Stadtteilcheck Vahr Wer hier wohnt, will nicht mehr weg

Vahrer Bürgerinnen und Bürger leben trotz anfänglicher Skepsis sehr gerne in ihrem Stadtteil. In einigen Bereichen sehen sie aber Verbesserungsbedarf,
15.09.2022, 06:00
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Wer hier wohnt, will nicht mehr weg
Von Christian Hasemann

Frank Katzer aus der Vahr war Seemann. Als er 1978 von einer Fahrt zurückkam, war seine Frau weg. Umgezogen. In die Vahr. Für Katzer damals ein unbekanntes Bermuda-Dreieck. Wie er sie wiederfand und warum die Vahr doch zur Heimat wurde, erzählt er am Stand des Stadteilchecks des WESER-KURIER auf dem Markt an der Berliner Freiheit.

"Ich bin da hingekommen und hab zu meiner Frau gesagt, du kannst gleich wieder packen", erinnert sich Frank Katzer. Dass seine Reaktion verhalten ausgedrückt eher begeisterungsarm ausfiel, erklärt er mit dem damaligen Image der Vahr. "Am Anfang hatte die Vahr nicht so den guten Ruf in Bremen."

Vahr ist zentral

Er habe sich aber eines Besseren belehren lassen, so Katzer. Wenn man so will, sind die Katzers nicht mehr aus dem Bermuda-Dreieck Vahr aufgetaucht: Seit 44 Jahren wohnen sie nun in dem Stadtteil. Tatsächlich sogar noch in derselben damals so verschmähten Wohnung, die die Katzers inzwischen gekauft haben.

"Es ist sehr grün und die Menschen kommen gut miteinander klar", zählt Katzer auf. "Die Vahr ist zentral gelegen, man hat alles vor Ort, Ärzte, Geschäfte, eine Post."

Große Probleme sieht er in der Vahr nicht. "Ich hätte gerne etwas mehr Polizeipräsenz durch den Kontaktpolizisten und der Müll könnte häufiger aufgeräumt werden." Das seien aber Probleme, die es auch in anderen Stadtteilen gebe. Außerdem habe die Vahr mit dem Vahreport einen eigenen Fernsehsender. "Wer hat das schon?", fragt Katzer.

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Auch Roswitha Rotzoll lebt seit mehr als 40 Jahren in der Vahr. Sie hat auf dem Markt eingekauft, bevor sie an den Stand des WESER-KURIER kommt. "Erst einmal war es gewöhnungsbedürftig", sagt sie über ihre ersten Eindrücke, die die Vahr auf sie gemacht hat. Sie hatte vorher in einen Vorort von Bielefeld mit Altbaucharakter gelebt. "Und das hier war ja ein ganz neuer Stadtteil."

Aber sie wurde gut aufgenommen. "Die Menschen waren sehr nett und hilfsbereit." Als absoluten Pluspunkt der Vahr bezeichnet sie den Markt. Dennoch gibt es auch Veränderungen zu damals. "Es gab noch viel mehr kleinere Geschäfte." Ein wesentlicher Grund in der Vahr zu bleiben, ist für sie die evangelische Christuskirche. Welche Vorzüge die Vahr noch habe? "Die Erreichbarkeit ist sehr gut, die Versorgung mit Ärzten ist gut, die Anbindung an die Innenstadt perfekt."

Kulturangebot könnte größer sein

Einzig beim Kulturangebot sieht sie noch Potenzial. "Da gibt es nicht so viel, aber ich finde es relativ normal, dass sich die Kultur auf bestimmte Orte konzentriert."

Ralf Möller wohnt hingegen nicht in der Vahr. Als Ortstamtsleiter Vahr/Schwachhausen hat er seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr den Stadtteil aber sehr genau kennengelernt. Für ihn hat die damalige Städtebauplanung vieles richtig gemacht. "Die Vahr ist auch nach heutigen Kriterien zukunftsfähig", sagt Möller.

Er meint damit vor allem die in der Vahr prägende Verbindung von Wasser- und Grünflächen im Stadtteil, der als einer der grünsten ganz Bremens gilt. Als ehemaliger Referatsleiter im Umweltbetrieb sieht Möller diese Grün- und Wasserflächen auch als wichtiges Instrument gegen die Auswirkungen des sich beschleunigen Klimawandels. "Das Grün muss im Fokus bleiben", fordert er. Es wäre fatal, wenn die verbliebenen Freiflächen bebaut würden.

An einigen Stellen sieht der Ortsamtsleiter noch Verbesserungsbedarf. "Der Vahrer See muss viel stärker aufgewertet werden und darf nicht nur als Wasserspeicher gesehen werden."

Das ist durchaus eine Forderung, die auch der Beirat unterstützt. Und diese Zusammenarbeit hebt Möller hervor. "Der Beirat arbeitet hier inhaltlich und konstruktiv über die Parteigrenzen hinweg und das finde ich toll." Er betont aber auch das Engagement anderer Institutionen wie Schulen, Kitas, Bürgerzentrum Neue Vahr und des Familien- und Quartierszentrums. "Hier wird nicht gejammert, sondern gehandelt."

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Sauberkeit bleibt Thema

Seit 1980 wohnt Beiratssprecher Bernd Siegel (SPD) in der Vahr. "Wir wohnen in einem Reihenhaus und haben eine hohe Wohnqualität mit netten Nachbarn und viel Grün vor der Tür", sagt der Privatmann Siegel. Der Politiker Siegelt betont: "Wir haben hier ein Netzwerk, wo man hervorragend etwas bewegen kann und das ist der Grund, warum ich hier nicht mehr weg will." Natürlich gebe es Punkte, wo man noch nicht sei, wo man hin möchte. "Das Thema Sauberkeit ist noch nicht so, wie wir uns das vorstellen, aber es geht Schritt für Schritt voran."

Renate Kaufmann ist 1962 in die Vahr gezogen, damit dürfte sie eine der ersten Bewohnerinnen überhaupt gewesen sein. Sie bestätigt die Eindrücke der anderen befragten Vahrer Bürgerinnen und Bürger. "Es hat sich nur zum Vorteil verändert", sagt sie. Sie sei schon seit Jahren nicht mehr in die Innenstadt gefahren. "Ich wohne hier gerne und möchte nicht mehr weg." Da ist es wieder: das Bermuda-Dreieck Vahr.

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