Zukunft des Bremer Stadtteils Vahr

Ortsamtsleiterin Mathes: „Die Leichtigkeit des Lebens fehlt“

Ortsamtsleiterin Karin Mathes spricht im Interview über die Auswirkungen von Corona und die Zukunft des Stadtteils Vahr.
11.01.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Ortsamtsleiterin Mathes: „Die Leichtigkeit des Lebens fehlt“
Von Christian Hasemann

Frau Mathes, 2020 war ein schwieriges Jahr, wie haben Sie dieses besondere Jahr wahrgenommen?

Karin Mathes: Angespanntheit und Schwere sind zu spüren, die Leichtigkeit des Lebens fehlt. Die ständige Konfrontation mit der aktuellen Pandemie-Situation, vielfache Änderungen dessen, was im öffentlichen Leben erlaubt oder verboten ist, verlangt dem Einzelnen, aber auch den Institutionen des Stadtteils viel ab.

Wie hat sich die Epidemie auf die Arbeit im Ortsamt und im Stadtteil ausgewirkt?

Die Bedeutung der Pandemie für die Stadtteile ist im Ortsamt in den Vordergrund gerückt, und wie wir gegebenenfalls Abhilfe schaffen können. Damit haben sich auch Prozesse verändert, wie die Globalmittelvergabe und die Organisation von Sitzungen. Als Stichworte seien bei Letzteren größere Räume, Hygienekonzepte und Videokonferenzen genannt. Immer begleitet von langen Diskussionen der Beiratsmitglieder, was wer wie am besten findet. Gemeinsames Ziel war und ist, die Demokratie aufrecht zu erhalten. Selbstredend ist das öffentliche Leben im Stadtteil runtergefahren. Die Menschen sind mehr zu Hause. Damit hat sich die Parksituation in einigen Straßen der Vahr verschärft und die Vermüllung, insbesondere rund um die Altkleidercontainer, hat zugenommen.

Was ist eine besonders positive Beobachtung, die sie während der Epidemie im Stadtteil gemacht haben?

Viele Akteure des Stadtteils haben mit Kreativität und Engagement Antworten auf die jeweils neuen Herausforderungen entwickelt. Ich will hier nur eines der vielen Beispiele nennen: Das diesjährige Stadtteilfest wurde als Rallye durch die Vahr durchgeführt, an der sich Vahrer Einrichtungen als Stationen beteiligt haben. Das Netzwerk hat funktioniert.

Wo sehen sie Verbesserungsbedarf? Gibt es Personengruppen, die vergessen wurden?

Insbesondere beim ersten Lockdown wurden die Kinder vollständig vergessen. Im Geschosswohnungsbau waren sie über mehrere Wochen in den Wohnungen eingesperrt: keine Gärten, Spielplätze zu und auch keine Kita und Schule. Das hat mir in der Seele wehgetan. Die ganze Zeit waren die Jugendlichen zu wenig im Blick. In den Jugendfreizeiteinrichtungen findet aufgrund der beschränkten Besuchszahlen mit Anmeldung wenig vor Ort statt und auch Streetwork ist mit den Kontaktbeschränkungen schwierig. Außer in der virtuellen Welt gibt es fast keine Möglichkeiten für Jugendliche, beispielsweise neue Freundschaften zu schließen.

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Trotz Corona ging die politische Stadtteilarbeit weiter. Welche Chancen ergeben sich vielleicht für die Beiratsarbeit aus der Corona-Krise? Hat die Krise einen technischen Schub in die Ortsämter gebracht?

Von den meisten Ortsämtern werden die Sitzungen wie jetzt in der Vahr als Videokonferenzen durchgeführt. Das als technischen Schub zu bezeichnen, wäre aber ein bisschen übertrieben. Wir sind schon gut aufgestellt. Nur leider können wir unter anderem unser elektronisches Archiv nicht vollumfänglich nutzen, da in den meisten Sitzungsräumen nach wie vor ein leistungsfähiges WLAN fehlt. Für die Beiratsarbeit hat sich aber die Chance eröffnet, sich mehr mittels digitaler Formate zu beraten.

Gibt es vielleicht auch Chancen über das nun Gelernte zu noch mehr Bürgerbeteiligung zu kommen?

Für Schwachhausen kann ich mir das vorstellen, in der Vahr glaube ich eher nicht. Bei den bisherigen Video-Konferenzen in der Vahr gab es auch nicht gerade einen Ansturm.

Welche Entwicklungen in der Vahr würden sie für das abgelaufene Jahr hervorheben?

Die Finanzierung von Einrichtungen im sozialen Bereich hat sich deutlich verbessert: für das Familien- und Quartierszentrum, die Jugendfreizeitheime sowie die Seniorentreffs und -Begegnungsstätten gibt es mehr Geld.

Im Dezember wurde der Planaufstellungsbeschluss für die Querspange Ost gefasst. Wie wichtig ist diese Entscheidung für die Vahr?

Sehr wichtig, denn die neue Straßenbahnverbindung wird den Stadtteil Vahr deutlich besser an die Östliche Vorstadt und die Innenstadt anbinden.

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Ist die Querspange ein Argument für Vahrer auf das Auto zu verzichten? Stichwort: Parkplatznot im Stadtteil?

Sicher ist das ein weiterer Baustein, sich für eine zukunftsfähige Mobilität ohne Auto zu entscheiden. Mit der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, mit dem Weser-Kurier-Bike und Car-Sharing-Stationen steht die Vahr auch heute schon nicht schlecht da.

Welche weiteren Projekte, die in den vergangenen Jahren im Stadtteil angeschoben wurden, werden sich zukünftig noch als wichtig erweisen?

Die Schaffung der Räumlichkeiten für Kindertagesbetreuung hat uns über Jahre beschäftigt und ist endlich gelungen. Wenn der Fachkräftemangel behoben sein wird, sind die Voraussetzungen für eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung gut. In der Gartenstadt Vahr wird die Gewoba mit barrierefreien beziehungsweise -armen Wohnungen ihren Gebäudebestand ergänzen. In der Wilseder-Berg-Straße werden zwei Neubauten mit 62 Wohnungen, überwiegend Sozialwohnungen, gebaut. An drei Standorten in unmittelbarer Nähe werden drei Bremer Punkte mit rund 30 öffentlich geförderten Wohnungen entstehen. Der Unfallschwerpunkt bei der Berliner Freiheit wird endlich entschärft. Die Kreuzung ist für Fußgänger eine der gefährlichsten in Bremen, mit Schwerverletzten und auch Todesfällen. Zur Erhöhung der Verkehrssicherheit wird die Fußgängerfurt im Ampelbereich von vier auf acht Meter verdoppelt, auf der Seite des Einkaufszentrums Leitgitter aufgestellt, die Parkplätze an der Berliner Freiheit neu geordnet und zusätzliche Fahrradbügel installiert.

Wo werden im kommenden Jahr die Schwerpunkte liegen? Was steht an?

In der Gartenstadt Vahr zwischen Konrad-Adenauer-Allee, Ostpreußische Straße und Kleingartengebiet wird ein neuer Bebauungsplan aufgestellt, um ein Wohngebiet mit 150 Wohneinheiten, einer Kindertagesstätte sowie einer Pflegeeinrichtung für Senioren zu ermöglichen. Das neue Quartier soll als zertifizierte Bremer Klimaschutzsiedlung errichtet werden. Der Antrag auf Genehmigung einer Fernwärmeverbindungsleitung vom Müllheizwerk in Findorff bis zum Heizwerk in der Vahr als Baustein für den Kohleausstieg und zur Verbesserung des Klimaschutzes ist jetzt gestellt. Damit ist der Start für die formelle Beiratsbeteiligung erfolgt. In der Vahr soll die Fernwärmetrasse entlang der Kurfürsten- und Richard-Boljahn-Allee bis zum Heizwerk Vahr verlaufen. Die Genehmigung ist in 2021 zu erwarten.

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Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Neben den Dauerbrennern wie Stadtsauberkeit und Sanierung von Geh- und Radwegen muss die Verkehrswende an Tempo zunehmen, die beiden Schulen Witzlebenstraße und In der Vahr müssen gebundene Ganztagsschulen, der Wochenmarkt bei der Berliner Freiheit weiterentwickelt und die Gewässerqualität der Vahrer Fleete und des Vahrer Sees verbessert werden.

Und zuletzt eine persönliche Frage: Wie haben Sie die Lockdown-Phasen überstanden.

Meine Arbeit als Ortsamtsleiterin ging ohne Unterbrechung weiter. Mein Verkehrsmittel, das Fahrrad, hat noch mehr an Bedeutung gewonnen, auch für die Stärkung des Immunsystems. Die Freizeit war gekennzeichnet von weniger sozialen Kontakten, Sport zu Hause statt im Fitnessstudio und in der Sauna, mehr Kochen und auch mehr Hausarbeit.

Das Gespräch führte Christian Hasemann.

Info

Zur Person

Karin Mathes ist seit 2011 Leiterin des Ortsamtes Schwachhausen/Vahr. Die diplomierte Mathematikerin mit einem Doktortitel in Ökologie lehrte an der Gesamthochschule Kassel und der Universität Bremen. Von 1999 bis 2011 war sie außerdem Abgeordnete der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft. Geboren wurde Karin Mathes 1955 in Kassel.

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