nehmen. Einige wünschen sich eine deutlichere Ansprache des Vermieters.
25.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Vertikale Nachbarschaft trotzt Corona
Von Christian Hasemann

Im vergangenen Jahr hat die Absperrung und Quarantäne eines ganzen Mietshauses in Göttingen für bundesweite Schlagzeilen gesorgt. In dem Haus wohnten zu dem Zeitpunkt etwa 700 Menschen. Ähnlich große Wohnblöcke gibt es auch in Bremen. In der Vahr steht einer der höchsten: das denkmalgeschützte Aalto-Hochhaus. Die Mieter müssen dort besondere Rücksicht aufeinander nehmen und an der ein oder anderen Stelle sehen sie noch Verbesserungsbedarf beim Schutz vor dem Corona-Virus.

Renate Pusch und Dietrich Quadt haben wohl eine der spektakulärsten Aussichten in Bremen: Sie bewohnen eine knapp 60 Quadratmeter große Wohnung im 20. Stockwerk des Aalto-Hochhauses. Eine Aussicht, die sie in Corona-Zeiten besonders genießen. Zwei Jahre haben sie darauf gewartet, dass eine Wohnung in dem denkmalgeschützten Gebäude frei wird. Erst im vergangenen Jahr, kurz vor dem ersten Lockdown im Frühjahr sind sie vom Viertel in die Vahr gezogen. Die geplante Einweihungsparty mussten sie wegen der Epidemie allerdings absagen.

Damals, so sagen sie, seien die Menschen noch viel lockerer mit den Hygienemaßnahmen umgegangen. „Erst mit der Maskenpflicht auf dem Markt vor der Berliner Freiheit wurde das auch hier im Haus ernster genommen“, sagt Pusch. Seit ein paar Wochen hänge auch ein Schild vor den Fahrstühlen, dass diese nur einzeln benutzt werden sollten. Die allermeisten Nachbarn hielten sich an die Vorgaben. „Aber gerade am Anfang kam es schon mal vor, dass jemand ohne Maske unterwegs war“, so Pusch. „Generell wird im zweiten Lockdown aber viel mehr drauf geachtet“, sagt Quadt.

Wer im 20. Stockwerk wohnt, ist auf den Fahrstuhl angewiesen – und trifft besonders dort seine Nachbarn. „Im Hochhaus lernt man sich im Fahrstuhl kennen“, sagt Quadt. Letztlich funktioniere das Aalto-Hochhaus wie eine normale Wohnstraße. „Nur eben vertikal und nicht horizontal.“ Das Kennenlernen der Nachbarschaft ist mit den Hygiene-Maßnahmen nur noch eingeschränkt möglich. „Und es ist eigentlich selbstverständlich, dass man nicht zusteigt, wenn schon jemand im Fahrstuhl ist“, betont Quadt.

Das Rentnerpaar nutzt die besondere Architektur des Hauses, wenn es Besuch hat. „Es gibt auf jedem Stockwerk eine Kommunikationsebene. Da können wir uns mit Abstand und außerhalb der Wohnung unterhalten“, erzählt Quadt. Das Paar lebt, wie so viele Menschen derzeit, sehr zurückgezogen. „In die Wohnung lassen wir nur Leute, die wir sehr gut kennen und von denen wir wissen, dass sie ähnlich zurückgezogen leben wie wir“, sagt Renate Pusch.

Ansonsten vertreibt sich das Paar die Zeit mit langen Spaziergängen in der Vahr. „Im ersten Lockdown haben wir den Stadtteil erkundet“, erklärt Pusch. Dabei hat das Paar die Vorzüge der Vahr schätzen gelernt. „Wir wohnen wie in einem Park mit sehr viel Grün und einer familienfreundlichen Atmosphäre.“ Ungeduldig, dass die Beschränkungen möglichst bald aufgehoben werden, wird das Paar wohl auch deswegen nicht. „Wir haben ein Jahr Corona durchgestanden, wir schaffen auch noch ein paar Monate“, sagt Quadt. Und dann soll auch die Einweihungsparty nachgeholt werden.

Rolf und Erika Diehl dagegen treiben zwei Dinge um. „Einerseits ist die Sorge wegen unseres Alters und Vorbelastungen da und andererseits ist da die Sorge, was passiert, wenn das Haus unter Quarantäne gestellt wird“, sagt Diehl, der mit dem Vahreport seit Jahren das Leben im Stadtteil dokumentiert.

Einen Notfallplan für den Fall einer umfassenden Quarantäne von Wohnblocks gebe es in Bremen nicht, lautet die Auskunft aus dem Gesundheitsressort. „Einen Austausch im Landeskrisenstab gab es zu Beginn der Pandemie“, erklärt Pressesprecher Lukas Fuhrmann. Die Gegebenheiten vor Ort seien sehr unterschiedlich und ein einheitliches Verfahren nur schwer möglich. Eine Maskenpflicht in Fluren oder Fahrstühlen liege im Bereich des Privatrechts des Eigentümers.

Gewoba-Sprecherin Christine Dose verweist darauf, dass die Gewoba keine hoheitlichen Aufgaben übernehmen dürfe. „Es gelten die Corona-Verordnungen.“ Abstände und Maskenpflicht gelten wie überall auch im Gewoba-Eigentum. „Wenn sie also an einem Fahrstuhl stehen, müssen sie wie überall sonst auch Abstand halten.“ Derzeit sind das 1,5 Meter. Im Falle eines großen Corona-Ausbruchs sei es Aufgabe der Innen- und der Gesundheitsbehörden Quarantäne anzuordnen und zu überwachen, so Dose weiter. „Da haben wir keine Kontrollmöglichkeit.“

Tatsächlich macht die aktuellste Fassung der Corona-Verordnung zur Maskenpflicht in Wohnhäusern keine Angaben. Für Behörden und Ämter gilt dagegen eine Maskenpflicht im Eingangsbereich, im Treppenhaus, auf dem Flur, in Aufzügen, im Toiletten-Raum und in Warteräumen.

Die Treffpunkte im Aalto-Hochhaus seien vor allem die Eingangstüren, sagen Erika und Rolf Diehl. „Da geht es oft dicht aneinander vorbei.“ Zwar hätten auch sie beobachtet, dass sich die allermeisten Nachbarn an die Hygieneregeln hielten. „Aber unten in der Eingangshalle beim Klönen sieht man den Unterschied: Es gibt welche, die die Masken nicht tragen oder den Abstand nicht einhalten.“ Was ihm fehle, ist ein offizielles Maskenpflicht-Schild direkt am Eingang, so wie es welche für den Marktplatz oder auch dem Einkaufszentrum gibt. Auch vom Vermieter wünscht sich das Ehepaar ein konsequenteres Handeln. „Für die meisten Menschen sind die Regeln eigentlich klar genug, aber andere brauchen vielleicht eine direktere Ansage“, mutmaßt Diehl. In der Hinsicht sei die Gewoba doch eher zurückhaltend.

Mit der eigenen Situation kommt das Ehepaar nach eigener Aussage gut zurecht, mit dem Vahreport gebe es genug zu tun. Etwas anderes aber bedrückt die Diehls: „Was uns sehr trifft, sind die schon geschlossenen Geschäfte und die traurigen Gesichter der Gastronomen in der Berliner Freiheit, die langsam aber sicher zugrunde gehen.“ Als ehemaliger Selbstständiger wisse er, wie schlecht es den Menschen gehen muss. „Und das bedrückt einen schon.“

Info

Zur Sache

Alvar Aalto

Der finnische Star-Architekt, hat das 65 Meter hohe Wohnhochhaus entworfen, das zum Wahrzeichen des Stadtteils Vahr geworden ist. Es wurde von 1959 bis 1961 gebaut und steht seit 1998 unter Denkmalschutz. Aalto setzte in seinem Entwurf auf Individualität und Kommunikation. Alle Wohnungen, in dem zur Abendsonne ausgerichteten Gebäude haben einen eigenen Grundriss, in jeder Etage gibt es öffentlichen Raum für Begegnung und Kommunikation. Bis in die 1970er-Jahre war das Aalto-Hochhaus das höchste Wohnhochhaus in Deutschland. Das Fundament hat eine Grundfläche von 650 Quadratmetern und eine Gesamtwohnfläche von 7860 Quadratmetern. Das Gebäude besteht aus 189 Wohnungen, die fächerförmig auf die 21 Geschosse verteilt sind. Eigentümer des Gebäudes ist die Gewoba.

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