Friedenspreisträgerin in der Vahr Vilma Núñez will weiter kämpfen

Die Menschenrechtsaktivistin Vilma Núñez hat mit Schülern der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee (KSA) in der Vahr über die Lage in ihrem Heimatland Nicaragua gesprochen.
16.11.2019, 06:36
Lesedauer: 4 Min
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Vilma Núñez will weiter kämpfen
Von Christian Hasemann

Fast alles, was sie und ihre Mitstreiter erkämpft haben, hat Vilma Núñez verloren. Dennoch gibt sie auch im hohen Alter von 80 Jahren den Kampf für die Menschenrechte in Nicaragua nicht auf. In der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee (KSA) hat die Aktivistin, die mit dem Bremer Friedenspreis ausgezeichnet wurde, mit Schülerinnen und Schülern über ihr Engagement gesprochen.

Was es heißt, wenn die Freiheit verloren geht und man sich nicht sicher fühlen kann, schilderte Vilma Núñez fast ganz am Ende ihres Vortrages auf Nachfrage einer Schülerin. „Ich bin eine Kämpferin, aber auch Opfer dieser Situation. Mein Alltag hat sich verändert, ich habe nicht mehr die Freiheit eines normalen Soziallebens.“ Das Land sei durchzogen von einem Spionagesystem. Ihr prominenter Status schütze sie vielleicht vor der Polizei. „Aber wenn ich meine Rente abhole oder ins Krankenhaus gehe, laufen Leute von der Regierung herum und machen Fotos von mir.“ Fotos, die in den sozialen Medien gezielt für Rufmordkampagnen genutzt würden und Fanatiker anstachelten. „Es gibt Leute, die sagen: 'Die gehört umgebracht!'“

Anwältin für politisch Gefangene

Vilma Núñez ist Juristin und hat in der Zeit des Diktators Somoza in dem mittelamerikanischen Land Oppositionelle verteidigt und aufseiten der Sandinisten gegen das Regime und für die Menschenrechte gekämpft. Sie wurde verhaftet und gefoltert. „Meine Arbeit bestand darin, politische Gefangene zu verteidigen und sie aus dem Gefängnis zu befreien.“ Zu den Gefangenen zählten Menschen jedes Alters. „Auch viele, die so alt waren wie ihr“, richtete sie ihre Worte an die Schüler im Foyer der KSA. Als letztes Mittel habe das nicaraguanische Volk keine andere Möglichkeit gehabt, als zu den Waffen zu greifen und gegen die somozische Diktatur zu kämpfen.

Nach dem Sieg der Opposition folgte eine Welle der Solidarität – insbesondere von Bremen aus. „Ein junges Mädchen aus Bremen kam, sie war 18 Jahre alt, sie hieß Julia Scherf.“ Julia Scherf ist die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters von Bremen, Henning Scherf. „Sie ist nach Nicaragua gegangen, um zu helfen“, so Vilma Núñez. Schließlich hätten sich auch die Eltern solidarisiert. Und genau darin sieht Vilma Núñez die Kraft der Jugend. „Das ist ein Beispiel der Kraft, die ihr habt, weil ihr Einfluss auf eure Eltern und eure Umgebung habt!“ Mit der Kraft komme aber auch eine große Verantwortung. „Das ist die Botschaft, die ich euch vermitteln möchte.“

Der ehemalige Mitstreiter und Anführer der Befreiungsbewegung, Daniel Ortega, hat sich in den letzten Jahren zu einem Diktator gewandelt. Seit 2018 lässt er die Opposition gewalttätig unterdrücken, es kam zu Morden und Verfolgung. Zur derzeitigen Lage in Nicaragua sagt Vilma Núñez: „Alles, was aufgebaut wurde mit Solidarität, ist zerstört und wir suchen nach Wegen, diese wieder aufzubauen.“ Dennoch denke sie nicht ans Aufgeben. „Wie konnte Ortega so werden?“, wollte eine Schülerin von der Menschenrechtsaktivistin wissen.

Eigene Fehler

„Das ist eine Frage, die sich alle stellen, ich mir auch“, so Vilma Núñez. Sie habe ein paar Anhaltspunkte, dass dies nicht plötzlich geschehen sei. „Ich glaube, er war schon immer so und hat die Leute an der Nase herumgeführt.“ Wie lasse sich verhindern, dass wieder so ein Mensch an die Macht komme?, schloss eine weitere Frage an. „Das ist die Herausforderung. Ich hoffe die Nicaraguaner haben gelernt und machen den Mund frühzeitig auf.“ Aber auch die Oppositionellen hätten Fehler gemacht. „Ich habe die Revolution unterstützt, aber wir waren nicht stark genug, Ortega zu sagen, dass er in eine falsche Richtung geht.“

Sie sehe kaum noch Möglichkeiten, dass sich die Mehrheit in ihrem Land durchsetzen kann. „Die Kraft Ortegas liegt in der Treue des Militärs.“ Eine Treue, die mit Gefälligkeiten, sprich Korruption, erkauft sei. Unterstützung erfahre Ortega außerdem durch paramilitärische Verbände. „Das sind sehr fanatische Verbände mit einer eigenen Organisation und militärischem Training.“ Sie stünden außerhalb der Polizei und des Militärs und würden oft für die Drecksarbeit eingesetzt.

Ein Schüler wollte wissen, was sie als Schüler machen können, um zu helfen. „Das ist schwierig zu beantworten“, so Vilma Núñez. „Die EU hat ein Gesetz verabschiedet für Sanktionen, die aber nicht angewandt werden. Ihr könntet die deutsche Regierung bitten, dass diese Sanktionen auch angewandt werden.“ Ein militärisches Eingreifen lehnt sie ab. „Das nicaraguanische Volk will keinen weiteren Krieg.“

Info

Zur Sache

Die Lage in Nicaragua

Nicaragua ist ein Land in Mittelamerika mit knapp sechs Millionen Einwohnern. Das Land wurde jahrzehntelang von Diktatoren beherrscht, insbesondere die Herrschaft Anastasio Somoza Debayles ab 1967 gilt als berüchtigt. In seiner Zeit wurden Oppositionelle ermordet oder verschwanden spurlos. 1977 kam es zu einem Bürgerkrieg in Nicaragua, als sich die Gegner Somozas, die sogenannten Sandinisten, erhoben und ihn 1979 aus dem Land vertrieben. Mit dem Machtwechsel kam es zu politischen, sozialen und kulturellen Reformen, darunter eine erfolgreiche Alphabetisierungskampagne für die Landbevölkerung und eine Krankenversorgung. Unterstützt wurden die Sandinisten bei ihrer Arbeit auch von Freiwilligen aus Industriestaaten, unter anderem Deutschland. Der Anführer der Sandinisten war Daniel Ortega. Dieser wurde nach Unterbrechungen 2011 und 2016 zum Präsidenten wiedergewählt, obwohl er laut Verfassung nicht hätte antreten dürfen. 2018 kam es zu Protesten, nachdem die Regierung auf Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) Sozialkürzungen vornahm. Ortega ließ die Proteste blutig niederschlagen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen könnten bis zu 500 Menschen umgekommen sein. Die Regierung spricht offiziell von 199 Toten. Bis zu 1400 Menschen sollen verschwunden sein. Die EU und USA reagierten mit Sanktionen auf die Repressionen.

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