Gesundheit für die Vahr

Mehr als Ernährung und Bewegung

Menschen in der Vahr sollen die Möglichkeit bekommen, gesünder zu Leben. Dafür wird eine neue Koordinierungsstelle eingerichtet.
03.09.2020, 10:41
Lesedauer: 4 Min
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Mehr als Ernährung und Bewegung
Von Christian Hasemann
Mehr als Ernährung und Bewegung

Julia Törper (links) und Maria Zywicka arbeiten für die Gesundheit der Bewohner in der Vahr.

PETRA STUBBE

Die Corona-Krise hat in den vergangenen Monaten das Thema Gesundheit plötzlich und massiv ins Bewusstsein der Menschen gebracht. Gründliches Händewaschen, Abstand halten, in die Armbeuge niesen – eigentlich altbekannte Präventionsmaßnahmen leben auf. Der Ausschuss für Gesundheit des Beirats Vahr hat das Thema Gesundheitsförderung in seiner jüngsten Sitzung aufgegriffen. Mit der Bundestagsabgeordneten Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) hatte der Ausschuss einen Gast eingeladen, der auf Bundesebene einen breiteren Ansatz in der Gesundheitsprävention fordert. Dies könnte auch auf Stadtteilebene Auswirkungen haben.

„Lehren aus Corona haben wir einen ganzen Strauß“, sagte Medizinerin Kappert-Gonther, Sprecherin für Gesundheitsförderung bei den Grünen und Obfrau im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Sie wolle sich aber auf zwei besonders relevante Punkte beschränken. „Gesundheit ist weit mehr als das individuelle System.“ Gesundheit sei immer abhängig von den Rahmenbedingungen, in denen die Menschen lebten. „Arbeit, Schule, Freizeit“, so Kappert-Gonther. Ihr Fazit: „Gesundheit entscheidet sich maßgeblich im Alltag.“ Im Wortlaut sind gesundheitspolitische Entscheidungen wie das Präventionsgesetz von 2016 erst einmal eher abstrakt. „Aber alle Entscheidungen, die wir hier, in der Bürgerschaft und im Bundestag treffen, haben immer auch Auswirkungen auf die Gesundheit vor Ort“, schlug sie den Bogen vom Bundestag in die Aula der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee.

Kappert-Gonther unterstrich außerdem die Forderung, die Gesundheitsämter personell besser auszustatten. „Der öffentliche Gesundheitsdienst wurde zu wenig beachtet.“ Schon vor Corona hätten diese eine enorme Arbeit geleistet. Durch die Pandemie könnten die Gesundheitsämter derzeit ihre Aufgaben im Bereich der Gesundheitsprävention kaum wahrnehmen.

Die Grünenpolitikerin vertritt einen eher ganzheitlichen Ansatz in der Gesundheitsförderung. „Klimaschutz und Gesundheit gehören zusammen.“ Durch Hitze habe es in den vergangenen Jahren signifikant mehr Tote gegeben. „Wir wissen auch, dass Menschen, die an Straßen leben, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Lungenkrankheiten zu entwickeln.“ Tatsächlich gilt es als erwiesen, dass auch Straßenlärm krank machen kann – deswegen gibt es bei Neubauprojekten Vorgaben, wie hoch der Schalldruck in Wohn- und Außenbereichen sein darf. Für Kappert-Gonther hat deswegen auch der Städtebau Einfluss auf die Gesundheit. „Es spielt eine Rolle, ob es Fuß- und Radwege gibt, auf denen man laufen kann, ob es einen Bäcker gibt, zu dem man gehen kann oder Orte, wo es Gelegenheiten zum Treffen gibt.“ Orte, wie sie es mit dem Marktplatz der Begegnung im Gemeindezentrum der Heilig-Geist-Kirche in der August-Bebel-Allee oder dem Vahrradieschen in der Vahr schon gebe.

Im September entscheidet sich, ob der Bremer Osten eine Koordinierungsstelle für Prävention bekommt. Diese Nachricht brachte Sonja Wagener vom Gesundheitsressort mit in den Ausschuss. „Diese Stelle soll einen Überblick schaffen, was es schon für Mittel gibt und Bedarfe erfassen.“ Mit in den Blick sollen außerdem Grünflächen, die Stadtentwicklung und die Sportvereine genommen werden. Diese Stelle soll zunächst auf drei Jahre angelegt sein. Indessen: eine genaue Aufgabenbeschreibung oder in welchem Stadtteil des Bremer Ostens diese Koordinierungsstelle eingerichtet werden wird, gab es in der Sitzung noch nicht.

Konkret dagegen ist die Arbeit von Julia Törper, sie koordiniert das Netzwerk für Gesundheit in der Neuen Vahr. „Wir möchten für Gesundheitsthemen sensibilisieren, leider haben wir durch Corona nicht so viel erreicht, wie wir wollten.“ Das Netz­werk für Ge­sund­heit wurde 2019 ge­grün­det. Mitglieder sind gemeinnützige und soziale Ein­rich­tung­en für Kinder, Ju­gend­li­che und ältere Menschen, Kitas und Schulen. Zu den Aktivitäten des Netz­werkes ge­hö­ren nach eigenen Angaben gesundheitsfördernde An­ge­bo­te in den Bereichen Be­we­gung, Er­näh­rung, Ent­span­nung, Sucht und Gewaltprävention sowie Fort­bil­dung­en Beschäftigte in den Ein­rich­tung­en, zum Beispiel Begegnungsstätten und Freizeitheimen. Das Projekt wird von der Techniker Krankenkasse mit 30 000 Euro gefördert.

Seit fast drei Jahren arbeitet Maria Zywicka als Gesundheitsfachkraft an der Grundschule Paul-Singer-Straße, ein Projekt, das mit dem Präventionsgesetz möglich wurde. „Themen sind Ernährung, Bewegung und Hygiene“, zählte sie als Beispiele auf. Letzteres sei durch Corona besonders aktuell geworden. „Ich mache außerdem Einzelberatung, Gruppenberatung und betreibe die Vernetzung im Stadtteil.“ Allerdings: Die Förderung des Projekts an zwölf Bremer Schulen mit insgesamt sieben Fachkräften läuft im Dezember 2020 aus. „Wir müssen etwas tun, dass dieses Projekt in der Vahr, aber auch in der ganzen Stadt bestehen bleibt“, sagt Beiratssprecher Bernd Siegel (SPD). Offenbar deutet sich in der Frage aber eine Lösung an. „Es wird versucht, dass man über einen erweiterten und veränderten Antrag noch mal eine Förderung bekommt“, so Sonja Wagener. Außerdem stehe ein Haushaltstitel in einem Sondertopf des Haushalts bereit, über den im September in der Bürgerschaft entschieden werde. „Wir gehen davon aus, dass es weiterlaufen wird.“

Kappert-Gonther hebt das Thema auf Bundesebene. „Es gibt Bestrebungen in den Ländern, und das finden wir auch, dass Gesundheitsfachkräfte nicht nur an einzelnen Schulen, sondern flächendeckend eingesetzt werden sollten.“

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Zur Sache

Das Präventionsgesetz

In Kraft getreten ist das Gesetz 2016. Es soll neue Maßnahmen in den Bereichen Vorbeugung gegen Krankheiten, Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten ermöglichen. Ein wesentlicher Kern ist eine nationale Präventionsstrategie, die von den Krankenkassen, der Rentenversicherung, der Unfallversicherung und privaten Krankenversicherungsunternehmen in einer Nationalen Präventionskonferenz erarbeiten werden soll. Seit Einführung des Gesetzes können Ärzte Präventionsempfehlungen über Leistungen von Anbietern in der Gesundheitsförderung wie Volkshochschulen, Sportvereine und Fitness-Center ausstellen. Präventionskurse werden von den Krankenkassen, wenn die Kurse Qualitätsvorgaben der Krankenkassen entsprechen, bezahlt. Die Kranken- und Pflegekassen sollen außerdem Präventionsprogramme für Gemeinschaftseinrichtungen, zum Beispiel Schulen, und Kitas, auflegen. Teil des Gesetzes ist auch die Förderung von sogenannten Lebenswelten durch die Kassen. Gefördert und ausgebaut werden sollen „gesundheitsförderliche Strukturen“, zum Beispiel in Quartieren wie der Vahr. Finanziert werden die Programme unter anderem durch die Krankenkassenbeiträge aller Versicherten.

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