Klimawandel vor Ort

Strom soll von Dächern kommen

Auf den Dächern der Vahr soll künftig mehr Strom produziert werden. Vorreiter sollen wie auch in anderen Stadtteilen die öffentlichen Gebäude sein.
22.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Strom soll von Dächern kommen
Von Christian Hasemann
Strom soll von Dächern kommen

Auf den Dächern der Vahr wäre genug Platz für Solaranlagen.

PETRA STUBBE

Die Europäische Union hat sich in dieser Woche auf eine Reduktion der CO2-Emissionen um 55 Prozent verständigt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen große Teile der Energieerzeugung auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Neben dem Bau von Windrädern stehen Photovoltaik-Anlagen im Fokus, denn diese könnten auf bisher ungenutzten Dachflächen Strom erzeugen. In der Sitzung des Beirats Vahr haben sich die Stadtteilpolitiker nun über die Potenziale ihres Stadtteils informieren lassen. Eines ist nach der Sitzung klar gewesen: Ganz so einfach wird es nicht mit der Stromerzeugung vom Dach.

Derzeit werden in der Vahr etwa 416 Kilowatt Strom durch Solaranlagen erzeugt, das ist im Vergleich zu anderen Stadtteilen eher wenig. „Hohe Zahlen haben wir vor allem dort, wo wir große Gewerbegebiete mit großen Hallenflächen haben“, erklärte Hartmut Eichhorn vom Umweltressort. Die meisten Anlagen seien außerdem zur einer Zeit gebaut worden, als es durch Förderungen lukrativer gewesen sei. „Nun zieht es aber wieder etwas an.“ 2020 seien in der Vahr sieben Anlagen mit einer Gesamtleistung von 55 Kilowatt dazu gekommen.

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„Wir wünschen uns, dass noch viel auf Bestandsgebäuden dazu kommt“, so Eichhorn. Für alte Gebäude gelte aber Bestandsschutz. „Solange sich der Eigentümer da nicht selbst für interessiert, können wir da nichts machen.“ Anders sehe es bei Neubauvorhaben aus. Dort könne die Stadt zum Beispiel über städtebauliche Verträge Vorgaben machen.

Klaus Prietzel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warb für das Projekt Solarcity, mit dem Umweltverbände die Aufmerksamkeit der Politik auf den Ausbau der regenerativen Energie lenken wollen. „Wir haben eine riesige Klimakrise, die sich aufbaut, und wo wir gucken müssen, wie wir da raus kommen.“ Es sei schon viel Zeit verloren gegangen. „Nun haben wir Zeitdruck.“ Im Wesentlichen bleiben zur Umstellung der Energieversorgung zwei Techniken. „Das sind im Wesentlichen Wind und Solar.“ Während erstere in Bremen beinahe ausgereizt sei, handele es sich bei der Solarenergie um eine „schlafende Riesin.“

„Derzeit produzieren wir 50 Megawatt Strom in Bremen, wo wir hinkommen sollten und können sind 1000 Megawatt.“ Das entspreche etwa 25 Prozent des benötigten Strombedarfs. „Wesentliche Flächen wären die Dächer öffentlicher Gebäude“, so Prietzel. Diese könnten als Vorbildfunktion dienen. „Dort hat die bremische Politik am ehesten Zugriffsmöglichkeiten, und da wissen die Beiräte und Ortsämter, wo potenzielle Flächen sind.“ Mit Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden könnten nach Prietzels Angaben zehn Prozent des angestrebten Ziels erreicht werden. Sein Blick geht daher auf die Wohngebäude in der Vahr. „Oder auch versiegelte Freiflächen wie Parkplätze“, sagte er mit Verweis auf Baden-Württemberg, wo Parkplätze für mehr als 75 Autos mit Solaranlagen überdacht werden müssen.

Ein Blick über die Vahr verrät, dass viele Mehrgeschossgebäude Potenzial für Solaranlagen bieten. Eigentümer der meisten Wohngebäude in der Vahr ist die Wohnungsgesellschaft Gewoba. Deren Vertreterin, Petra Kurzhöfer, machte deutlich, dass es ganz so einfach dann doch nicht ist. „Nicht jede Dachfläche kann so genutzt werden, sei es aus statischen Gründen oder bei Hochhäusern aus baurechtlichen Fragen. Manchmal verhindern auch technische Anlagen wie Antennen und Funkmasten einen Aufbau.“

Zudem seien die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht sehr lukrativ. „Wenn wir PV-Anlagen aufstellen, dann müssen wir schauen, was es unseren Mietern nützt“, sagte Kurzhöfer. Sinnvoll sei, und da stimmten Prietzel und Eichhorn zu, dass der auf dem Dach erzeugte Strom direkt von Mietern genutzt und nur der Überschuss in das öffentliche Netz eingespeist werde. „Und das muss sich vernünftig wirtschaftlich darstellen“, sagte Kurzhöfer. Prietzel pflichtete ihr bei: „Es ist immer noch eine sehr ungünstige, komplexe Regelung zum Mieterstrom.“ Er baue darauf, dass in dieser Hinsicht bundespolitisch etwas geschehe. „Der jetzige Stand ist etwas holperig.“

Beiratssprecher Bernd Siegel (SPD) wollte wissen, wie weit die Stadt mit der Überprüfung der öffentlichen Gebäude ist. „Wir haben viele Kitas und Schulen mit Flachdächern“, erinnerte er. „Öffentliche Gebäude sind eine Sache von Immobilien Bremen (IB)“, so Eichhorn. Es gebe aber die Entscheidung des Finanzressorts und von IB, dass künftige Anlagen selbst betrieben und die öffentlichen Dachflächen nicht Investoren zur Verfügung gestellt werden sollen. „Eigenverbrauch und Einspeisung macht es sinnvoll“, sagte Eichhorn. Wirtschaftlich sei auch das noch nicht ideal. „Aber es ist aus Klimasicht optimal“, fügte er hinzu.

Der Beirat konnte sich am Sitzungsabend noch nicht auf eine Stellungnahme einigen. Diese wird voraussichtlich in den kommenden Tagen folgen.

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Zur Sache

Wichtige Faktoren

Die Stromgewinnung aus Sonnenlicht hängt von vielen Faktoren ab. Da wäre zum einen die Ausrichtung zur Sonne und der Neigungswinkel. Eine Ausrichtung gen Süden ist effizienter als eine nach Osten. Für eine optimale Energiegewinnung muss auch der Neigungswinkel stimmen. Im Idealfall trifft dann das Sonnenlicht senkrecht auf die Solarzellen. Und schlussendlich hängt der Wirkungsgrad vom Modultyp ab. Derzeit sind Module aus mono- und polykristallinem Silizium verbreitet. Diese erreichen einen Wirkungsgrad von 20 bis 22 beziehungsweise von 15 bis 20 Prozent. Monokristalline Module sind teurer in der Herstellung. Das Material kann nur bestimmte Wellenlänge des Lichts verarbeiten, dadurch erklärt sich der Wirkungsgrad. An Modulen, die verschiedene Materialien stapeln und dadurch mehr Wellenlängen verarbeiten können, wird geforscht. Theoretisch sind Wirkungsgrade bis zu 80 Prozent möglich.

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